Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1898)
- Date
- 1898-10-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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62. Jahrgang. Nr. 43. Berlin» 28. Oktober 1898. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner SK- Ludwig Philippson-Äonn. Verlags-Erpe-ition: Äerün, Lerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redaetenr: Gustav Karpeles. Inhalt. Leitartikel: Der achte Gemeindetag. — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Brief aus Oesterreich. — Iellinek und Rießer über den Zionismus. Von Dr. D. Leimdörfer. — Unsere Bibel in Wissenschaft und Unterricht. Von Rabbiner Dr. B. Jacob. — Feuilletonr Die Rose von Saron. XVIII. — Das Geheimniß. Historische Erzählung von A. Stern. — Kitterarische Mittheiluugen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r 'Berlin, Neu-Weißensee, Breslau, Magdeburg, Leipzig, Hamburg, Essen a. d. R., Münster, Karlsruhe, Wien, Budapest, Jerusalem, New-York. — Bon Rah und Fern.— Miseellen. Mer achte Gemeindetag. Berlin, 25. Oktober. er nur nach dem Eindruck der Zeitungsberichte urtheilen wollte, der würde von den Verhandlungen des Gemeindetages und des damit verbundenen Verbandstages kein zutreffendes Bild erhalten. Denn in diesen Berichten ist selbstverständlich nur das Resultat der Debatten gegeben. Nur die Anträge und die Abstimmungen sind mitgetheilt. Von dem Geiste, der die Verhandlungen durchwehte, ist kaum ein Hauch zu verspüren. .Es erscheint deshalb nothwendig, noch einmal resümirend auf den Gemeindetag zurückzukommen. Vor allem wird dabei der wohlthuende Eindruck hervorgehoben werden müssen, den die gesammten Verhandlungen der beiden Tage auf jeden unbefangenen Beobachter hervorgebracht haben. Hier waren ernste, reife Männer, die in ihrer Heimath angesehene soziale Stellungen einuehmen, denen die Noth des Judenthums schwer am Herzen liegt, zu ernster Arbeit versammelt. Praktische und erfahrene Männer, redegewandt und gewohnt, die Dinge von der rechten Seite anzusehen und ohne jede Sentimentalität, rein sachgemäß zu behandeln, haben die Delegirten des Gemeindetages aus allen Theilen Deutschlands eine Fülle von Fragen erörtert, die tief einschneiden in das Gemeindeleben der Gegenwart. Es soll aber nicht übersehen werden, daß ein wesentlicher, ja vielleicht der wesentlichste Antheil an dem Gang und Erfolg dieser Verhandlungen der Leitung des Bundes selbst gebührt, dessen Büreau mit einem Eifer und einer Hingebung arbeitete, dzr das höchste Lob gebührt, und der der Erfolg schon um deswillen" gesichert ist. Alle Vorlagen'wurden von hervorragenden Fachmännern sorgsam ausgearbeitet und in eingehenden Referaten besprochen. Keine Frage kam aufs Tapet, die nicht spruchreif und die in dem Büreau des Bundes nicht vorher in allen Einzelheiten geprüft worden war. Man erkannte, daß ein festes Prinzip in der ganzen Leitung herrsche, und daß eine sichere Hand die Angelegenheiten des Bundes führe. Ganz besondere Anerkennung verdient daher der geschäftsführende Vorsitzende des Deutsch-Israelitischen Gemeindebny.des. Herr Professor Dr. Martin Philippson, für die Umsicht und Einsicht, mit der er die Sache leitete, und durch die schon werthvolle Resultate, sichere Erfolge erzielt worden sind. In der That, Philippson ist der providentielle Mann für die Leitung der Bundesangelegenheiten. Er führt mit Pietät und Sachkenntniß das Werk weiter fort, das sein unvergeßlicher Vater im Interesse der Juden Preußens und Deutschlands in schwerer Zeit begonnen hat. Mann der That, handelte und arbeitete Jener, wo Andere träumten oder in die Irre gingen, und die Geschichte der Juden in Preußen weiß von seinem Wirken zu erzählen. Sie wird aber auch mit Genugthuung die Thatsache konstatiren können, daß der Sohn das Werk des Vaters mit gleichem Eifer und nie ermüdender Hingebung gefördert und fortgeführt hat. Freilich, alle Mühe und Arbeit des Ausschusses wäre ja doch vergeblich, wenn er in seinen Delegirten sich nicht ein Heer von freiwilligen Beamten und zuverlässigen Mitarbeitern geschaffen hätte, die bereitwillig auf die Intentionen des Ausschusses eingehen und diese in ihren Kreisen zur Ausführung bringen. Nur so konnte in verhältnißmäßig kurzer Zeit ein so bedeutsames Werk wie die Begründung von Provinzialverbänden durchgeführt werden. Erst vor zwei Jahren, auf dem siebenten Gemeindetage, wurde die Vorlage eingebracht, und heute haben wir schon acht solcher Verbände in Ostpreußen. Westfalen, Schlesien, Posen und Mitteldeutschland. Die anderen Provinzen werden sicher diesem Beispiel bald Nachfolgen in der Erkenntniß, daß nur durch eine solche Decentralisation der Arbeit die großen Aufgaben gelöst werden können. Von besonderem Interesse und von großer Bedeutung war in erster Reihe die Debatte über die rechtlichen Verhältnisse der jüdischen Gemeinden Deutschlands. Der Gemeindetag als solcher konnte nur eine Enquete beschließen, um durch diese die nachtheiligen Folgen der gegenwärtigen Verhältnisse zu illustriren. Aber es ist wichtig, hervorzuheben, daß trotz verschiedenartiger Ansichten und Auffassungen doch fast durchgehends der Wunsch nach einer Zwangsorganisation und die Ueberzeugung ausgesprochen wurde, daß ohne eine solche eine Hebung der vielfachen Mißstände im Gemeindeleben unmöglich sei. Darüber herrschte auf dem achten Gemeindetag nur eine Stimme, während auf den früheren Gemeindetagen noch sehr erregte Debatten für und gegen eine solche staatliche Organisation geführt wurden. Die Kommission, die schließlich gewählt wurde, um den Entwurf eines neuen Organisationsgesetzes für die Juden in Preußen auszuarbeiten, hat eine große und schwierige Aufgabe. Denn ihr Entwurf wird für die Regierung wie für den Landtag unzweifelhaft das wichtigste Material bei. der bevorstehenden Lösiing dieser Frage bilden. Die Direktiven aber, die der Gemeindetag dieser Kommission gegeben, werden für diese von großem Nutzen sein. . Gegenüber dieser Kardinalfrage traten die anderen Punkte der reichen Tagesordnung natürlich einigermaßen in den Hintergrund, ji $ t Ü-. ■I