Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 42 (21.10.1898)
- Date
- 1898-10-21
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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62. Jahrgang. Nr. 42. Gtmtlnbtbüit. O^er isq« Weitcrge zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöentHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. §2 Berlin, 18. Oktober. In der zahlreich besuchten Urwählerversammlung, die der Vorstand der freisinnigen Bolkspartei zu gestern Abend nach dem Friedrichstädtischen Kasino einberufen hatte, wurden vom Vorstand u. a. die folgenden Kandidaturen bekannt gemacht: Justizrath Edmund Friedemann, Rechtsanwalt Hugo Sachs, Dr. Max Hirsch. Nachgenannt aus der Versammlung wurde noch Stadtrath Dr. We igert. Die Unterstützung fanden aber nur die Kandidaturen Friedemann und Hirsch. Beide Kandidaten hielten Ansprachen. Herr Justizrath Friedemann betonte u. a. aufs Schärfste, daß es sich bei seiner Person nicht um eine „konfessionelle Kandidatur" handle. Ein Abgeordneter habe stets die Pflicht, die Allgemeinheit zu vertreten und" dürfe deren Interessen nie diejenigen einer kleinen Gemeinschaft voransetzen. Allerdings würde er es für zweckmäßig halten, wenn gegenüber der Befehdung einer bestimmten Religionsgesellschaft auch einer der Angegriffenen im Parlament säße und die Angriffe zurückweisen könnte. Dieser würde dabei nur im Interesse der freisinnigen Partei handeln, die die Wahrheit und die Gleichberechtigung zu fördern habe. Diese Ausführungen des Redners fanden stürmischen Applaus in der Versammlung. Sie entsprechen auch genau den Anschauungen, die in diesem Blatte über die Frage stets mit Nachdruck vertreten worden sind. Schließlich wurde ein Antrag Ullmann, alle sieben genügend unterstützten Kandidaten, also auch Friedemann und Hirsch, ohne Debatte den Wahlmännern selbst zur Auswahl zu präsentiren, mit großer Mehrheit angenommen. *** Berlin, 17. Oktober. In der vorigen Woche ist im Nordosten unserer Stadt, in der Straußbergerstraße 9, die fünfte Religionsschule der jüdischen Gemeinde eröffnet worden. Mit der Einrichtung derselben ist, wie wir hören, bis zur Wahl eines Dirigenten der Direktor der jüdischen Mädchenschule, Herr Dr. Adler, betraut worden. Bei den schwierigen Verhältnissen, die im Osten Berlins obwalten, ist der Beschluß der Gemeindeverwaltung um so freudiger zu begrüßen, da wir zuversichtlich hoffen dürfen, daß auch die Wahl eines definitiven Dirigenten auf Herrn Dr. Adler fallen und es der bewährten Kraft dieses vortrefflichen Pädagogen gelingen wird, besonders auch die oft recht fragwürdigen Winkelschulen zu beseitigen, die gerade in dieser Gegend, nicht zum Heile des Judenthums, üppig emporwuchern. L2 Berlin, 17. Oktober. Den Reigen der Vorträge im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur eröffnete am 13.d.M.Herr Geheimer Regierungsrath Professor Dr. Hermann Cohen aus Marburg mit einem ebenso gediegenen wie geistvollen Vortrag, der sicher, wenn er im Druck erscheinen wird, in der gebildeten Welt nicht geringes Interesse erregen dürfte. Der Bortrag gab eine geschichtliche Entwickelung der Bersöhnungsidee, indem er die Geschichte des Opfers auf Grund der neueren Ansichten untersuchte. Der Vortragende zog die wichtige Folgerung, daß die priesterliche Opfergesetzgebung nicht in Gegensatz und Widerspruch gegen die prophetische Gottesverehrung steht, sondern daß sie dem Zusammenhang der prophetischen Entwickelung angehört, und daß sie als ein erhebliches Förderungsmittel derselben sich erweist. Dieser Gesichtspunkt verband die historische Seite des Vortrags mit der philosophischen. Denn indem der Vortragende die Sittlichkeit der Religion von derjenigen der philosophischen Ethik streng unterschied, zeigte er die Hinfälligkeit von Unterscheidungen, die gemeinhin zwischen Religion und Sittlichkeit gemacht werden. Es ergab sich so ein inniger Zusammenhang zwischen der Bersöhnungsidee der Propheten, auch in deren Darstellungim Opferkultus, und den Ideen der menschlichen Sittlichkeit. Insbesondere kamen die Begriffe der Schegaga und der Jeschuba zu eingehender Würdigung. Und in diesem Zusammenhang brachte der höchst bedeutsame Bortrag eine Beleuchtung der Hauptmomente des Versöhnungstages, wie denn auch das Gebet überhaupt in eine ethische Erörterung gezogen wurde. Die Disposition des Vortrages unterschied die Versöhnung zwischen Gott und Mensch von der Versöhnung zwischen Mensch und Mensch und von der Versöhnung des Menschen in seinem eigenen Selbstbewußtsein. Aber die prophetische Bedeutung der Versöhnung zwischen Gott und Mensch stellte sich heraus nicht nur als die Versöhnung zwischen Mensch und Mensch, sondern zugleich als die Versöhnung des menschlichen Selbstbewußtseins. Denn die Unmittelbarkeit Gottes fordert die Unmittelbarkeit des Menschen, also die sittliche Selbstständigkeit des Menschen in seiner Versöhnungsarbeit. Als das Prinzip der jüdischen Versöhnung bezeichnete der Schluß des Vortrages den Satz: Durch den Menschen selbst vor Gott. Das zahlreich versammelte Auditorium dankte dem allgemein geschätzten Redner durch lebhaften Beifall. r. Berlin, 17. Oktober. Für die nächste Sitzung der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüd. Schulmänner zu Berlin", die Sonnabend den 22. ds. Mts. im Vereinslokal „Restaurant Wittner, Königstr. 29" stattfindet, hat Herr Rabbiner Dr. Jacob-Göttingen, dessen Berichte über die Religionsschule zu Güttingen durch die trefflichen und werthvollen pädagogischen Beigaben mit Recht Aufsehen erregt haben und namentlich in der „Wissenschaftl. Vereinigung" gewürdigt worden find, einen Vortrag über das Thema „Unsere Bibel in Wissenschaft und Unterricht" übernommen. Zu dem Vortrag, der pünktlich 9 Uhr Abends beginnt, sind Gäste herzlich willkommen. S£2 Berlin, 17. Oktober. Im Gegensatz zu den Klagen über die Zurückweisung etlicher Kinder jüdischen Glaubens bei der Aufnahme in eine der Privatschulen des Westens wollen wir darauf aufmerksam machen, daß hinsichtlich der städtischen höheren Töchterschulen zu solchen Beschwerden gewiß kein Grund vorhanden ist. Denn das Verhältniß der solche Anstalten besuchenden Schülerinnen ist dem religiösen Bekenntniß nach folgendes (am 1. Februar 1898): 1. Luisenschule . . . . :. 445 ev. 16 kath. 242 jüb. 2. Viktoriaschule . . . ... 703 486 „ 7 „ (Sdiss.) 205 „ 3. Sophienschule . . . ... 716 „ 366 „ 4 „ (3diff.) 343 4. Charlottenschule . . . 722 416 „ 6 „ <3biff.) 297 5. Margarethenschule ... 698 " 387 „ 8 „ (4 biff.) 299 6. Dorotheenfchule . . ... 665 „ 488 „ 15 „ 162 „ 4207 Schül . 2588 ev. 56 kath. 15biff. 1548 jüd. Es besuchen also 37 v. H. jüdische Mädchen diese sechs Anstalten. Die im Westen liegende Charlottenschule hat sogar über 41 v. H. (die Sophienschule 48 v. H.) jüdische Schülerinnen, während nur 57 v. H. evangelisch find; Berlin hat aber nur etwa 3 v. H. jüdische, dagegen 87 v. H. evangelische Einwohner. £2 Berlin, 18. Oktober. Im nächsten Jahre wird eine der verdienstvollsten Wohlthätigkeits-Anstalten Deutschlands — das jüdische Kurhospital zu Kolberg — das Fest ihres 25jährigen Bestehens begehen. Dieses Fest soll gleichzeitig der Markstein eines erfreulichen Fortschritts in der Entwickelung der Anstalt werden durch die Eröffnung des heute bereits im Rohbau fertigstehenden neuen Hauses. Eine günstige Gelegenheit zur Erwerbung des Nachbargrundstücks, der baufällige Zustand der alten Gebäude, die geringe Zahl von nur 33 Betten, die gegenüber den modernen hygienischen Anforderungen ungenügenden Verhältnisse der Anstalt — alles drängte zwingend, Wandel zu schaffen. Das neue Hospital, 41 Krankenzimmer mit Raum für 100 Betten, ein eigenes Soolbad und die sonst erforderlichen Räume und Einrichtungen enthaltend, erfüllt in seiner Anlage alle sanitären Bedingungen; es wird den Pfleglingen zugleich einen behaglichen Aufenthalt gewähren, und es ist trotz der gebotenen Einfachheit eines der stattlichsten Gebäude Kolbergs, eine Zierde der Stadt geworden. Das hier in Berlin bestehende Komitee hatte sich dem Vorstand und dem Kuratorium zur Beschaffung der Mittel für den Neubau zur Verfügung gestellt in der Ueberzeugung, daß das Kolberger Kurhospital mit Recht Anspruch auf