Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-10-21 · Heft 42 (21.10.1898) · p. Seite 504

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 42 (21.10.1898)
Date
1898-10-21
Page
Seite 504 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228300--54982-3291167
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

504 steins verschlossen, der Deine Krone ziert. Siehe, auf dem Throne Israels sitzt die Weisheit »nd die Gerechtigkeit. Dein Volk ist glücklich, weil es den weisen Aussprüchen Deines Mundes lauschen darf. Dein Volk ist glücklich, weil Deine Gerechtigkeit waltet in den gesegneten Fluren Deines Reiches. Und Du hast süße, begeisterte Lieder Deinem Jchovah gesungen, und diese frommen, heiligen Weisen tönen unablässig von den Lippen Deines Volkes." Ein Lächeln verschönerte die edel ausdrucksvollen Züge des Königs. Und diesmal war es nicht das Lächeln eines hochmüthigen Herrschers, sondern das milde Wohlgefallen einer edlen, sich selbst vertrauenden Seele. „Möge Israel denken wie Du, schöne Fürstin!" versetzte der Gebieter Zions. (Forts, folgt.) -AM Mas Gehrirrmrß. Historische Erzählung von A. Stern. Ul. n dem Känimerlein des Jbn Wakar saß bei ihm Rabbi Mardochai Jaffe, der gekommen war, sich eines inneren Uebels wegen Raths zu erholen. Nach der gewöhnlichen Weise der jüdischen Gelehrten, hatte Mardochai das Gespräch auf verschiedene streitige und unverständliche Stellen des Talmuds gelenkt, und als sie durchaus nicht einig werden konnten, hatte Jbn Wakar seinem Gegner erklärt, er könne nicht gut einen Widersacher leiden und wolle lieber die ihm, dem Mardochai, zuträgliche Arznei bereiten. Aber mit wachsendem Aerger hatte dieser an den Buchstaben des Gesetzes klebende Mann wahrgenommen, daß der Arzt sich, um die Mittel zu mischen, eines aus kostbarem Stein geschnittenen Bechers bediente; sein Entsetzen wuchs jedoch zum riesenhaften Grauen, als Jbn ihm, ohne weiter Arg dabei zu haben, den Kelch hinreichte, die Arznei daraus zu trinken. „Schemah Israel (Höre Israel!)" rief er, „ein Kelch, und den gebt Ihr mir, Rabbi?" Steht denn nicht geschrieben in dem Sepher Toledoth Adam Vechawa, der Kelch und die Rauchfäßlein sind Gefäße der Abgötterei!!" „Das", antwortete Jbn Wakar verdrießlich, „ist zu verstehen von den Gefäßen der Heiden bei ihrem Gottesdienst, hat aber hiermit gar keine Gemeinschaft." „Keine Gemeinschaft!" erwiederte Jener. „Ihr träumt, Rabbi, Wort bleibt Wort und darf um kein Jod anders gedeutet werden!" „Ach, Posten!" entgegnete der Arzt, „wollt Ihr es nehmen, ehe es schaal wird? Es wird Euch sonst nicht viel helfen!" „Was, aus dem Kelch?" rief Jaffe, „nimmermehr!" „Nun, so laßt es bleiben," entgegnete der Arzt, „und Ihr — bleibt krank!" „Wie würd' ich solches thun," versetzte der Rabbi, „handeln gegen das heilige Gesetz; aber ich seh' es zu gut, ihr gehört zu den Minim, und verflucht sei der Tritt, den ich wieder in Euer Haus thue. Und wenn ich sterben sollte, ich komme nicht wieder her; denn es heißt in Avoda Sara: der Mensch soll nicht mit den Ketzern zu thun haben und sich nicht von ihnen heilen lassen, nicht einmal so viel dies zeitliche Leben betrifft. Ich aber will zum Kahal (dem Gemeindevorstande), und keine Stunde sollt Ihr länger bleiben in Prag." Mit diesen Worten verließ er rasch das Gemach; aber ehe er aus der Thür trat, faßte ihn Jbn Wakar bei dem Arm und sagte: Jalkut Schimoni sagt: vier Haufen kommen nicht vor Gottes Gericht: der Haufen der Heuchler, der Haufen der Lügner, der Haufen der Spötter und der Haufen der Verleumder." Mardochai Jaffe stieß noch einen Fluch aus über den Unheiligen, wie er ihn nannte, der vielleicht gar getauft sei, und eilte fort. Dieses wie alles Frühere war laut gesprochen worden und zog die Aufmerksamkeit des heranstürmenden Studentenhaufens an. Sie packten den Mardochai und befahlen ihm, zu sagen, wo der größte Christenfeind wohne. Augenblicklich schwebten diesem Greuelszenen vor, wie sie achtzig Jahr vorher (1389) in Prag waren ausgeübt worden, wo man fast alle Juden ermordet hatte, weil sie einen Priester mit dem Sakrament auf dem heiligen Wege sollten beleidigt haben. In doppelter Absicht, theils um desto leichter zu entwischen, theils um sich an dem Ketzer zu rächen, zeigte er ihnen das Haus des Jbn Wakar. Augenblicklich sprengten sie die Hausthür, zwangen aber den Verleumder, allen Sträubens und Bittens ungeachtet, mit ihnen zu gehen, und bebend mußte er gehorchen. Als sie in Jbn Wakars Gemach stürmten, trat ihnen dieser ruhigentgegen und fragte, was sie begehrten. „Bist Du ein Jude?" rief Einer. „Würde ich sonst hier wohnen?" war die Antwort. „Und ein Arzt?" schrie ein Anderer. „Ich kenne die geheimeren Kräfte der Natur", entgegnete gelaffen Jbn Wakar, „und habe manchem Eurer Glaudensgenosien durch mein unbedeutendes Wissen und meinen redlichen Willen das Leben gerettet." „Aber noch mehr in die Gruft spedirt!" unterbrach ihn der Student. „Hier, der behauptet's, und eine Jude wird doch nicht schändlich den Anderen verleumden; ihr klebt ja doch sonst so fest zusammen wie die Kletten. Er sagt, Du habest mehr als einem Christen statt der Medizin Gift gegeben und ihn so hinterrücks in die Grube spedirt." Jbn warf einen ernsten Blick auf Mardochai, schüttelte den Kopf und schwieg. „Hol's der Henker," fuhr einer der Betrunkensten auf, „was unterhandelt Ihr noch lange, stoßt ihn nieder und steckt ihm das Haus über dem Kopf an!" „Ruhig!" donnerte ein Dritter im Uebermuth, „den Weg des Rechten muß es gehen, er muß peinlich inquirirt werden!" „Ja, ja, wir wollen hier Gericht halten!" riefen Einige dazwischen. „Der Böhmensenior soll ckuckex supremus1) sein und die Anderen Beisitzer." Ad loca2). (Forts, folgt.) Briefkasten der Redaktion. I. L. in B. Sie haben Recht. In Bromberg besteht und gedeiht der Verein für jüdische Geschichte und Litteratur. Es sollte vielmehr Bamberg heißen. S. O. hier. Der Reformator der gerichtlichen Medizin, Geh. Obermedizinalrath Johann Ludwig Casper, dem in dieser Woche im Hörsaal des Institutes für Staatsarzneikunde ein Denkmal errichtet wurde, war ein geborener Jude, ein Reffe von Rahel Varnhagen. M. S. in B. Der Aufsatz wird bestimmt erscheinen. Rur Geduld! L. M. in U. Mit Vergnügen konstatiren wir die Thatsache, daß der „Israelitische Leseverein" in Ul ni, der seit 1858 besteht, ebenfalls in die Reihe der jüdischen Litteraturvereine zu stellen sei. L. O. 57. Predigern, Lehrern rc. wird die Ausgabe der Ethik von Prof. Lazarus ä 2 Mk. franko ins Haus geliefert, welche im Buchhandel 3 M. kostet; diese ist der ä 6 Mk. in Druck und Format gleich; und nur das Luxuspapier unterscheidet die letztere. '■) Oberrichter. 2) An Euere Plätze. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.