Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 42 (21.10.1898)
- Date
- 1898-10-21
- Page
- Seite 495 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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WW8WWW WWWW MWWWM««WW 495 — Nichts vorgreifen und gehe von der Ansicht aus, daß es diesen Letzteren speziell kobliegt, für die gefammten Baukosten des geplanten Institutes allein aufzukommen. Ich meinerseits verpflichte mich, nachdem Ihnen die veranschlagten Baugelder zugestchert sein werden, dem Siechenhause für die Erhaltungskosten von wenigstens 6 Betten (a cirka fl. 8000 per Bett) ein Kapital von fl. SO000, sage fünfzigtausend Gulden ö. SB., zu schenken. Ich bitte Sie, mich davon zu unterrichten, sobald Sie die für den Bau benöthigte Summe gesammelt haben werden, und zeichne mit vorzüglicher Hochachtung Baronin Hirsch-Gereuth. Vornehmer und zutreffender konnte jenes Ansinnen nicht zurückgewiesen werden. Hoffentlich versteht man diese Lektion auch anderwärts. * Wir freuen uns herzlich, eine Nachricht dementiren zu können, die wir in der vorigen Woche selbst gebracht. General Lambert, der Verfasser des famosen Briefes an den Oberst v. Schwartzkoppen, erklärt nämlich in einer neuen Zuschrift an „Matin", man verwechsle ihn mit einem General Lambert, der allerdings Jude war, doch schon vor einigen Jahren gestorben sei. Er selbst sei Bretone und' Katholik mit ausschließlich katholischen Vorfahren. — Der Direktor im Marineministerinm dagegen. M. Jgnace, ist noch Jude. Sehr interessant ist die Abfertigung, die das Hauptorgan des Centrums, die „Kölnische Volkszeitung", der vaterlandslosen Antisemitengesellschaft giebt, die mit Drumont und Deroulöde fraternisirt, blos weil es gegen den Juden Dreyfus geht, und die deshalb sogar an das Centrum zu appelliren versuchte: „Wenn ein Theil der französischen Katholiken das Bedürfniß fühlt, die Dreqfus-Affäre zu einer großen Staatsaktion aufzubauschen und dabei möglicherweise genau so hereinzufallen wie bei der Verbrüderung mit dem tapferen Boulanger, so ist das ihre Sache. Wir sehen keinen Grund, ein derartiges Abenteuer mitzumachen aus dem einzigen Grunde, weil Dreyfus Jude ist. Vielleicht ist der Mann schuldig, vielleicht unschuldig; aber so viel steht fest, daß seine Gegner gefälscht und mit der Justiz ein schmachvolles Spiel getrieben haben und zu treiben fortfahren. Ob es Herrn Zimmermann wohl ist in der Gesellschaft des Obersten Henry und des edlen Esterhazy, muß er selbst wissen." * Die politischen Zionisten haben, rascher als zu befürchten war, das Ziel erreicht, das alle Einsichtigen dieser planlosen Agitation vorher verkündet haben, nämlich das strenge Verbot jüdischer Einwanderung in Palästina. Zwar hat die türkische Regierung schon seit einigen Jahren jüdischen Auswanderern von Oesterreich, Rußland und Rumänien die Ansiedelung in Palästina verboten. Trotzdem haben sich Viele ansässig gemacht. Neuerdings aber hat die zionistische Bewegung in Europa die Aufmerksamkeit der Behörden in dieser Angelegenheit erregt. Der Großvezier hat deshalb strengen Befehl erlaffen, allen auswärtigen Juden aller Nationalitäten ohne Unterschied das Betreten Palästinas zu untersagen, wenn nicht hinlängliche Bürgschaft gegeben wird, daß sie innerhalb dreißig Tagen das Land wieder verlaffen. Auch britische Juden sind natürlich dieser Vorschrift unterworfen. Mehreren "britischen jüdischen Familien, die kürzlich in Jaffa eintrafen, wurde die Landung nicht gestattet. Sie waren gezwungen, mit demselben Schiffe, das sie gebracht hatte, zurückzukehren, und ihre Proteste bei den Konsuln blieben vergeblich. Der Gemeindetag. - Berlin, 16. Oktober. Ser von dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde einberufene achte Gemeindetag fand heute in den Räumen des hiesigen Bereinshauses in der Wilhelmstraße statt. Auf demselben sind nach der vorgenommenen Prüfung der Mandate 111 Gemeinden und sieben Gemeindeverbände mit 132 Stimmen vertreten. Die Tagesordnung war eine sehr reichhaltige und setzte sich aus zwölf Punkten zusammen; die Durchberathung derselben nahm mit einer nur halbstündigen Pause die geraume Zeit von fast sieben Stunden in Anspruch. Die Versammlung wurde durch Herrn Professor Philippson, den geschäftsführenden Vorsitzenden des Gemeindebundes, eröffnet. Er hieß die aus allen Theilen des deutschen Vaterlandes erschienenen Delegirten auf das Herzlichste willkommen, die dadurch aufs Neue beweisen, daß das deutsche Judenthum trotz aller Verschiedenheiten individueller Rücksichten und Anschauungen die gemeinsame Sache des Judenthums zu führen und zu verfechten sich bestrebe. Er stellte sodann die satzungsgemäße Einberufung des Gemeindetages und ebenso die satzungsgemäße Bekanntgabe der Tagesordnung fest und schlug für die Leitung der Verhandlungen vor als ersten Vorsitzenden Rechtsanwalt Dr. Eugen Fuchs, Berlin, der von der hiesigen Gemeinde delegirt ist, als zweiten Vorsitzenden Justizrath Benfey-Hannover, als dritten Vorsitzenden Benjamin Hirsch- Halberstadt, das jüngst gewählte Mitglied des Gemeindebundes. Die Borgeschlagenen werden unter allseitiger Zustimmung der Versammlung durch Zuruf gewählt. Rechtsanwalt Dr. Fuchs übernimmt den Vorsitz unter lebhaftem Dank und weist auf die hohe Bedeutung, die Mission und die bisherigen Erfolge des Gemeindebundes hin. Der Gemeindebund sei es, der dem Rechte und der Freiheit der Persönlichkeit die Pflicht der Gesammtheit entgegenstellt, und dieses Zusammentreffen von Recht und Pflicht erfülle uns mit unversiegbarem Optimismus für die Zukunft. Die religiöse Gemeinschaft, die zu vertreten habe die Pflege der Bildung und der Wohlfahrt, bedürfe wie der Staat selbst zu der Erfüllung dieser Pflichten der einheitlichen Zusammenfassung aller Personen. In zwei Punkten der Tagesordnung seien die ersten Etappen zur Schaffung der Organisation gemacht. Er hoffe, daß sich daraus das entwickeln möge, was wir für das Judenthum hoffen, und in diesem Sinne wünsche er dem Gemeindetage und seinen Arbeiten ein wirksames Ergebniß. Der Vorsitzende beruft alsdann zu Schriftführern die Herren Rechtsanwalt Dr. Friedländer-Potsdam und R^htsanwalt Dr. Seligsohn-Wiesbaden Die stellvertretenden Vorsitzenden nehmen ebenfalls die auf sie gefallene Wahl dankend an. Damit sind die ersten beiden Punkte der Tagesordnung erledigt. Zu Punkt 3: „Berichterstattung des Ausschusses über die Angelegenheiten des Bundes, insbesondere über die Kaffenverwaltung" und zu Punkt 4: „Bericht der bisherigen Kassenrevisoren", werden den Delegirten gedruckte Vorlagen unterbreitet. Zu dem ersten Bericht giebt Herr Professor Philippson noch einige Zusätze. Zu den Provinzialverbänden, die als wirksam bereits aufgeführt seien, habe sich nach der Drucklegung des Berichtes der Verband der jüdischen Gemeinden der Provinz Sachsen hinzugesellt. Er richtet alsdann einen warmen Appell an die Delegirten, innerhalb ihrer Gemeinden die Zwecke des Bundes in materieller Weise mehr zu fördern. Er weist ferner auf die Petition hin, die der Gemeindebund im Januar 1897 an das preußische Kultusministerium behufs Einsetzung eines obligatorischen Religionsunterrichts gerichtet hat. Eine Antwort sei nicht erfolgt, und zwar aus dem Grunde, daß das Ministerium überhaupt nicht auf Anträge antworte, die von einem Verein ausgehen, der nicht das Recht einer juristischen Persönlichkeit habe. Doch habe der Ministerialdirektor, Herr Geheimrath Kü gler, freiwillig einer vom Gemeindebund entsandten Deputation versprochen, daß alle diejenigen jüdischen Gemeinden, die mindestens zwölf unterrichtspflichtige Kinder besäßen und nicht im Stande wären, die Mittel für Anstellung eines geprüften Lehrers aufzuwenden, vom Ministerium aus einem hierfür bestehenden Dispositionsfonds unterstützt werden sollten. Die Gemeindeverbände, die in diesem Sinne eingekommen seien, hätten freilich vom Ministerium abschlägigen Bescheid erhalten. Ein darauf seitens des Referenten an den Ministerialdirektor gerichteter Protest sei unbeantwortet geblieben, doch habe der Ministerialdirektor in persönlicher Unterhandlung geantwortet, er sei mißverstanden worden. Der Kultusminister Dr. Bosse f I