Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 42 (21.10.1898)
- Date
- 1898-10-21
- Page
- Seite 494 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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494 Bersittlichung; die Bersittlichung aber vollzieht sich durch Gesetzlichkeit. Gesetzlichkeit heißt die anf Erfüllung aller Gebote gerichtete Gesinnung, die stetige Bereitwilligkeit und der energische Wille, pflichtmäßig, d. h. nach der Norm des Gesetzes zu handeln. Die Gesetzlichkeit ist das Ziel des Gesetzes und die Quelle der Freiheit zugleich. Dabei kommt es natürlich zu einer Auseinandersetzung zwischen Naturgesetz und Sittengesetz. Das Wichtigste in der Lehre des Judenthums ist nun dieses: das Sittliche besteht nicht in einer Verwerfung, einer Bekämpfung, Zerstörung oder Verwüstung der Natur. Natur- und Sittengesetz ergänzen sich, jenes ist die Grundlage der sittlichen Weltordnung. Ist aber das ethische Ideal des Judenthums die Heiligkeit und das Ziel aller Sittlichkeit, die Heiligung des Lebens, d. h. die harmonische Einheit aller sittlichen Ideen, so folgt daraus nothwendig zur Vollendung des Kreises auch die Vereinigung des Menschen, denn nicht der Einzelne, sondern nur die Gesammtheit kann im wahren und eigentlichen Sinne heilig sein. Die Moral des Judenthums geht überall von dem Gedanken aus, daß der moralische Zweck und der moralische Erfolg des Einzelnen sein Wohlbefinden, sein inneres Wachsthum, die Erhöhung seiner Persönlichkeit in völliger Harmonie mit dem nioralischen Zweck und Bestand der Gesammtheit sich befinden. Aus diesem Grundprinzip geht die Sozialethik des Judenthums hervor, seine erhabenen Anschauungen über die Ehe, über das Verhältniß von Eltern und Kindern, über das Familienleben, über die Kultur der Menschheit, über Krieg und Frieden, über Nächstenliebe und Mitleid. Die ethischen Ideen: Recht. Billigkeit und Liebe sind nur verschiedene und spezifische Formen der Zusammenschließung der Menschen, die der höchste Zweck unseres Daseins ist. Diese Zusammenschließung der Seelen, diese Vereinigung der Individuen, diese Erhebung aller Völker zur sittlichen Einheit des Menschengeschlechts ist das messianische Ideal des Judenthums. Wohl mag es noch für ferne Zeiten ein Ideal bleiben, aber — es ist göttliche Verheißung. „Und das Wort Gottes besteht für die Ewigkeit." Damit schließt der erste Band der Ethik des Judenthums in wirkungsvoller Weise ab. Schon aus dieser kurzen Inhaltsangabe wird Jeder ersehen können, daß mit diesem Werk ein neues geschichtliches Bewußtsein und Lebensprinzip in die Wirklichkeit hineingetragen wird: das Prinzip bewußter Entwickelung. Ein objektiver Zusammenhang, eine Kontinuität der religiösen und philosophischen Anschauungen, die Zurückführung aller großen und ethischen Gedanken auf biblische und talmudische Quellen, mit einem Wort, ein vollständiges System der jüdischen Ethik ist hergestellt, das die Eigenart der jüdischen Weltanschauung und zugleich auch die Kontinuität des jüdischen Geisteslebens in Hellem Lichte erstrahlen läßt. Ziel und Gang der Entwickelung sowie die Mittel derselben und die Stufen des Weges stehen uns im denkenden Geiste klar vor Augen. Schon daraus können wir ersehen, von welcher großen allgemeinen Bedeutung dieses Werk werden muß, wenn die Tendenzen dieser Ethik praktisch werden, wenn sie ins Bewußtsein und in den Willen der Allgemeinheit eindringen und sich überall in That und Leben Israels umsetzen. , Mit dieser Zuversicht, die unser Trost in dem Jammer der Gegenwart sei, scheiden wir von dem großen Werke des greisen Forsches in der Hoffnung, daß auch diesmal, wie so oft schon im Geistesleben der Menschheit, „aus stillem Denken keimt ein wachsend Leben!" . Me Woche. Berlin, 19. Oktober. ahnt es, sich nachträglich noch mit dem Parteitag der deutsch-sozialen Reformpartei zu beschäftigen, der in der vergangenen Woche in K a s s e l getagt hat? Um der Verhandlungen willen gewiß nicht, wohl aber wegen einiger charakteristischer Momente, die nicht unbeachtet bleiben dürfen. Da ist zunächst die Thatsache zu erwähnen, daß die Partei nur die beiden Kandidaturen von Liebermann von Sonnenberg und Werner für den Landtag aufrecht erhält, im Uebrigen aber den Parteigenossen strengste Wahlenthaltung empfiehlt. Interessant ist es ferner, daß der Antrag auf Erlaß eines Schächtverbots für überflüssig erklärt wurde, da die Fraktion seit Jahren bereits dafür eintrete, und daß ferner der Antrag : „Die antisemitischen Reichstagsabgeordneten werden dringend gebeten , im Reichstage künftig ihre Stimme zu erheben gegen jüdische Namensänderung und Adelverleihung", der Fraktion zur Berücksichtigung überwiesen wurde, wobei der schleswig-holsteinische Graf Reventlow bemerkte, daß der Krone das Recht nicht eingeengt werden solle, sich mit jüdischen Baronen zu umgeben, nur wäre zu wünschen, daß diese Herren dann auch ihre Namen Baron Cohn rc. behalten. Das interessanteste Moment des ganzen Parteitages war aber unstreitig die Erklärung des Herrn Oswald Zimmermann für das Abnehmen der antisemitischen Stimmen bei den letzten Reichstagswahlen. „Es fehlten die Bankbrüche der Cohn und Sommerfeld, die im Jahre 1893 noch in frischer Erinnerung waren!" Also das ist der Boden, auf dem die antisemitische Agitation allein bestehen kann! Der Parteitag hat sich schließlich dafür entschieden, daß die Agitation wieder lebhafter als in den letzten Jahren betrieben werden solle. Grund genug für alle Gegner des Antisemitismus, nach wie vor auf dem Posten zu stehen und ihre Abwehrthätigkeit ebenfalls lebhafter zu gestalten. Auch ein christlich-sozialer Parteitag hat in der abgelaufene» Woche in Gießen stattgefunden, bei dem natürlich Stöcker das große Wort führte. Ebenso natürlich ist, daß dieser soziale Pastor a. D. seine Christenliebe dadurch bethätigte, daß er die Fortsetzung des Kampfes gegen die Juden ankündigte. Dann wurde noch eine Sympathiekundgebung für die „reinen" Antisemiten beschlossen, die zu gleicher Zeit in Kassel tagten. Gleiche Brüder, gleiche Kappen! Eine tüchtige Lektion hat Frau Baronin Hirsch, diese wahrhaft fürstliche Wohlthäterin, deren Spenden einzig dastehen in der Geschichte unserer Zeit, der Wiener Gemeinde, gegeben. Aber sie gebt nicht blos diese, sondern auch viele andere Gemeinden und Vereine an, die sich an die edle Frau wenden, ohne vorher an ber Wohlthätigkeitssinn ihrer eigenen Mitbürger appellirt zu haben. Di Wiener Gemeinde hat bekanntlich anläßlich des Kaiserjubiläums be schloffen, ein Siechenhaus zu errichten. Sehr schön. Sie hat ob?:' nicht erst den Erfolg der Sammlung für diesen Zweck in Wien selbst abgewartet, sondern sich gleich an Frau Baronin Hirsch noc; Paris mit der Bitte um Betheiligung an dieser Sammlung gewandt. Darauf haben die Herren folgende, sehr bemerkenswerthe Antwort erhalten: Paris 19. Juli 1898. „An den verehrt. Vorstand der isr. Kultusgemeinde in Wien. Sehr geehrte Herren! \ Ich erhielt Ihre geschätzte Zuschrift vom 22. Juni, und von der griffen Nothwendigkeit eines Siechenhauses für die Gemeinde überzeugt, bin ich gern bereit. Ihrer Aufforderung zu entsprechen. Nur möchte ich der' , lokalen Opferwilligkeit unserer dortigen Glaubensgenossen io 1