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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-10-21 · Heft 42 (21.10.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 42 (21.10.1898)
Date
1898-10-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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mm m «WWWW» 62. Jahrgang. Nr. 42. Allgemeine Berlin, 21. Oktober 1898. eitung öes Audenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Nedaetenr: Gnstav Karpeles. Begründet von Rabbiner Ludwig PHUippsön-Äonn. Verlags-Erpediüon: Gerlin, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin | SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel; Unsre Ethik. — Die Woche. - Der Gemeindelag. — Die Stellung der Rabbiner. Von Felix Mako wer. — Feuilleton: Die Rose von Saron. XVII. — Das Geheimniß. III. Historische Erzähnma von A. Stern. — Briefkasten der Redaktion. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, >>wllub, Aus der Provinz Posen, Stettin, Gleiwitz, Ziegenhals i. Schl., Hamburg, Speyer, Karlsruhe, Wien. — Don Nah und Fern. — Miseetten. Unsre Ethik. Berlin, 18. Oktober. (o^ftriebet schlagen wir nach uralter Vätersitte die heiligen Bücher ,auf und lesen in wöcheutlicher Reihenfolge die Erzählungen * und Berichte, die Reden und Sprüche, welche in der Thora zu einem einheitlichen Ganzen harmonisch geordnet sind. Und immer von Neuem staunen wir ob der Weisheit und Einsicht, ob der Klarheit und sittlichen Größe, die in diesem heiligen Buche walten. Schon auf den ersten Blättern des ersten Abschnittes, der am Sabbath nach dem Feste zur Verlesung kam, ist die ganze jüdische Ethik in ihrer vollen Größe und in ihrer bis heute unübertroffenen Reinheit kurz und klar ausgesprochen. Der erste Vers des fünften Kapitels im ersten Buche Moses lautet also: „Dies ist das Buch der Geschichte des Menschen; als Gott den Menschen erschuf, erschuf er ihn in seinem Ebenbilde." Mit Recht erilärt ein gefeierter Lehrer des Talmud diese Anschauung für die wichtigste der jüdischen Sittenlehre. „Des Menschen" — das bedeute: aller Menschen in ihrer Einheit und in ihrer Gleichheit. Von dieser erhabenen Weltanschauung aus entfalten sich nun im Judenthum die ethischen Grundgedanken bis zu einer Höhe, welche die Schranken des Cerenioniells, der Nationalität, der Glaubensgenossenschaft durchbricht und nur den Menschen als solchen kennt und nur das allgemein Menschliche als das Menschenwürdige hervorhebt. Und doch, wie oft ist diese Ethik des Judenthums verkannt, unterschätzt und verleumdet worden! Aus dem Zusammenhang gerissene Stellen, falsche Uebersetzungen und noch falschere Auslegungen gaben insbesondere in den letzten 25 Jahren nur zu oft willkommene Veranlaffung, die ethische Weltanschauung des Judenthums herabzusetzen. Allein schon aus diesem Gesichtspunkte müffen wir es als ein großes und verdienstliches Werk bezeichnen, daß Herr Professor Lazarus es unternommen hat, ein vollständiges System der jüdischen Ethik aufzustellen. Dieses Werk liegt nun nach jahrelanger, mühevoller Arbeit vollendet da, und es erscheint als eine Ehrenpflicht der jüdischen Presse, die allgemeine Aufmerksamkeit auf daffelbe zu lenken, denn nicht blos um ein bedeutsames litterarisches Werk handelt es sich in diesem Falle, sondern um eine sittliche Thät, die schwer in die Wagschale fallen wird gegenüber den Angriffen auf unsere Sittenlehre und gegenüber den mit großer Konsequenz immer fortgeführten Versuchen, diese zu Gunsten der christlichen oder der allgemeinen Ethik herabzusetzen. , Indem wir natürlich eine eingehende Besprechung dieses Werkes der Fachkritik überlassen, die hoffentlich bald ihres Amtes walten wird, möchten wir für heute nur die Grundgedanken hervorheben, auf denen sich dieses neue und vollständige, allen Forderungen der modernen Wissenschaft entsprechende, gleichwohl aber alle Polemik, alle Apologetik und jede Parallele abweisende System der Ethik des Judenthums aufbaut. Der erste Band des nunmehr vorliegenden Werkes beschäftigt sich vor allein mit der Grundlegung der Sittenlehre und dann mit dem Ziel aller Sittlichkeit. Wir lernen die Quellen der jüdischen Ethik kennen, die ihre Grundlage in der Bibel, ihre Erweiterung und ihren Ausbau in den rabbinischen Schriften gefunden hat. Wir lernen die einzelnen ethischen Triebkräfte kennen, deren Kontinuität trotz der Systemlosigkeit der Quellen doch ein System der jüdischen Ethik ermöglicht hat. Diese Ethik ist natürlich ursprünglich eine theologische: Gott ist der Gesetzgeber. Aber das Sittengesetz geht nicht etwa aus einem Willensakt und Befehl, sondern ans dem ureigenen Wesen Gottes hervor. Seine Quelle ist die Gottähulichkeit des Menschen, sein Prinzip die Idee des Guten als die höchste und als letzter Zweck. Der Charakter der jüdischen Sittenlehre ist nicht national, sondern universal. Schon die älteste Ethik des Judenthums ist vorzugsweise Sozialethik. Sie geht aus einer einheitlichen Weltanschauung hervor, in der auch die Natur als Ganzes nur in der Einheit erfaßt wird. Die Grundanschauung des Judenthums, der Rabbinen so gut wie der Propheten, wird in folgendem Satz formulirt: „Gegenüber dem auf dem Grunde der Naturbedingungen und der natürlichen Antriebe gestalteten Leben des Menschen, das sich im gewöhnlichen Weltlauf darstellt, wird eine neue innere Welt geistigen und sittlichen Daseins gefordert, welches nothwendig zu einer Einheit Aller im Geiste führt. Zum Aufbau der sittlichen Weltordnung, zur geistigen Gestaltung der Ideenwelt und ihrer Verwirklichung im realen Leben ist die ganze Menschheit berufen." Das Ziel der Sittlichkeit aber ist: Heiligung des Lebens. Heiligung heißt jedoch nichts anderes als die vollkommene Versittlichung der menschlichen Gesellschaft oder der Menschheit. Das Verhältniß des ethisch Heiligen zum religiös Heiligen ist für die ethische Erkenntniß von besonderer Bedeutung. Das religiös Heilige, d. h. das vollkommen Religiöse, ist im Geiste des Judenthums ohne das Sittliche nicht denkbar, denn unser Gottesbewußtsein ist erfüllt von Gedanken der Sittlichkeit, auf die es sich gründet. Der besondere Charakter der jüdischen Ethik offenbart sich mm aber in dem ferneren Ausbau dieser Gedankenwelt. Heiligung ist

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