Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1898)
- Date
- 1898-10-14
- Page
- Seite 492 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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492 italienischen Arbeiter eine unmotivirte Hetze hervorgerufen hat. Diese Verallgemeinerung, diese Verschärfung der Raffen-Gegensätze ist auch' eine von den Erfindungen der Neuzeit, die wir den Antisemiten verdanken. Vielleicht ermannen sich die besonnenen Diplomaten und' die Regierenden, welche mit wenig beneidenswerther Langmuth und verschränkten Armen zusahen, wenn nicht sogar behaglich schmunzelten, da diese Methode gegen die Juden angewandt wurde, nunmehr sie erfahren müffen, daß die Sache hin und wieder einmal auch umgekehrt kommen kann. Diese Raffentheorie ist ein zweischneidiges Schwert — und vor allem sollten ehrliche konservative Staatsmänner davor zurückschrecken, sich solcher Waffen zu bedienen. Fitterarrsche MittheUrmgen. ----- Pessach. viseours prononce au temple israelite de Nice par Honel Meiss, Rabb. Nice, Malvano 1898. Die französische Predigt hat sich in den letzten Jahren unter der Führung eines Meisters wie Zadoc Kahn in ausgezeichneter Weise entwickelt. Auch die vorliegende Pessachpredigt des Rabbiners zu Nizza ist ein vorzügliches Zeugniß dafür. In klarer, überzeugender Weise, mit großer rhetorischer Gewandtheit und Formvollendung hat Herr Rabbiner Meiß seinen Zuhörern das Thema von der Existenz Gottes, die das Pessachfest in so unwiderleglicher Weise darlegt, vorgeführt. Bon ganz besonderem Interesse ist die Betrachtung der Verhältnisse der Lage der Juden im Mittelalter und zu Beginn der neuen Zeit. Wir führen als Beispiel nur den folgenden Passus an, nach einer trefflichen Uebersetzung der Rede, die uns von dem bekannten hiesigen Schriftsteller Dr. Adolf Reich zur Verfügung gestellt wird. Dort heißt es: „Ganz besonders in unserem theuren Lande, in den schönen Gemeinden des südlichen Frankreich, in der Grafschaft Venaissin, in den päpstlichen Gebieten grämten sie sich als Ausgestoßene, stets als Fremde angesehenzu werden, zumal sie doch genau wußten, daß ihre Vorfahren den römischen Legionen in den Zeiten Cäsars nach Gallien gefolgt waren, daß sie dort Wurzel gefaßt hatte, daß ihre Kinder dort geboren werden, daß ihre Väter dort den ewigen Schlaf schliefen, und daß sie die romanische Sprache in ihrer ganzen Reinheit schon redeten, als der Bretagner noch das Keltische stammelte, und als der Pikarde und der Burgunder sich einer für den Bewohner der Jsle de France noch unverständlichen Sprache bediente. Trotzdem aber hoffen sie stets, daß die göttliche Prophezeiung sich erfüllen würde, und wirklich, eines Tages erscholl von Nord nach Süd die große, die unglaubliche Kunde: die von den Propheten verkündeten Zeiten sind gekommen!" Sehr treffend sind auch die Auseinandersetzungen über die Feinde, die Israel in seinem eigenen Lager hat, und die Mahnung, die der ausgezeichnete Redner daran knüpft. Die ganze Rede, die aus die Zuhörer sicher einen großen Eindruck machte, wird auch bei der Lektüre nicht verfehlen, denselben Eindruck hervorzurufen, und kann jüngeren Kanzelrednern als treffliches Muster dienen. Sprechfaul. H^u der interessanten Skizze von S. Blumenau über „Aberglauben" in Nr. 39 Ihres geschätzten Blattes möchte ich mir eine kurze Bemerkung gestatten, welche das „kitauw“ betrifft. Der ganze Aberglaube, am Montag nichts zu unternehmen, weil die Heilige Schrift ihn bei der Schöpfung nicht mit einem „ki tauw“ ausgestattet, und die Tage, bei denen in der Bibel ein „ki tauw" steht, im Allgemeinen als heilbringend anzusehen, dürfte wohl auf ein Mißverständniß zurückzuführen sein. Im Talmud Traktat Pesachim 2a sagt ein Lehrer: 21V '22 82i'1 212 '22 BIX DJ2' tbtyb »Der Mensch kehre immer am Abend mit ki tauw ein und gehe am Morgen mit Ki tauw fort." Natürlich ist hier unter Ki tauw das Sonnenlicht des scheidenden Tages und des anbrechenden Morgens zu verstehen, weil es bei der Schöpfung heißt (Genesis 1, 4): 212 ->2 118N nx DV6k K*T1 „und Gott sah das Licht ki tauw, daß es gut sei. Der Rath des Talmudlehrers nur bei hellem Tage unterwegs zu sein, soll nach Raschi vor wilden Thieren und Räubern oder auch (Taanit 10 b) vor Gruben und Abhängen schützen. Diese Stelle wird auch zu dem Berichte in Taanit 10b herangezogen, wonach Josef den heimziehenden Brüdern den Rath ertheilt habe: man ID^DITI „ziehet bei Sonnenschein in die Stadt ein!" wie es ja Genesis 44, 3 heiße: „als der Morgen leuchtete, wurden die Männer entlassen". Dahin gehört auch jener interessante Midrasch (Genesis rabba e. 92, Jalkut Gen. § 150), der an das homerische ovng und an die Höhle des Polyphem erinnerte. Im Süden Judäas lebte ein Gastwirth, der Nachts aufzustehen und zu seinen Gästen zu sprechen pflegte: „Kommt, reiset heim, ich will euch geleiten!" Kaum hatten die Arglosen das Haus verlassen, als sie von bestellten Räubern überfallen wurden, welche die Beute mit dem Gastwirth theilten. Einmal kehrte Rabbi Meir in dieser Herberge ein, um daselbst zu übernachten, und auch ihm bot sich der Wirth zum Geleite an. Doch der Rabbi, der die Gefahr durchschaute, entgegnete: „Ich habe noch einen Bruder, den ich erwarten will." — „Wo weilt er?" fragte begierig der Wirth. „In der Synagoge" (wo die Reisenden häufig zu übernachten pflegten), war die Antwort des Weisen. „Wie heißt er?" drang weiter der Wirth in seinen Gast, „ich will gehen und ihn rufen." — „Ki tauw ist sein Name." Der Wirth schrie nun die ganze Nacht vor dem Eingang der Synagoge: „ki tauw, ki tauw!" aber Niemand antwortete ihm. In der Frühe sattelte der Weise seinen Esel, um weiter zu ziehen. „Aber, wo ist denn Dein Bruder, von dem Du gesprochen?" fragte jetzt der Gastwirth. Und der Rabbi erwiederte lächelnd: „Mein Bruder? Schau doch hin, er ist ja schon da! Mein Bruder, ki tauw, ist das Sonnenlicht, von dem es heißt: „Und Gott sah das Licht, ki tauw, daß es gut sei." Uebrigens citirt Wiesner (Scholien zum Talmud, Pesachim, S. 79) das Gesetzbuch der Brahminen, welches den Gläubigen ähnlich anräth: „Der Mensch reise nicht zu früh am Morgen und nicht zu spät am Abend." Aus dem so vernünftigen Rathe des Talmudlehrers, sich im Dunkel der Nacht nicht auf unsichere Wege zu begeben, sondern nur im Schutze des Tageslichtes dahinzuwandern, hat sich dann später mißverständlich der Aberglaube gebildet, nur die Tage, bei denen ki tauw steht, als glückbringend zu betrachten. Daß indeß auch der Freitag als Unglückstag gilt, scheint mehr christlicher Volksglaube zu sein, weil auf einen Freitag der Tod Christi fiel. Dem denkenden Israeliten muß jeder Tag, den die Gottesgnade ihm schenkte, heilig sein, und von uns und unserem Thun hängt es zumeist ab, ob er uns Segen bringt oder nicht. Ralibor, 3. Oktober. Rabb. Dr. Ad. Blumenthal. * Sehr geehrte Redaktion! Mn Nr. 39 Ihres geschätzten Blattes wird in dem Aufsatz „Zum 3g Laubhüttenfest" hervorgehoben, daß in dem Sündenbekenntniß, das wir am Berföhnungsfest gesprochen haben, keine einzige Uebertretung des Ceremonialgesetzes erwähnt wird. In dem spezifizirten Sündenbekenntniß am Bersöhnungstage findet sich doch NE221 ^>2X22 12XNNV K2P1 Hochachtungsvoll Coethen, 30. September. Dr. B. Seligkowicz. * Herr Redakteur! ^Mn der mir eben zugekommenen Nummer Ihres geschätzten Blattes vom 19. August findet sich die Notiz, daß Herr Louis Kempner zum Generalpostmeister der Vereinigten Staaten gewählt worden sei. Das ist unrichtig, denn der Generalpostmeister der Bereinigten Staaten wird überhaupt nicht gewählt, sondern vom Präsidenten ernannt. Herrn Kempner ist übrigens die hohe Ehre widerfahren, zum ersten Bereinigten Staaten-Postmeister auf Kuba ernannt zu werden. Ergebenst Cincinnati, 11. September. G. Deutsch- Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.