Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-10-14 · Heft 41 (14.10.1898) · p. Seite 491

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 41 (14.10.1898)
Date
1898-10-14
Page
Seite 491 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228299--54964-3291148
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

lMWWIWMWWNWW!» 4SI abhängt, wie sie uns ihn umhängen will. — Gefällt es ihr, so schauen unsere Blößen aus tausend Löchern in das Leben hinein, und der Mensch wundert sich am Ende selbst, wie es gekommen sei, da er sich doch alle Mühe gegeben, sich fest und warm einzuhüllen. — Es giebt doch ein befferes Ding noch: — sich selbst genügen. Aber wer das könnte!" „Warum bin ich aber so wunderlich," hob er nach kurzem Stillschweigen wieder an. „Ich glaube, es geht mir wie Hungrigen, die eine ausgezeichnete reiche Tafel plötzlich zu Gesicht bekommen nach langem Fasten und nun durch den bloßen Anblick schon übersättigt werden. Der augenblicklich gestillte Hunger kommt aber bald wieder, und sie fallen dann mit heißer Gier über die Reste her, die Andere stehen ließen." Er wurde plötzlich aus seinen Träumen durch ein verworrenes Geschrei aufgestört. Einzelne Studenten eilten mit gezogenen Hiebern an ihm vorüber; keiner aber stand ihm Rede auf die Frage, was es gebe. Endlich sah er Wilhelm und rief ihm daffelbe zu. „Was soll's geben," erwiederte er; „unter dem Haufen am^ Feuer sind allerlei Streitigkeiten wegen ketzerischer Lehren entstanden; Einige haben den Georg Podiebrad verflacht, reden von versteckten Hussiten in der Stadt und wollen denen eine Neujahrsfeier bereiten; da ist aber ein Senior, um das zu verhüten, auf den Gedanken gekommen, die Aufmerksamkeit auf einen anderen Punkt zu lenken, und hat vorgeschlagen, die Juden, besonders die neu angekommenen, zur Kurzweil ein wenig zu turbiren, da haben sich denn die Betrunkensten schon auf den Weg gemacht. — Sie können jedoch ihres Rausches wegen, an dem sie sämmtlich laboriren, nur langsam von der Stelle, und Manchen von ihnen wird es gehen wie Moses, der das gelobte Land sah, aber nicht hinein kam. — Die wenigen Vernünftigen sind nach dem Königshofe geeilt, um Sukkurs zu holen und cs ganz zu verhüten. — Schmarren und Narben wird's setzen, das thut aber nichts, Ich hasse die Juden auch von ganzer Seele, aber den Hilflosen molestirt kein rechter Bursch!" Auf den kürzesten Wegen eilte jetzt Wilibald, ohne ihm zu antworten, der Judenstadt zu. — Wilhelm folgte schweigend. Oirdetiries eines Bahermgeblrebenen. Bon Dr. M. Singer-Coblenz. elche Veranlassung hätte ich, die häusliche Bequemlichkeit aufzugeben und mich in die Aufregungen, krampfhaften Unterhaltungen und großen Unkosten des Badelebens zu stürzen, mich den Erkältungen des Umherstreifens in Wald und Thal, den Gefahren des Bergkletterns auszusetzen? Diese Antwort ertheilte ich einem Freunde, der mich animiren wollte, die Strapazen des Badelebens mit ihm zu theilen, in der alten irrigen Annahme, getheiltes Leid sei nur ein halbes.. Selbst die Neuigkeiten, die man für das schwere Geld von der Reise heimbringt, konnten mich nicht reizen, — und das Bedürfniß nach „Ausspannung", ein Privilegium, das in früheren Zeiten nur dir Pferde für sich in Anspruch nahmen? Ich bestreite das Vorhandensein eines solchen Bedürfniffes; noch mehr aber bezweifle ich cuZ Erfolg dieses Bestrebens für einen Rabbiner, dem die Aus- .annung sehr ins Fleisch schneidet, wenn ihm inzwischen zu Hause de schönsten Trauungen von einem Anderen „ausgespannt" werden I Also blieb ich zu Hause, und ich hatte es nicht zu bereuen, denn was die Welt, „in der man sich langweilt", sich erzählt, das habe ich im Schlafrock auch erfahren; dafür sorgten Freunde und Kollegen, welche die frische Natur abgrasten, die rheinischen Heilquellen leertranken oder unstät und flüchtig im Schwarzwald und in der Schweiz schweißtriefenden Angesichts ihr Brod aßen. Und was sie mir erzählten, war so interesiant, daß ich mir das Vergnügen nicht gönne, es allein zu genießen, es deshalb weiteren Kreisen ausplaudern will, die gleich mir manches Lehrreiche daraus zu ziehen im Stande sein werden. In Badeorten ist es sehr schön! Unstreitig, und es geschieht von jüdischer Seite natürlich sehr viel, um auch ärmeren Glaubensgenoffen das doppelte Vergnügen zu verschaffen, 1. die Gesundheit neu zu stärken und 2. in den benachbarten Gemeinden auf bequeme Weise Gastrollen geben zu können. . . . Denn das ist traun eine schlechte Ameise, die nicht im Sommer für den Winter sammelt. Besonders Rabbinern, welche Wohlfahrtseinrichtungen vorstehen, ist der Aufenthalt sehr zu empfehlen, damit sie zuweilen lernen, wie sie es — nicht zu machen haben. So z. B. darf man Waisen nicht derart verwahrlosen lasten, daß sie als Chillul Haschem herumlaufen und aus der allgemeinen Schule von christlichen Lehrern nach der Anstalt heimgeschickt werden. Allerdings braucht man nicht so weit zu gehen, wie einer der bekanntesten jüdischen Philanthropen Deutschlands, welcher verlangte, daß die Rabbiner und die Wohlthäter, die solche Anstalten besuchen, eine sehr eingehende Inspektion vornehmen, die sich selbst auf die Kämme erstrecken solle. Nach vorstehender Schilderung liegt immerhin ein Körnchen Berechtigung in seiner Forderung, und der Sache etwas näher zu treten als bisher, dürfte jedenfalls wünschenswerther und segensreicher sein, als durch hergelaufene 8oi ckisant-Chasonim mit ihrem unausgebürsteten Tenor — wie der unvergeßliche L. 81. Frankl sie so trefflich schilderte — am Sabbath sich malträtiren zu lasten, deren Vortrag mehr Fastnachtsstimmung als Sabbathandacht bewirkt, ein verwerflicher Unfug, der immer noch an den kleinen Badeplätzen grassirt und wie ein Anachronismus aus der Zeit des Ephraim Grädinger anmuthet. Sehr gedauert haben mich Vergnügungs- und Geschäftsreisende, welche aus Süddeutschland kamen und sehr ausgehungert aussehen. Nachdem ich sie an meinem Tische gelabt und gestärkt hatte, erfuhr ich auf Befragen folgende betrübende Affäre: In X., einer der ältesten Reformgemeinden, kam ein neuer Rabbiner, „welcher den Josef nicht kannte", d. h. die Reformen sind geblieben, und er macht sie stramm mit, aber dem Zuge der Zeit folgend, will er trotzdem und alledem für einen Orthodoxen strengster Observanz gehalten werden. Er läßt deshalb nicht nur durch einen ihm nahestehenden Spion die ältesten und würdigsten Kollegen überwachen, ob sie an Badeorten am Tischoh beaw fasten oder gar Fleisch essen, sondern hat auch dem Besitzer des einzigen in der Gemeinde bestehenden befferen Speisehauses das Patent als Koscher-Restaurateur entzogen, weil er .... sich rasiren läßt. Es bleibt also den Besuchern des Ortes nichts weiter übrig, als entweder ein christliches Hotel aufzusuchen oder zu hungern. Und dies alles, damit der Restaurateur beim Geschäft nicht Haare laste! Wie sagt doch der alte Lucrez: Tantum religio potuit suadere malorum!? „Wenn ein Mann sündigt, willst Du der ganzen Gemeinde zürnen?" Dies war der Ausruf — nicht des Erzählers der vorerwähnten Episode, sondern eines anderen Besuchers, der aus der Schweiz kam und noch unter dem Eindruck des Genfer fluchwürdigen Attentates stand, dessen Folgen nicht nur für das verabscheuungswerthe Individuum allein, nicht nur für seine anarchistischen Mordgenossen verhängnißvoll geworden, sondern überall auch gegen alle

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.