Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1898)
- Date
- 1898-10-14
- Page
- Seite 490 (sequence 10)
- Language
- German
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490 iüh „Siehe, meine Rose, die Sprache meiner Väter hat ein liebliches Wort für Dich. Du sollst nicht mehr Naßmi heißen an Salomos Hof. Ich will Dich Sulamith nennen, das ist: die Vollkommene, denn Deine Schönheit ist vollkommen und bezaubernd. Und Du sollst meine Rose sein, meine Braut, meine Sulamith. Willst Du den Namen führen, meine liebliche Sulamith?" Das Mädchen erröthete tief und verstummte an der Brust des Königs. Er küßte ihre feinen, brennenden Lippen und hob sie dann mit zärtlicher Sorge zu Pferde. Mit jugendlicher Kraft schwang er sich auf ein zweites Thier, .und indem er dicht neben ihr herritt, trabte der ganze Zug den Oelberg hinab der heiligen Stadt zu. In der einsamen, zerstörten Hütte blieb eine weinende, verzweiflungsvolle Frau zurück. Aber Na«mi — Sulamith war glücklich! (Fortsetzung folgt.) Aas Geheimnis. Historische Erzählung von A. Stern. H. der Kirche unserer lieben Frauen am Tein ertönte der letzte Schlag der zwölften Stunde. Heber 3000 Studenten hatten sich vor der Karolina versammelt, und die Luft erschallte von lautem Rufen wieder: Pereat das alte Jahr, vivat das neue! Es war eine schöne, helle Sternennacht. Um einen lodernden Scheiterhaufen hatte sich ein großer Schwarm von Musensöhnen gelagert, die vollen Pokale in der Hand, unter fröhlichem Jubel und Gesang. Jeden Augenblick trat Einer oder der Andere von ihnen hinzu und warf unter lautem Geschrei der Uebrigen ein altes Barett mit Schwungfedern oder sonst ein altes Kleidungsstück oder wohl gar nachgeschriebene Hefte in die Flammen, wo dann ein Anderer die einzelnen brennenden Blätter herausfischte und in der Luft herumschwenkte, um mit dieser flammenden Fahne das neugeborene Kind der Zeit zu begrüßen. Endlich stimmten Mehrere ein Lied an, ein Erzeugniß damaliger unruhiger Zeiten, in welchen der kräftige jugendliche Geist immer neue Nahrung fand, und das ein wunderliches Gemisch von Rohheit und Zartheit vereinigte. Die Anderen horchten auf und fielen bald beifällig mit ein. — Es lautete: In die Winkel mit den Büchern, Auf, ins Leben frisch hinein! Jene gleichen Leichentüchern, Hüllen todtes Wissen ein. — Wir verkünden eine Lehre, Wahr, wie keine noch zuvor. Wer da horcht dem Ruf der Ehre, Leihe jetzt ein offen Ohr. Was den rechten Burschen mache. Ist der rechten Lehre Sinn: Der fich für die rechte Sache Giebt mit Blut und Leben hin; Der den Hieber führt mit freier Hand, als sei's ihm nur ein Spiel; Dem stets schmuckes Weib und Leier- Klang und edler Wein gefiel. Drei der Stände giebt's auf Erden, Die ein solcher hält in Ehr', Wer da Andres wünscht zu werden. Stammet von Philistern her. Diese Stände sind erkoren, Frei zu sein in Lebensfrist, Ewig frei bis zu den Thoren, Wo kein Wiederkommen ist. Die drei Stände wollt Ihr wissen, Kommt's Euch etwa seltsam vor? Geht zum Wald, da könnt Ihr grüßen Einen, heißt der Jägerchor. Führt ein Horn, thut lieblich schallen. Jaget muthig Wild und Feind, Seine Lust find grüne Hallen, Ob ihm Sol, ob Luna scheint. Und der zweite, Stand der Krieger, Jagt auf einer dunkeln Flur, Krieger heißt er nicht, heißt Sieger, Denn wer siegt, ist Krieger nur. Sein Herzliebchen, Frau Bellone; Zu ihr strebt sein Eisensinn; Wo sie auch auf Erden wohne. Er muß unaufhaltsam hin. Doch der Bursche, er, der Dritte, Pallas und Bellona eint. Glorreich steht er in der Mitte, Und ein Stern der Sterne scheint, Ehre bindet diese Stände, Ehre! hört, wir donnern's laut. Denn bis an sein selig Ende, Ist sie flotter Burschen Braut. Während der letzten Strophe hatte sich der Haufe getheilt. Viele schlichen davon, um in befreundeten Bürgerhäusern die Nacht des heiligen Neujahrstages mit zu feiern; ein größerer Haufen zog über die schöne Moldaubrücke unter lautem Singen nach dem Königshofe zu, weil den regierenden Herren der vier Nationen ein donnerndes Hoch gebracht werden sollte. — Ein dritter Haufen, der mehr als billig dem feurigen Podskalkier zugesprochen hatte, blieb um das Feuer gelagert; aber wie hier allmälig die Flammen erloschen, so schürte die unheilbringende Zwietracht neue in den Gemüthern an. Unter dem zweiten Haufen war auch Wilibald, der gerade dazu kam, als derselbe aufbrach. Als er und seine Gefährten über die Brücke zogen, blieb er unwillkürlich an der Stelle stehen, wo hundert Jahre früher Johann von Nepomuk auf Befehl des Königs Wenzeslaus hinabgestürzt war, weil er diesem die ihm in der Beichte anvertrauten Geheimnisse seiner Gemahlin Johanna, Tochter Alderts von Baiern, nicht hatte mittheilen wollen. Die Studenten sangen ein Spottlied auf den liederlichen Wenzel und zogen weiter. Wilibald blieb nachdenkend zurück. — Die letzten Zeilen des Liedes klangen in ihm wieder, er sprach sie laut vor sich hin und starrte gedankenschwer in die Fluthen der Moldau, in der die Hellen Sterne sich spiegelten. Ls certae famae patronus; Nos a malae famae pronus, Defendas periculis1) — wiederholte Wilibald. „Und was hast du denn, armes, verächtliches Leben," fuhr er fort, „wonach man von ganzem Herzen streben könnte; bietest du mehr als Scheinglück, um den Wurm, der am inneren Herzen nagt, den verderblichen Eigennutz zu blenden und zu befriedigen. — Also darum sollen wir auch noch beten, daß uns ein Schutzgeist den guten Ruf bewahre, diesen durchlöcherten Mantel, bei dem es von der Welt l) Du bist der Schutzheilige des guten Rufes; bewahre uns geneigt vor den Gefahren schlechten Leumundes.