Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1898)
- Date
- 1898-10-14
- Page
- Seite 486 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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!■? f|;; i Sj!%' 486 — dem Leser die Neberzeugung abgewinnen, daß der Verfasser ein bedeutendes jüdisches Wissen besitzt, das nur bei recht Wenigen der englisch-jüdischen Rcverends anzutreffen ist. Professor Taylor weist im Laufe dieser seiner Arbeit auf die hebräischen Stellen hin, woraus das „Vaterunser" gebildet worden ist, und druckt daselbst zugleich auch das jüngst aufgefundene Fragment der griechischen Bibel-Ueber, setzuug des Aquila ab, worin der hebräische Text weniger frei, als es in der Septuaginta der Fall ist, übertragen ist. Auffallend ist in dem fraglichen Fragment die Uebersetzung des hebräischen Wörtchens '3 durch „«»" — „weil," wo inan es mit „r«c" „bemt" übersetzt zu sehen erwartet hätte. Das Schachspiel hat bekanntlich von jeher für Juden einen besonderen Reiz gehabt, und einein aus dem Mittelalter stammenden Manuskript zufolge, das der selige Dr. Jellinek in seinem Liber Responsium veröffentlicht hat, soll König Salonion mit seinem Höfling Benaiah zuweilen dieses königliche Spiel gespielt haben. Weniger bekannt dürfte es jedoch sein, daß die hebräischen Dichter Jbn Esra und Bonsenior Jachia dasselbe Spiel in schönen hebräischen Versen besungen haben. Letztere wurden vor Kurzem von einem Londoner jüdischen Fräulein, Nina Davis mit Namen, ins Englische übersetzt, welcher Umstand der Verfasserin ausgedehntes Wissen in der neuhebräischen Poesie in ein schönes Licht stellt. In der Autographen-Abtheilung des Britischen Museums befindet sich ein von einem italienischen Rabbiner an den englischen König Henry VIII. gerichteter Brief, der als Antwort auf eine Frage diente, die an ihn von Seiten des besagten Königs gestellt wurde. Letzterer hatte nämlich die Unsitte, sich nach kurzer Ehe von seinen königlichen Frauen zu scheiden, und da der Papst diesen Vorgang als irreligiös und unstatthaft erklärte, so frug er einen italienischen Rabbiner auf schriftlichem Wege um dessen Meinung in der besagten Angelegenheit. Dieser, dessen Unterschrift nicht recht leserlich ist, stellte in seiner Antwort klar, daß nach mosaischem Gesetze Ehescheidungen zugelassen werden. Laut einem vor Kurzem aufgefundenen Dokumente lebte in London in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts eine Jüdin Namens Hanna Norsa, die, obschon von sehr niedriger Abkunft, die Frau eines englischen Lords wurde, der der höchsten englischen Aristokratie angehörte. Was diese Heirath herbeiführte, war der Umstand, daß sie nämlich als Sängerin allgemein gefeiert wurde und zugleich auch von der Natur mit weiblichen Reizen reichlich ausgestattet war. Ihre Tochter, die ebenfalls große Talente und eine außerordentliche Schönheit besessen hatte, heirathete den Herzog von Gloucester, welcher ein Neffe des englischen Königs George III. war. Die Frau des muernannten Gouverneurs von Indien soll von jüdischer Abstammung sein. Ihr Vater ist nämlich ein amerikanischer Millionär, dessen Bor- und Zuname ziemlich jüdisch klingen. Demnach wird in nächster Zukunft eine hochgestellte Dame die Stelle der Königin von England in Indien vertreten, deren Ahnen dem ausgewählten Volke angehörten. Mendelssohn, der Süßigkeiten liebte, soll einst scherzweise gesagt haben, daß diese aus dem Grunde von manchen Aerzten als schädlich erklärt werden, weil sie sie selber recht gern möchten, und daher den Gebrauch derselben beschränkt wissen wollten, da sonst der Preis derselben zu hoch steigen würde. Eine etwas ähnliche Bemerkung findet sich im Traktat rott?, wo Rab Papa die Erklärung aufstellt, daß derjenige eine große Sünde begeht (nTTC?n *?32 “1312). der Wein bei seinen Mahlzeiten trinkt, wenn ihm Bier zur Verfügung steht, dessen Preis doch viel niedriger ist als der des Weines. Darauf bemerkt aber der K"EHna in loco, daß Rab Papa aus dem Grunde den Genuß des Bieres so eindringlich empfiehlt, weil er selber ein Bierbraner war und viele Kunden für seine Getränke haben wollte. Ein kurioser Fall hat sich vor einiger Zeit in einer kleinen jüdischen Gemeinde in England zngetragen, der wohl einzig in seiner Art ist. Bekanntlich existirt noch jetzt hier und da ein alterthiimlicher Gebrauch, daß nämlich Leute, die zur Thora „aufgerufen" werden, während die sogenannte nrDin vorgelesen wird, eine kleine Geldentschädigung von der Gemeinde erhalten, weil sie den fluchverheißenden Inhalt derselben mit Gleichgiltigkeit anhörten. Nun traf es sich aber, daß einem dieser Leutchen von seiner Gemeinde eine geringere Entschädigung offerirt wurde, als er erwartet hatte, und er brachte daher gegen sie vor-Gericht eine Klage, daß er nämlich öffentlich in der Synagoge „verflucht" wurde, ohne daß er dafür von der Gemeinde eine entsprechende Entschädigung erhalten hätte. Der weise Richter entschied sich aber zu Gunsten der Gemeinde, da er eine etwaige nachtheilige Wirkung der vorgelesenen Flüche auf den Ankläger sicher bezweifelte. Wenn man bedenkt, welche großartigen geistigen Vortheile die Bibel der gesammten gebildeten Menschheit verschafft hat, so muß es Einem höchst lächerlich Vorkommen, wenn er hört, daß dieselbe oder vielmehr die darin vorkommenden Personen während der letzten Jahrhunderte in England sowohl als auch anderwärts zu geschäftlichen Zwecken benutzt worden sind. Dies geschah namentlich mittelst Aushängeschildern, und hier und da fand man solche, worauf z. B. ein Gastwirth die Arche Noahs abbilden ließ, in deren Nähe Letzterer beschäftigt ist, einen Weinberg zu kultiviren. Ein unternehmender Bäcker hatte wiederum, um neue Kunden zu gewinnen, ein Aushängeschild, welches den Auszug der Israeliten aus Aegypten darstellte, wobei diese mit verschiedenen Päckchen beladen waren, wovon einige Matzos enthielten. Daß ein Holzhündler die Opferung Isaaks auf seinem Aushängeschild abgebildet hatte, ist weniger auffallend als der Gedanke eines Barbiers, der auf seinem Aushängeschild die Abbildung Absaloms hatte, deffen allzu großer Haarwuchs seine Flucht aus dem Schlachtgewühl unmöglich machte. Der fragliche Barbier scheint auch eine poetische Ader gehabt zu haben, denn er setzte unter das besagte Bild einige englische Verse, die zu Deutsch etwa folgendermaßen lauten: O Absalom, o Absalom, O Absalom, mein Sohn! Trüg' er doch nur eine Perrücke, So entginge er seinem Mißgeschicke. Zacharias Frankei in Berlin. Von Dr. S. Bernfeld. IX. s war vorauszusehen, daß die Wahl Frankels in Berlin auch auf Opposition stoßen wird. Ein Theil der Berliner Judenheit hätte es nämlich lieber gesehen, wenn der damalige Rabbinatsverweser I. I. Oettinger, ein Talmudist alten Schlages,zun> Oberrabbiner ernannt worden wäre, während ein anderer Theil im entgegengesetzten Extrem Zacharias Frankel nicht für freisinnig genug hielt. Noch bevor die Wahl endgiltig erfolgt war, wurde Frankel in einem jüdischen Blatte heftig angerissen. Muhr beeilte sich, seinen Freund zu beruhigen, damit er dem Angriff kein allzu großes Gewicht beilege. Frankel antwortete am 9. August, daß er gan» ruhig sei und sich um die Schmähungen gegen seine Person nicht im Mindesten kümmere; „denn wer und was wird jetzt nicht be-