Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1898)
- Date
- 1898-10-14
- Page
- Seite 484 (sequence 4)
- Language
- German
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484 geladene Bezirksrabbiner, Herr Dr. Sondheimer, hatte ein Entschuldigungsschreiben gesandt, in welchem er der Versammlung wie überhaupt den Bestrebungen des Vereins die besten Wünsche übermittelte. Die Generalversammlung sollte ein Bild geben von der Aufgabe des Vereins, die idealen wie materiellen Interessen seiner Mitglieder gleich kräftig zu pflegen und zu wahren. Deshalb war folgende Tagesordnung gewählt: 1. Berichterstattung über die Thätigkeit des Vereins während seines ersten Geschäftsjahres. 2. Rechenschaftsbericht des Kassirers. 3. Vorträge: a) die biblischen Geschichtsbücher von S. Müller, b) Unsere Zeit und deren Anforderungen an Religions schule und Lehrerschaft. 4. Festsetzung der Tagesordnung für die nächste Generalversammlung. Der Vorsitzende des Landesvereins, Driesen - Tauberbischofsheim, wurde im letzten Augenblick durch unaufschiebbare Berufspflichten am rechtzeitigen Erscheinen gehindert. In Vertretung wurde zum Vorsitzenden der Generalversammlung als Alterspräsident des Vereins und Mitglied des Vorstandes Eichstetter-Eppingen gewählt. Er begrüßte die Erschienenen mit warmen Dankesworten und wies darauf bin, wie alle idealen Bestrebungen in Baden in Großherzog Friedrich einen Förderer finden. Die Ansprache klang in ein begeistert aufgenommenes Hoch auf den Großherzog aus. Alsdann trat man in die Tagesordnung ein; dieselbe mußte infolge der Abwesenheit des Vereins- Vorsitzenden, der das Korreferat zum erstangesetzten Vortrag übernommen hatte, abgeändert werden, und Rosenberger-Sinsheim erhielt das Wort zu seinem Referat: „Unsere Zeit und deren Anforderungen an Religionsschule und Lehrerschaft". Der Referent betonte die Nothwendigkeit, in unserer vom Pessimismus der sozialen Frage angekränkelten Zeit einen festen Hort zu besitzen, wo freudig der Grund zum Wiederaufblühen des religiösen Lebens gelegt werden könne. Dieser Hort sei die Religionsschule. Durch die Erweckung aufrichtiger Gottesfurcht, durch das Eindringen in die Tiefe religiösen Empfindens und Handelns habe sie Charaktere zu bilden. Aber dazu bedürfe es vor allem religiös - sittlicher, charaktervoller Lehrer, die in Tüchtigkeit, Muth und Selbsttreue ein Beispiel gäben. Und das sei nur möglich, wenn die Stellung des Lehrers eine gefestigtere werde. Dahin solle, besonders im Landesverein, in Eintracht, muthig und vertrauensvoll gewirkt werden zum Nutzen des Lehrers und zum Segen der Schule Lebhafter Beifall folgte dem Vortrage Rosenbergers, der nun, vom wissenschaftlichen zum geschäftlichen Theil übergehend, als Kassirer den Finanzbericht erstattete. Dabei sprach er den dringenden Wunsch aus, daß die Jahresbeiträge künftig bis 1. Juli entrichtet und zur Vereinfachung für den Kassirer wie für die Beitragspflichtigen auf den Bezirkskonferenzen erhoben werden möchten. Hervorgehoben sei, daß der Verein 90 zahlende Mitglieder zählt. Hierauf ergriff Herr Synagogenrath Carlebach das Wort. In einer längeren Ansprache würdigte er die Bedeutung des oft recht schwierigen Amtes des israelitischen Religionslehrers. Wie sehr die badischen Religionslehrer das ihnen von der Behörde entgegengebrachte Wohlwollen anerkennen, brachte Kollege Wolf-Sennfeld zum Ausdruck. Er feierte in einem Toaste Herrn Oberrath Dr. Mayer, Regierungsrath in Karlsruhe, als den Gönner der Lehrerschaft und Förderer der Schule. In diesem Sinn entbot auch der Vorstand des Lehrervereins Herrn Regierungsrath Dr. Mayer die Versicherung der dankbarsten Ergebenheit der badischen Religionslehrer. Auch der Thätigkeit des Vorstandes wurde in anerkennenden Worten gedacht. Nachmittags wurden die Verhandlungen. unter Leitung des inzwischen eingetroffenen Bereinsvorsitzenden fortgesetzt. Thalmann- Wertheim unterzog in dem Referat: „Die biblischen Geschichtsbücher von S. Müller" den Gegenstand seiner Betrachtung einer eingehenden, bis aufs Kleinste sich erstreckenden kritischen Durchsicht. Insbesondere führte er, gestützt auf maßgebende Kommentatoren der Bibel, wie Jbn Esra, Baal Haturim, Abarbanel, S. R. Hirsch u. A., den Nachweis, daß die Müller'schen Bücher auf der Grundlage des traditionellen Judenthums stehen. Am Schluß seiner beifällig aufgenommenen Ausführungen sprach der Referent sein Urtheil in folgendem Resume aus: „Müllers Geschichte ist infolge ihrer vorzüglichen pädagogischen und methodischen Anlage, durch ihre lebendige Darsiellungsweise, die sie gleich geeignet macht für Lehrer und Schüler, durch die kindliche, dem Wort der Bibel angepaßte und in ihrer Diktion doch herrliche Sprache, durch die peinliche Berücksichtigung der Altersstufe der Schüler, durch den religiösen Geist, der aus ihr spricht, und der den schönsten Ausdruck findet in dem Schlußwort der Geschichte, in hervorragendstem Maße dazu angethan, religiös-sittliche Charaktere zu bilden und treue Liebe zum Judenthum zu erwecken und zu festigen. Darum ist Müllers Geschichte zum Gebrauch auf Wärmste zu empfehlen, und es ist zu wünschen, daß sie in allen Schulen Eingang finde." Der Korreferent Driesen-Tauberbischofsheim wies zunächst auf die anerkennenden Gutachten hin, die von pädagogischen und theologischen Autoritäten aller Richtungen über die Müller'schen Bücher abgegeben wurden. Diese Urtheile stimmten mit den eigenen Erfahrungen des Referenten überein. Im Schulgebrauch werde man auf die psychologischen Feinheiten aufmerksam, die sich systematisch durch das ganze Werk hindurchzögen, und die das Gemüth des Kindes ansprächen, den wichtigsten Faktor eines sittlich - guten und religiös - frommen Wandels. Der Referent vergleicht nun unter Berwerthung eines überreichen Materials das Müller'sche Werk mit allen ihm bekannten, im Gebrauch befindlichen Geschichtsbüchern (13) und gelangt zu dem Schluffe: „Während die dem Müller'schen Werke vorgeworfenen Mängel — wenn sie Mängel genannt werden können — sich zum größten Theil auch in den anderen biblischen Geschichten finden, sucht man die Vorzüge, die es besitzt, in allen anderen im Gebrauch stehenden Lehrbüchern vergebens. Seinen Titel: „Ein Buch für unsere Kinder" verdient es vollkommen." Auf Antrag von Sommer-Pforzheim wurde dann eine Resolution angenommen, deren Hauptpassus lautet: „Die Generalversammlung des Landesvereins der israelitischen Religionslehrer in Baden nimmt mit Freuden Kenntniß von den anerkennenden Begutachtungen verschiedener Religionsbehörden und namhafter Fachmänner über Müllers „Biblische Geschichte" und schließt sich auf Grund der erstatteten eingehenden Referate diesen Urtheilen rückhaltlos an." Erst jetzt konnte der Bericht des Vereinsvorsitzenden über die Thätigkeit des Vereins im ersten Jahre seines Bestehens erfolgen. Der Verein wurde ins Leben gerufen auf einer konstituirenden Landesversammlung in Karlsruhe im August 1897. Ein Bericht hierüber ging allen jüdischer Zeitungen zu; zu gleicher Zeit wurden die organisatorischen Arbeiten, Aus arbeitung der Statuten rc., in Angriff genommen. Der Großherzogliche Ober rath brachte dem neuen Verein seit dem Gründungstage das ausgesprochenste Wohlwollen entgegen. Der Bericht über den Verlauf der Landes Versammlung sowie die Statuten des Vereins wurden im Verordnungs blatt des Großherzoglichen Oberraths veröffentlicht. Seit einiger Zeit war der Großherzogliche Oberrath der Frag^ näher getreten, den Religionslehrern ein Ruhegehalt und derer Hinterbliebenen eine Fürsorge zu gewähren. Ein Gesetzentwurf, der diese Angelegenheit regeln soll und zur Vorlage an die demnächst zusammentretende Synode bestimmt ist, wurde dem Vorstand aw> 23. Mai mit dem Anheimgeben überschickt,, etwaige Anstände und Ab änderungsvorschläge dem Großherzoglichen Oberrath vorzutragen. Diese Aufforderung kam der Vorstand bereitwilligst nach, nachdem der Vor sitzende Gelegenheit genommen hatte, persönlich in einer Rücksprache Herr: Regierungsrath Dr. Mayer die speziellen Wünsche der Lehrerschaft z unterbreiten. Es ist mit freudigem Dank zu begrüßen, daß der Groß herzogliche Oberrath die Abänderungsvorschläge des Vorstandes zu: - größten Theil berücksichtigt hat. Im Laufe des Jahres fanden drei Sitzungen des Gesamrw Vorstandes statt, und zwar zwei in Heidelberg, eine in Karlsruhe. Ir ihnen wurde u. a. über eine Petition an den Großherzoglichen Oberrat: verhandelt, die Anstellungsverhältnisse der Lehrer betreffend. Die Petition wird demnächst dem Großherzoglichen Oberrath zugehen. In Aussicht genommen ist die Errichtung einer Bereinsbibliothe - zu der eine Subvention des Großherzoglichen Oberraths erwart^ werden darf. Als Ort für die nächste Generalversammlung wurde Karlsrul bestimmt. Ein Referat über das vom Vorsitzenden gestellte Thema: „Die Methode des Uebersetzungsunterrichts aus dem Hebräischen ins Deutsche", übernahm Lippmann-Karlsruhe. Um 71/2 Uhr wurden die Verhandlungen geschlossen. Im Schlus wort hob der Vorsitzende hervor, der Landesverein habe manches reicht, aber seine Thätigkeit sei noch zu erweitern. Jedes einzelne Mitglied habe die moralische Pflicht, an der sozialen Hebung de