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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-07 · Heft 40 (7.12.1898) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 40 (7.12.1898)
Date
1898-12-07
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 M. Hamburg, 3. Oktober. Auf Veranlassung der hier wohnenden Oesterreicher und Ungarn mosaischer Religion fand in der Gemeindesynagoge Elbstraße unter überaus großer Theilnahme eine Trauerfeier für die verewigte Kaiserin Elisabeth am Mittwoch nach dem Versöhnungsfeste statt. Das ehrwürdige Gotteshaus wies eine entsprechende Trauerdekoration auf, der Altar, die Kanzel sowie die heilige Lade waren schwarz drapirt, die Kronen und Girandolen mit schwarzem Flor umhüllt. Schon lange vor Beginn der Feier war das Gotteshaus von einer andächtigen Menge dicht gefüllt. Kurz vor Beginn der Feier erschien in Vertretung des Generalkonsuls, der zur Zeit in Wien weilt, der hiesige Bizekonsul von Oesterreich-Ungarn, Herr von Lüder, in Amtstracht in Begleitung der Sekretäre des Konsulats; auch Herr Wöhnert, Bizekonsul in Altona, war erschienen. Die Herren wurden vom Synagogenvorstand empfangen und zu ihren Ehrenplätzen vor dem Allerheiligsten geleitet. Der Gemeindevorstand war durch die Herren M. W. Hinrichsen und N. Samson vertreten. Eingeleitet wurde die Feier durch Recitation des Psalm 91. Alsdann bestieg Herr Oberrabbiner Hirsch die Kanzel zur Trauerrede. Anknüpsend an die Worte der Heiligen Schrift (Leviticus 103): „So hat Gott geredet: Durch die mir am nächsten will ich geheiligt, um vor dem ganzen Volke geehrt zu werden," schilderte der Redner die hohen Tugenden der auf so schreckliche Weise ums Leben gekommenen Kaiserin, welche, durch seltene Tugenden ausgezeichnet, eine wahre Mutter ihres Volkes gewesen. Der Schmerz um die Heimgegangene Fürstin, die erlauchte Gemahlin des hohen Verbündeten unseres Kaisers, fand in der ganzen Welt seinen Widerhall, und auch die in Hamburg lebenden Israeliten, deren Wiege in Oesterreich- Ungarn gestanden, wollen in dieser Stunde ihrem Schmerz und ihrer Trauer im Gotteshause Ausdruck verleihen. Gleich dem Hohenpriester Aron, der, als ihm an seinem Ehrentage seine beiden Söhne entrissen wurden, sich in den unerforschlichen Rathschluß Gottes fügte und sich in stummer Seelengröße dem Schicksal fügte, so daß es in der Heiligen Schrift heißt: „Wajidaum Aharaun", Und Aron schwieg, so hat auch der Kaiser Franz Joseph, dem in einer Zeit, wo sich die Völker seiner Monarchie rüsteten, sein 50jähriges Regierungsjubiläum festlich zu begehen, seine treue Gefährtin entrissen wurde, sich in erhabener Seelengröße dem unbegreiflichen Rathschlusse Gottes gefügt, und kein Klagelaut ward von seinen Lippen gehört. Mit dem Segen für den Kaiser unb die kaiserliche Familie schloß der Redner seine tiefergreifende Rede. Alsdann wurde vom Oberkantor Süßkind in geradezu erschütternder Weise das Gebet für das Seelenheil der Kaiserin vorgetragen. Mit er Reeitirung des Psalm 16 fand die Feier ihren Abschluß. Es möge noch ganz besouders erwähnt sein, daß Herr von Lüder im Namen der Oesterreicher und Ungarn dem Herrn Oberrabbiner seinen Dank aussprach. g. Vlotho a. Weser, 29. September. Zu dem von der „A. Z. d. Judenth." in Nummer 35 gebrachten Artikel: „Wer setzt den jüdischen Lehrer auf den Aussterbeetat", möchte ich mit Folgendem eine kleine Ergänzung bringen. Eine kurze Ferienreise führte mich nach dem kleinen Städtchen W. in Hessen-Nassau. Zwischen der jüdischen Gemeinde dort und ihrem Lehrer waltet ein höchst unliebsames Verhältniß. Doch dies nur nebenbei. Nun kommt das Lehrerbesoldungsgesetz und fordert die kleine Gemeinde auf, das Gehalt ihres Lehrers auf die gesetzliche Skala zu erhöhen. Deß weigert sich die Gemeinde und kommt dabei auf den Gedanken, ihre Schule, die gegenwärtig nur von acht Schülern besucht wird, aufzulösen. Eine Zuschrift des Landraths Namens der Regierung eröffnet der Gemeinde, daß sie selbst in diesem Fall ihren Lehrer werde zu besolden haben, daß sie ferner des Zuschusses von Seiten der königlichen Regierung dadurch verlustig gehen würde, und es ihr niemals würde gestattet werden, wieder eine Elementarschule zu errichten. Nichtsdestoweniger beharrt die Gemeinde bei ihrem Vorhaben. Noch ist die Angelegenheit nicht zum Aüstrag gelangt, und es ist bei dem Widerspruch der Regierung sehr zu bezweifeln, daß die Gemeinde ihren Willen durchsetzen werde, da bittet merkwürdigerweise schon eine andere Gemeinde W. um die betreffenden Akten, da sie wegen des Lehrerbesoldungsgesetzes gleichfalls willens ist, ihre Schule aufzulösen. Die Frage, ob die Schüler in der jüdischen Schule weniger lernen als in der christlichen, kann im Allgemeinen schwerlich beantwortet werden; doch steht wohl so viel fest, daß eine mehrklasstge Schule einen Vorzug hat vor einer einklassigen, selbst wenn letztere von einer geringen Anzahl von Schülern besucht wird. Grstrrrrich -Ungarn. □ Wien, 3. Oktober. Der vielbesprochene Erlaß des Bezirksschulrathes, betreffend die Trennung der Schulkinder in christliche und jüdische Klassen — nach Maßgabe der Verhältnisse —, ist bereits an einigen Schulen durchgeführt; an vielen anderen aber, namentlich in der Leopoldstadt, weigert sich die Lehrerschaft, denselben zur Durchführung zu bringen.— Hier ist soeben ein Verein in der Bildung begriffen, welcher die regste Antheilnahme verdient, nämlich ein „Kinderheim". Der Verein beabsichtigt, Heimstätten für verkrüppelte, schwache und rekonvalescente Kinder jüdischer Konfession zu gründen und zu erhalten und den bezeichneten Kindern behufs Erlangung oder Kräftigung ihrer Gesundheit dauernd oder vorübergehend Unterkunft und eine entsprechende Pflege und Erziehung zu geben. Der Verein wird zu diesem Zweck solche Heimstätten käuflich erwerben oder in Miethe nehmen und verkrüppelte, schwache und rekonvalescente Kinder jüdischer Konfession in denselben unter ärztlicher Behandlung und entsprechender Beaufsichtigung verpflegen. Der Begründer des Vereins ist Herr I. Lev in, der Bruder des Predigers Dr. M. Levin in Berlin. — Von der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien ist eine Expedition ausgerüstet worden, deren Zweck wissenschaftliche Forschungen im südlichen Arabien sind. Mit dieser Expedition ist unser Professor Dr. D. H. Müller gegangen, der die hebräischen Inschriften und die vorarabische Archäologie erforschen soll. — Am 23. v. M. fand in Krakau die letzte Verhandlung wegen antisemitischer Bauernexzesse gegen sechs Angeklagte statt, die im Juni mit Bauern, die sich durch Ruß unkenntlich gemacht, in den Ortschaften Dzierzawina und Filipowiee jüdisches Eigenthum geplündert und vernichtet hatten. Von den Angeklagten wurde einer zu sechswöchentlichem, drei zu vierwöchentlichem Kerker, einer zu zehntägigem strengen Arrest verurtheilt. — Baronin Klara Hirsch-Gereuth hat der Krankenanstalt in Eibenschitz zur weiteren Ausgestaltung dieser Anstalt den Betrag von 4000 Kronen gespendet. Den jüdischen Bergarbeitern in Boryslaw hat die edle Frau noch 20 000 fl. geschenkt. — Baron Alexander v. Popper hat zur Errichtung eines Kaiserin Elisabeth-Monuments in Budapest einen Betrag von 5000 fl. gezeichnet. — Im Markte St. Peter in der Au, Bezirk Amstetten, spielte der Kaufmann Ignaz Schwingenschuß seit dreißig Jahren eine bedeutende Rolle. Er war Bürgermeister, Obmann des Ortsschulrathes, Kassirer des Vorschuß- und Sparvereins, natürlich Hauptmann der freiwilligen Feuerwehr und während der Wahlen Hauptagitator der Christlichsozialen. Im April dieses Jahres stellte er sich selbst dem Gericht mit der Anzeige, daß er Geld defraudirt habe. Schwingenschuß wurde verhaftet, und es stellte sich heraus, daß er feit fünfzehn Jahren durch Fälschung der Bücher und Zahlungsanweisungen 61192 fl. 63 kr. dem Vorschuß- und Sparverein unterschlagen habe; er wurde daraufhin zu zwei Jahren schweren Kerkers und Ersatz von 61192 fl. 63 kr. an den Vorschuß- und Sparverein verurtheilt. Dänemark n. Kopenhagen, 3. Oktober. Das Ableben der Königin Louise von Dänemark hat die hiesigen Juden und die übrige Bevölkerung in aufrichtige Trauer versetzt. Unsere Glaubensgenossen wissen es, besonders in jetziger Zeit, genug zu schätzen, daß das Königshaus nie einen Unterschied zwischen den christlichen und den jüdischen Bürgern gekannt hat. Und die Familientugenden, die in so hervorragender, aller Welt bekannter Weise die verstorbene Königin zierten, der unermüdliche Wohlthätigkeitssinn, den sie ebenso liebevoll als einsichtig an den Tag legte, mußten ihr gerade bei unseren Glaubensgenossen nach ihrer ererbten Gemüthsrichtung wohlverdiente Liebe und Hochachtung gewinnen. Die politischen Wogen in Dänemark sind ja recht hoch gegangen, und die Juden haben sich an den politischen Streitigkeiten von beiden Seiten stark betheiligt; in dem Herzen eines jeden dänischen Juden aber lebt, welcher politischen Partei er auch angehört, in diesen Tagen das innigste Mitgefühl mit dem greisen, seinen Schmerz heldenhaft' bezwingenden König. Jeder weiß, daß König Christian eine Lebensgefährtin verloren hat, die, wie einst in den bescheidenen Verhältnissen des jungen Prinzenpaares, dann in den Stürmen des Lebens und in den folgenden hellen Tagen die zärtlichste und treueste Stütze war. Das Leben der Königin ist so vielfältig in den Tageszeitungen besprochen worden, daß es hier nicht erst geschildert zu werden braucht.

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