Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 40 (7.12.1898)
- Date
- 1898-12-07
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Ihr Eingreifen in die hohe Politik Europas ist vielleicht in vielen Zeitungen überschätzt worden, wenn es auch nicht anders sein konnte, als daß die Kinder unseres Königshauses mit der klugen und durch überaus fleißige Korrespondenz über alles unterrichteten Mutter silh unterhielten. Daß der häßlichste Auswuchs des inneren politischen Lebens unseres ausgehenden Jahrhunderts, der Antisemitismus, in Dänemark nicht hat Wurzel fassen können, hat man gewiß zu nicht geringem Theil dem ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn des aufrichtig frommen Königspaares zu verdanken. Mir den nicht dem Hofe ungehörigen Kreisen — christlichen oder jüdischen — stand die Königin meist dann in Verbindung, wenn Wohlthätigkeitswerke, namentlich Kranken und Kindern gegenüber, geübt werden sollten, oder wenn ihre künstlerischen Neigungen und Anlagen Zusammenwirken forderten. So kam es, daß eine Jüdin lange Jahre hindurch mit der Königin fast täglich verkehrte, indem die vor einigen Jahren verstorbene Frau Generalkonsul Salomonen ihre stete Theilnehmerin bei dem fleißig geübten Vierhändigspielen war. Jüdische Philanthropen, die der über allzu große Geldmittel nicht verfügenden Königin beistanden, B. bei Gründung von Kleinkinderbewahranstalten, war ste sehr dankbar. Noch am letzten Geburtstag, am 7. v. M., wurde zu ihrer Freude eine solche von dem Großindustriellen Jakob Moresco erbaute Anstalt in nächster Nähe der Residenz Bernstorff im Beisein des Königs und der hier weilenden Kinder des Königspaares eingeweiht. Die Königin selbst war damals schon zu krank, um theilnehmen zu können, suchte aber sonst Gelegenheit, ihre Anerkennung gegen den am Einweihungstage zum Etatsrath ernannten Philanthropen zu zeigen. Auch gegen den verstorbenen Oberrabbiner Professor Dr. A. A. Wolff war sie sehr freundlich, z. B. bei seinem letzten Erscheinen am Hofe als Führer der Gemeindedeputation, die zu dem Regierungsjubiläum 1888 ihre Glückwünsche darbrachte. Noch bevor die Deputation dem König offiziell vorgestellt war, kam sie zur Gruppe hin und brachte der Deputation, und besonders Professor Wolff, in den verbindlichsten Ausdrücken ihren persönlichen Dank für erwiesene Ergebenheit dar. Wie es heißt, soll die Königin auch wiederholt schon unter Alexander II. ihre Stimme zu Gunsten der verfolgten russischen Juden — allerdings ohne Erfolg — erhoben haben. Daß sie der Dreyfus-Affäre ihr besonderes Interesse zuwandte, ist selbstverständlich. Bor einiger Zeit nahm sie die Gelegenheit wahr, einem bei der Hoftafel anwesenden jüdischen Gelehrten in der nach dem Diner stattfindenden Unterhaltung zu sagen, daß sie von der Unschuld des Verurtheilten überzeugt sei. Die Beerdigung wird — in Roskilde — mit möglichst wenig Pomp ohne voraufgehenden Castrum doloris stattfinden; so soll es ihr eigener Wille sein. Eine öffentliche allgemeine Trauerfeierlichkeil hat vorläufig nicht stattgefunden. Dagegen gab Oberrabbiner Simonsen schon am Sonnabend im Anschluß an die Sukkothpredigt den dankbaren und trauervollen Gefühlen der Gemeinde Ausdruck. Don Nah und Fern. ----- Der Generaldirektor der „Allgemeinen Elektrizitätsgeseüschaft", Emil Rathenau, hat den Rothen Adlerorden 4. Klasse erhalten. — Der Einjährig-FreiwilligeOskarCohn ausArnswalde, der beim 4. Garde- Regiment sein Jahr diente, wurde am 26. v. Mts. zum Unteroffizier befördert. — Geh. Sanitätsrath Dr. Blumenthal hat die Erlaubniß erhalten, die ihm verliehenen Insignien des Kommandeurkreuzes erster Klasse des königlich spanischen Ordens Jsabellas der Katholischen tragen zu dürfen. — In Breslau ist am 2. d. M. der dänische Konsul Josef Friedländer im 72. Lebensjahre gestorben. — Dr. Joseph Feilchenfeld, gegenwärtig Dozent am Lehrerseminar zu Köln, übernahm mit dem 1. Oktober er. die Leitung des Unterrichts an der Gemeinde- Religionsschule in Posen. — In Kofel ist der Bankier Max Kaufmann im 59. Lebensjahre gestorben. Derselbe war Stadtverordneter, Vorsteher der Synagogengemeinde und eine der angesehensten Persönlichkeiten in Stadt und Kreis. — Die „Deutsche Volkswacht der Herren Hirsche! und Köhler rechnet in ihrer Nummer vom 28. September Heraus, daß von den 101692 M. 60 Pf., die für das Frankfurter Bismarck-Denkmal eingegangen find, 34 075 M. von Juden herrühren, und knüpft daran die Bemerkung: „Man sieht, die Juden wissen Bismarck zu schätzen, und sie werden wohl wissen, warum!" — In Köln ist am 1. d. M. eines der angesehensten Mitglieder der dortigen Gemeinde, der Kaufmann Benjamin Lieb mann, Vorsteher der Gemeinde und Stadtverordneter, im 70. Lebensjahre gestorben. — In Stuttgart ist am 29. v. M. nach langem Leiden der Kommerzienrath Stefan Hirsch gestorben. — Die Antisemiten in München hatten letzthin das Vergnügen, den Sekretär der französischen Antisemitenliga, section du Rhone, Gutton aus Lyon, in ihrer Mitte zu begrüßen; er nahm an einem ihm zu Ehren veranstalteten geselligen Abend Theil. So meldet das Münchener „Deutsche Bolksblatt". Mr. Gutton erntete mit seiner Rede stürmischen Beifall und Zustimmung. Die Antisemiten schienen nicht zu wissen, in welchem Maße die französischen Antisemiten gegen Deutschland und Kaiser Wilhelm II. zu hetzen pflegen. — Leo Bremer, der Direktor der Manora-Sternwarte in Lussinpiccolo, der durch seine glücklichen Marsbeobachtungen die Aufmerksamkeit aller Fachgenossen auf sich gelenkt hat, ist Jude. — In Bulgarien hat die Regierung die Verwaltung der jüdischen Angelegenheiten nach dem französischen Konststorialsystem geordnet. Zum Großrabbiner des Landes wurde der Rabbiner M. Seches, bisher in St. Etienne, gewählt. Derselbe!hat sein Amt bereits angetreten. — Der russische Minister für Bolksaufklärung bereitet Organisationsentwürfe für die Reform der Talmud- Thoraschulen sowie für die Ackerbau- und Sabbathschulen vor. In demselben Ministerium bearbeitet man ein neues Gesetz über die Kolonien in Südrußland, im Justizministerium liegen zwei Entwürfe vor über das Aufentbaltsrecht der Juden in Sibirien und über ihre Zulassung zur Advokatur, endlich im Ministerium des Innern ein Reformprojekt für die jüdische Fleischsteuer. Da wird was Rechtes herauskommen. — Die Nachricht von der Ausweisung von 660 jüdischen Kaufleuten aus Nischni-Nowgorod entbehrt der Begründung. — Wie man hört, beabsichtigen einige deutsche Kapitalisten, Kurhäuser nach dem Muster derjenigen der Riviera in einigen klimatisch besonders bevorzugten Theilen von Palästina anzulegen. — Im „Jntrans." erzählt Rochefort, Picquart habe 3 000 000 Francs für die Fälschung der Rohrpostkarte von den Juden erhalten! — In Montpellier ist der Advokat Dr. Maurice Lambert, Professor an der Handelsakademie, im 27. Lebensjahre gestorben. — Die Israeliten in B6ne (Algier) haben sich beschwerdeführend an den Generalgouverneur gewendet, der dem Präfekten die strengsten Weisungen gegen die Antisemiten ertheilte, die die jüdischen Mitbürger belästigen. — In London sind Lady Amelia Jessel, die Wittwe des Oberrichters Sir Georg Jessel, im 65. Lebensjahre und der bekannte Arzt Dr. M. Davis, früher Mitglied des Jewish Board of Guardians, im 77. Lebensjahre gestorben. — Woolf Joel, der bekannte südafrikanische Millionär, der in Johannisburg ermordet wurde, hat die respektable Summe von 500 000 Mark letztwillig für wohlthätige Zwecke in England hinterlassen. Seine Testamentsvollstrecker können selbständig die Institute bestimmen, denen diese große Summe zufließt. — In Chicago fand der Rabbiner Louis Rosenblum, der ein Kind aus den Händen eines Raufbolds befreien wollte, dabei seinen Tod. Der Mörder heißt John Schlechta und wohnte im Hause einer Familie Levy, deren Lehrer Rosenblum war. Schlechta hatte den dreijährigen Julius Levi in einem Stalle eingesperrt. Die Mutter des Kindes und sein Bruder Hermann remonstrirten und wurden deshalb von Schlechta geschlagen. Als Rosenblum auf der Bildfläche erschien und intervenirte, fiel der 17jährige Taugenichts über ihn her und schlug ihn dermaßen, daß herbeieilende Polizisten ihn sterbend vorfanden. Rosenblum war 34 Jahre alt und in Polen geboren; er hatte in Deutschland studirt und galt für einen sehr begabten Menschen. Seit vier Jahren war er in Amerika. — In Buenos Aires sind drei jüdische Gemeinden: die „Congregacion israelitica de la Republica Argentina“, der die deutschen und französischen Juden angehören, die „Congregacion israelita latina“ für die Sephardim und die polnisch-russische Gemeinde. — Edward Bellamy, der bekannte Romanschriftsteller, war ein geborener Jude aus Massachussets. — Im Lager zu Lexington fand an den hohen Feiertagen ein Gottesdienst für die jüdischen Soldaten in Amerika statt. Die Gebetbücher hatte die Centralkonferenz amerikanischer Rabbiner, der Sefer Thora und der Prediger der Hebrew Union College geliefert. Der Gottesdienst fand am Neujahrstage in einer Kirche, am Versöhnungstag in der Logenhalle statt. Die Zahl der jüdischen Soldaten, die an dem Kriege theilgenommen, wird auf 4000 geschätzt. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.