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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-07 · Heft 40 (7.12.1898) · p. Seite 480

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 40 (7.12.1898)
Date
1898-12-07
Page
Seite 480 (sequence 12)
Language
German
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- 480 - spitzfindige Sophisma angegriffen und vertheidigt, mancher Humpen aus- und manche Winkelquart durchgestoßen sein." „Wenn es Dir nur hülfe." entgegnete der Erstere, „aber so sitzest Du über Allerlei, ohne Zweck und Ordnung, und kein Mensch weiß, was eigentlich der Studiosus Wilibald Bischer studirt." „Was ihm Lust macht," war die Antwort. „Ja wohl, was ihm Lust macht, daher weiß auch Keiner, was er aus ihm machen soll; mit den Juristen zankt er sich über das römische Recht, so daß die ihn für ihres Gleichen halten, und ich selbst es thu» würde, wenn ich's nicht besser wüßte, und mit den Theologen katzbalgt er sich über die neuen Lehren herum, so daß die ihm halb und halb feind werden und glauben, er sei der Hussischen zugethan, ob er gleich im Grunde gar keinen Glauben hat." „Eben deshalb", erwiederte Wilibald, „werde ich auch einst mit dem Averroes ausrnfen: Noriatur anima mea inorte philosophorum." „Schon wieder mit Deinen verfluchten Heiden bei der Hand," rief Wilhelm, der andere Student, verdrießlich aus; „wenn Du nur statt ihrer einen glorreichen Kirchenvater oder einen Römer und Griechen citirtest; nein, statt dessen kommt er mit einem solchen Erbfeind der Christenheit ans Tageslicht und giebt dessen Worte für goldene aus." „Der Kerl, den Du eben nanntest, hatte überdies gar nichts Frommes, er nannte unseren Glauben einen unmöglichen, den jüdischen einen kindischen und seinen eigenen gar einen Schweineglauben. Hol' ihn der Teufel!" Wilibald aber lachte überlaut und rief: „Wie würde mein frommes Püppchen erst keifen, wüßte eS, daß ich die eben mitgebrachte Gelehrsamkeit mir aus dem Hause eines aus Helmstädt vertriebenen Juden geholt habe." „Gottlob! Also da ist das Gesindel auch vertrieben," sagte ernst Wilhelm. „Ja, Gottlob! dort auch," spöttelte Wilibald ihm nach. „Der Werihheimer Abt hat den Helmstädter Spießbürgern eigenes Geld und eigene Juden verboten, und da hat denn die gute Stadt fürs Erste Moses Kinder hinausgejagt. Mit ihnen meinen alten Rabbi Jbn Wakar. Der alte Herr mit seinem ehrwürdigen schneeweißen Bart ist ein tüchtiger Arzt, ursprünglich aus Spanien, sitzt voll talmudischer und arabischer Weisheit und hat außerdem einen Schatz von Manuskripten, der unbezahlbar ist, worunter viele alte talmudische und arabische, die er mir gern leiht, wie figura zeigt." Bei diesen Worten zog er eine sorgfältig zusammengewickelte Pergamentrolle aus seinem Busen, die er mit innerem Wohlbehagen auf dem Tisch ausbreitete und sich darüber hinbeugte. Wilhelm holte aber zur selben Zeit einen starken, in dickes Schweinsleder gebundenen Folianten unter demselben hervor; es waren nachgeschriebene Vorlesungen über das römische Recht (denn damals wurden den studirenden Musensöhnen, die in den Hörsälen zu den Füßen der Professoren auf Stroh lagen, Text und Erklärungen diktirt, und der Fleißige brauchte einen Esel blos für seine nachgeschriebenen Studien, um sie nach Hause tragen zu lassen, wenn er die Universität verließ), schlug sie auf iinb las mit lauter Stimme, Wilibalden von Zeit zu Zeit ansehend, Folgendes: Es stehet geschrieben in zure canonico, in dem zweiten Theil decretornrn in der ersten quaestio der 28. causa im 13. Kapitel: Nullus eorum qui in sacro sunt ordine. aut laicus azyma Judaeorum manducet aut cum eis habitet aut aliquem in infirniitatibus suis vocet, aut medicinam ab eis percipiat aut cum eis in balneo lavet. Si vero quisquam hoc fecerit, si Clericus est, deponatur, si laicus, excommunicetur1). „Prüfet alles, und das Beste behaltet, spricht der Apostel," entgegnete Wilibald, aufblickend zu seinem zürnenden Stubengenoffen. Dieser aber klappte unwillig das Buch zu, warf das Barett aufs Haupt und verließ schnell das Zimmer, ohne ein Wort zu sagen. Wilibald ließ sich nicht irre machen, sondern studirte fort in seiner alten Handschrift. (Forts, folgt.) Es soll keiner von Denen, die in geistlichen Orden find, oder ein Laie ungesäuert Brod der Juden essen; auch nicht bei ihnen wohnen oder einen in Leibesfchwächen zu sich rufen oder Arznei von ihnen nehmen oder mit ihnen sich baden. Wer das aber thun wird, ist er ein Geistlicher, soll er abgefetzt, ist er ein Laie, in den Bann gethan werden. L Die Gesetzesfreude. Nach dem ungarischen Dichter Jozsef Kiß. Von Dr. S. Nascher. ^ottes Lehre ist mir Stütze, Treu ich diesen Schatz bewahre, Daß die Jugend ihn besitze. Sich um Gottes Banner schaare. Himmelreich erschließet, Erdenreich versüßet Uns die Gotteslehre, Die des Volkes Ehre. Sinai flammt im lichten Glanze Und erglüht in unsrer Seele, Und das Volk erstrahlt im Kranze, Das der Herr sich auserwähle, Durch die Lehre fest umschlungen Sich zum Lichte aufgerungen. Denn die Gotteslehre Bleibt des Volkes Ehre. So mag Hallelujah rauschen Durch das Weltall mächtig rein, Alle Völker sollen lauschen Und beglückt vom Liede sein. Durch die Stürme zu dem Sterne Ring' das Volk sich muthig, gerne. Denn die Gotteslehre Bleibt des Volkes Ehre. Sprerhsaal. &<n Nr. 29 Ihres geschätzten Blattes bringen Sie das offizielle Protokoll über die 43. Jahresversammlung des Vereins israelitischer Elementarlehrer für Rheinland und Westfalen, worin gegen den Unterzeichneten Vorstand die heftigsten Vorwürfe geschleudert werden. Doch diese sind es weniger, die uns zu einem energischen Protest an dieser Stelle veranlassen, als vielmehr die für ein offizielles Protokoll höchst befremdende Form. Während sonst Schriftführer die Aufgabe haben, objektiv über die Verhandlungen zu berichten, ist hier, wenigstens so weit es Punkt 6 betrifft, eine Schilderung des Eindrucks wiedergegeben, den die Berathungen auf die beiden Schriftführer gemacht haben. Licht und Schatten sind in so ungleicher Weise vertheilt, daß selbst ein nicht unterrichteter Leser sofort erkennen muß, daß hier kein objektiver Bericht vorliegt. Zur Charakterisirung des Protokolls sei folgender Satz wiederholt: „Der „Gesamrnteindruck" dieser über diesen einen Punkt nahezu drei Stunden dauernden Debatte — es war eine Redeschlacht — „war eine moralische Niederlage" des Kölner Vereins. Dieses Gefühl theilte Jeder." Sapienti sat! Auf die Borwürfe selbst werden wir an anderer Stelle zurückkommen. Köln, 25. August. Der Vorstand des Vereins jüdischer Lehrer in Rheinland und Westfalen. M. Goldschmidt, z.Z. Vorsitzender. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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