Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 40 (7.12.1898)
- Date
- 1898-12-07
- Page
- Seite 479 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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479 WWWWWWW» und eine hohe Männergestalt ward sichtbar, doppelt auffallend inmitten des grellen Sonnenlichtes, welches um dieselbe niederfloß. Der wilde Krieger stieß einen Ausruf hervor und verschwand zwischen den weichenden Haufen. Die Matrone riß Na«mi rasch neben sich auf die Kniee nieder und faltete die Hände flehend zu der seltsamen Erscheinung. Das Beispiel wirkte elektrisch auf die Masten. Zwar flohen Viele, aber die Meisten sanken auf die Kniee und schlugen die Augen nieder. Ein tiefes, aber rasches Gemurmel flog von Lippe zu Lippe: „Der König!" Eine Pause voll Ruhe, voll Schrecken fast und Ehrsucht, folgte dem Ausruf. Er war es, König Salomo, der Mächtige und Weise, der auf der Schwelle stand und den ruhigen, hoheitsvollen Blick auf das furchtsame Volk heftete. Es war eine majestätische, edle Gestalt, dieser weise, mächtige König. Wer hätte in dies ruhige, edel geformte Antlitz blicken können, ohne ehrfurchtsvoll niederzusinken? Unter der hohen, mächtig entwickelten Stirn sprühten dunkle, ernste Augen, denen ein weit vorgerücktes Alter nichts von ihrer Gluth genommen. Der König war damals achtundfünfzig Jahre alt. Aber wo waren die Spuren so hohen Alters an dieser edeln, markigen Gestalt zu erkennen? — Diese Züge, obgleich hier und da etwas gefurcht, verriethen weit mehr überstandene Leidenschaft als hohes Alter. Sie waren elastisch, lebensvoll, und der kurze krause Bart, der Kinn und Lippe zierte, hatte von seinem glänzenden Schwarz noch nichts verloren. Um das edle, von ernster Hoheit überwehte Antlitz fielen dunkle, lange Haare nieder, und ein dünner goldner Kronreif schlang sich um das Haupt des Königs herum. Die glänzenden Haare mochten farbloser sein, als sie schienen, aber sie waren mit einer gewiffen weichlichen Sorge geordnet, und ein leiser, aromatischer Duft umwehte dieselben, denn der König verwendete die köstlichsten Salben auf den seltenen Schmuck seines Alters. Der König war ganz unbewaffnet. Ein Oberkleid von feinem Purpurgewebe — eine Arbeit der Sidonier — floß um seine hohe, feste Gestalt bis fast auf die Knöchel nieder. Sohlen vom Fell der flüchtigen Hirsche waren -mittelst gestickter Bänder um seinen Fuß festgehalten. Unter dem Obergewand trug er einen kürzeren Rock von weißem, zartem Gewebe, welcher eine hohe Gestalt umschloß, eine Gestalt, die, was ihr an Schlankheit gebrach, durch eine unwiderstehliche Würde und die edelsten Verhältniffe ersetzte. Der König Salomo war eine Erscheinung voll Majestät, voll Schönheit, aber zugleich war eine gewisse Weichlichkeit und Pracht um ihn, welche den orientalischen Herrscher bezeichneten. Die Gruppe, welche die Erscheinung des Königs verursacht hatte, war eigenthümlich. Des Königs Blick aber streifte bald von dem Volke weg auf die beiden weiblichen Gestalten, deren jede die höchste Anmuth und die freundlichste Würde ihres verschiedenen Alters darstellte. Als des Königs Blick Nasmis Antlitz berührte, wurden die Züge des Herrschers sanft, und ein edles, eigenthümliches Lächeln belebte das geistreiche Angesicht. Die Wirkung dieses Blickes auf den Stern von Edom war eine gewaltige. Das Mädchen blieb auf den Knieen liegen, aber während seine erblaßten Züge von dem Schimmer glühender, plötzlicher Empfindungen übergossen wurden, heftete es seine Augen mit dem Ausdruck der Verzückung auf das Antlitz des Königs. Die Fürstin von Edom, die Vertriebene, die Einsame, die Trauernde, dieses junge und doch stolze Mädchen, welches den heldenhaften Edomiter Reson nicht verstanden hatte, dieses anmuthige Wesen, welches ein qualvolles Leben voll Lieblosigkeit und Verlastenheit mit Thränen ertragen hatte, diese durch den Eintritt des Königs wie durch einen Gott gerettete Naömi, fühlte eine wunderbare, glückselige Betäubung, als sie in das edle Antlitz eines ebenbürtigen Fürsten blickte, welcher glücklicher war als sie. Das Herz des Mädchens bebte, tausend Wünsche schien ein Moment erfüllt zu haben; auf Zions Thron wartete eine der Fürstin Edoms würdige Liebe der Verlastenen. Ja, das empfand sie, dies junge, unglückliche und doch stolze Mädchen! Das empfand die Fürstin, die den Führer wilder Rotten nicht verstanden hatte und nie verstehen konnte, weil sie auf einem Thron geboren war.' Nach einer langen Pause drangen die Reiter des Königs unter das Volk und zerstreuten daffelbe. Alles eilte nun die Abhänge des Oelbergs hinab nach Jerusalem. Der König aber blieb in der einsamen Hütte^Zeruhas. Ueber die Brücke des Kidron schritt den eilenden Haufen voraus ein hoher Mann, der einen Pilgerstab in den Händen führte. Die Dämmerung machte seine Züge unkenntlich, aber sein Auge funkelte gleich dem eines wüthend gewordenen Raubthieres. Er bemerkte gar nicht, daß ein Mann, der aus dem Thal Josaphat herabkam, angestrengt auf ihn zueilte. Dieser zweite Mann war endlich mit einem Satze an der Seite des Ersteren und berührte dessen Arm. Der also aufmerksam Gemachte fuhr auf. . „Was giebt's, Aegypter?" flüsterte er, sich vorsichtig umsehend. Der Andere lachte dumpf, und seine Augen leuchteten voll tückischer Freude. „Er sitzt fest," murmelte er, „und sobald wird er das Schwert nicht wieder gebrauchen." Der Prophet fuhr zurück. „Ihr habt ihn todt gemacht?" rief er fast laut und faßte den Arm des Aegypters mit solcher Gewalt, daß Jener aufschrie. „Nicht doch," versetzte er. sich heftig losreißend, „aber er wehrte sich wüthend, bis wir ihm seinen Arm untauglich machten." „Folge mir, uns ist alles mißlungen!" Die Beiden schritten eilig weiter und verschwanden innerhalb des Thores von Jerusalem. In der Entfernung von etwa fünfzig Schritten folgte dem Propheten ein hebräischer Krieger, dessen Wesen das sorgloseste von der Welt war, während die anderen vom Oelberg Niederströmenden mit einer gewissen Angst ihren Wohnungen zueilten. Laue, von den Sternen erhellte Nacht bedeckte die Gegend. Kein Strahl der Sonne war zu sehen. Der Horizont war überall tiefblau und von Nachtnebeln verschleiert, aber König Salomo verweilte noch immer in der Hütte Zeruhas. Aas Geheimnrß. Historische Erzählung von A. Stern. I. nde tarn tarde Sancte Bernarde?') begrüßte am Abend des 31. Dezembers im Jahre 1469 ein Student der Universität zu Prag seinen eben eintretenden Stubengenoffen. „Neuer Stoff fürs neue Jahr," erwiederte dieser, auf mehrere Folianten deutend, die er keuchend die hohen Stiegen hinaufgeschleppt hatte; „ehe wir die durchgeritten haben, Herr Bruder, wird manches ’) Woher so spät, heiliger Bernhard?