Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 40 (7.12.1898)
- Date
- 1898-12-07
- Page
- Seite 478 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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■ WWW WW WWWWWWW und hielten sich gegenseitig eng umschlungen. Sie blickten dem Haufen des wüthenden Volkes mit starren Augen entgegen, und die Angst lähmte ihre Schritte. Doch führte eine dritte Thür aus dem inneren Gemach in den Garten. Die Matrone hatte Nasmi unter ihrem weiten Mantel fast verborgen. Man erblickte blos die dunklen Haare Noemis und ihren zarten Arm, der um den Nacken der Matrone geschlungen lag. Zuweilen nur erhob sie das erblaßte Antlitz und blickte entsetzt nach den wüthenden Menschen, worauf sie aber mit erneutem Schaudern ihr Haupt an Zeruhas Busen verbarg. Die Matrone blickte fortwährend den Feinden entgegen; aber starrer Schrecken lag in ihren ernsten, edlen Zügen. Ihr Auge schwankte bisweilen zu Nasmi nieder, und mit einem leisen Zittern zog sie dann den Mantel enger um die zarte Gestalt, als könne sie dieselbe damit schützen. So stand sie wie Niobe da, die ihr letztes Kind vor dem Pfeile des rächenden Gottes verbirgt — und e? dennoch verliert. „Nieder mit den Götzen und den Anbetern derselben!" schrie der hebräische Krieger, der das Amt, die Haufen aufzureizen, über-' nommen zu haben schien. Und mit diesem Ausruf sprang er in das erste Gemach hinein, besten Geräthe er rasch musterte. Die Uebrigen eilten, aufgereizt, dem kecken Führer nach, und nun begann die Szene der Zerstörung. »Ihr seht dies Bild, Kinder Israels!" schrie der Hebräer und zeigte einen Oelkrug vor. „Das ist der Greuel der Aegypter, der Götze Isis! Seht, so wird er abgebildet mit hundert Brüsten und auch sonst mit menschlicher Gestalt. Seht, aus diesen Brüsten quillt alles Unheil der Welt, Bosheit, Wollust, Krankheit, Neid, Abgötterei und Stolz. Darum beten die schändlichen Heiden diese Brust der Hölle an. Um alles mit einem Male zu sagen: das ist die große Buhlerin von Babylon, von welcher geschrieben steht!" Der Oelkrug splitterte iu hundert Stücke, und dann erfaßte der barbarische Grimm alle sonstigen Geräthschaften des Gemaches, und blinde, wahnsinnige Zerstörungslust schlug die schuldlosen ländlichen Werkzeuge in Trümmer. Während deffen sprang der Hebräer in das innere Gemach und blieb vor der Gruppe stehen. Die Matrone schrie nicht, kaum bebte sie — die Empfindung hatte sie verlassen, der Schrecken hatte sie zur Bildsäule gemacht. Der Hebräer vermied es, in dies starre, von Bewußtlosigkeit zeugende Auge zu sehen. Er ergriff den Arm der Matrone und schüttelte ihn. Die Matrone schrie auf und blickte wild um sich. „Was wollen Diese da?" rief sie in heiseren Tönen und preßte Naämi unwillkürlich fester an sich. Der Krieger sagte mit tückischem, kaltem Ausdruck seiner Züge: „Diese Wüthenden da — sendet Dir Ahija!" Die Matrone schrie laut auf und wich zurück, wobei sie Nasmi mit sich riß. Das Mädchen erwachte aus seiner Betäubung. Der Hebräer aber heftete einen frohen und hinterlistigen Blick auf die Erschrockene und nickte vor sich hin. „Große Isis!" rief die Matrone und sank mit Nasmi zugleich auf die Kniee; „große Isis, erbarme Dich dieser Hütte in diesem Augenblick, wo uns unbekannte, schreckliche Gefahren drohen!" <■ Der Hebräer trat mit einem Lächeln tückischen Triumphes zurück und wandte sich an das wüthende Volk, das bereits über die Schwelle des zweiten Gemaches drang. „Ihr Kinder Israels!" rief er, „Ihr seht, sie knieen und rufen ihren Greuel an. Das Maß ihrer Sünden ist voll! Rächt Jehovahs verhöhnten Namen! Doch verflucht sei, wer das Mädchen verletzt! Sie muß erhalten werden, so gebot der heilige Mann von Silo, und Ihr sollt nachher erfahren, weshalb. Was die Alte betrifft, so ist sie in Abgötterei verstockt und nicht mehr zu retten." Die beiden Frauen sprangen auf. Ein Schrei des Schreckens und der Ueberraschung ob des seltsamen Befehls des Kriegers verließ ihre bebenden Lippen. In diesem Augenblick drängte sich Einer ungeduldig durch die Haufen heran, bis er vor dem Krieger stand. Dann berührte er die Hand deffelben und flüsterte eilig und fast furchtsam:' „Des Königs Reiter kommen soeben den Oelberg herunter, und sie werden das Geschrei der Weiber hören." Der Krieger bewahrte die Ruhe seiner Züge, während er leise fragte: „Wie viele kommen herab?" „Kaum zwanzig," versetzte der Bote. Der Krieger lächelte und blickte auf die Haufen, die dem leisen Gespräch lauschten. „Mach' Dich wieder hinaus, Dathan," sagte er, „und unterdessen laß' uns freie Hand! Die Reiter, im schlimmsten Falle, müßten diesen Wüthenden unterliegen." Der Andere verschwand. „Und nun, Ihr Männer," rief der Sprecher die Versammelten laut an, „nun haben wir lange genug gezögert, dem heiligen Mann von Silo zu gehorchen. Noch einmal: das Mädchen darf nicht verletzt werden, aber diese Hütte und jene Alte dort sind in Eure Hand gegeben. Ich hoffe, Ihr begreift, wie Ihr zu handeln habt!" Der Krieger schritt unter dem wilden Zuruf der Haufen auf Nasmi los. „Komm," sagte er, „diese Stelle ist dem Tode geweiht worden, Du aber sollst lebend bleiben. Komm', ich rette Dich!" Er ergriff die Hand der Fürstin und wollte sie fortreißen. Die Matrone schlug ihren Arm enger um dies in tiefem Entsetzen verstummende Mädchen, und mit der anderen Hand stieß sie den Krieger mächtig zurück. Ihre bleichen Wangen rötheten sich leicht, ihr Busen bebte, aber ihre Gestalt stand hoch aufgerichtet und voll Ruhe da. Der Krieger lächelte bitter und mit einem gewissen verachtungsvollen Zorn. „Thörichte!" sagte er, zitt're für Dein eig'nes Leben, denn der Befehl eines heiligen Mannes bewaffnete die Hände jener Wüthenden wie meine eig'nen — gegen Dein Leben. Weiche, denn in dem nächsten Augenblick durchbohren jene Lanzen Deine Brust!" Die Matrone stand da mit unbewegten Zügen. Sie hatte nun Nasmi mit beiden Armen umschlungen und sie den Blicken des Kriegers entzogen. So kehrte sie den Wüthenden fast den Rücken zu, aber sie hatte ihr ernstes, edles Antlitz umgewendet und blickte unverwandt die gedungenen Mörder an. Der Krieger schien zweifelhaft — sein Auge sprühte wachsende Wuth. Die Sonne war im Untergehen begriffen. Die leuchtende Kugel war kaum zur Hälfte mehr zu sehen und die ganze Landschaft von blendendem Lichte überströmt. Da die äußere Thür der Hütte gefallen war, so quollen breite Lichtstrahlen in das Gemach hinein, und die Versammelten gingen in seltsamer, blendender Beleuchtung durch einander. Ein grelles Licht besonders fiel auf die Gruppe der Matrone und Nasmis. Gleich neben dieser Gruppe lag ein goldener Strahl auf der geschloffenen Thür, die in den Garten führte. Während der Krieger zürnend die Gruppe der Weiber anblickte, tobten die Uebrigen in dem Gemach umher und wiederholten die unnütze Zerstörung des vorigen Gemaches. Plötzlich hörte der Lärm wie mit einem Schlage auf. Die Thür, die nach dem Garten führte, war unvermerkt aufgeriffen worden,