Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-07 · Heft 40 (7.12.1898) · p. Seite 477

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 40 (7.12.1898)
Date
1898-12-07
Page
Seite 477 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228298--54945-3291128
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

477 begann die Juden grausam zu behandeln: zwei des Diebstahls angeklagte deutsche Juden sind im Jahre 1435 zu einem grausamen Tode verurtheilt worden. Hier glauben wir eine Bemerkung machen zu dürfen. Das 15. Jahrhundert ist der Anfang des Endes des zünftigen Kleinbürgerthums und des Beginnes des kapitalistischen Großbürgerthums. Die Lombarden, die Florentiner, die Lübecker, mit einem Worte die internationalen Welthändler, waren als Großhändler geneigt. Großbürger zu werden. Dieselbe Neigung war gewiß bei einem Theil der Juden, bei der haute finance, bei den jüdischen Großhändlern und Bankiers vorhanden. Mag man über den Kapitalismus denken wie man will, ein Fortschritt war er jedenfalls. Das zünftige Kleinbürgerthum sah in ihm seinen Ruin — und haßte ihn. Wie wir bald sehen werden, wollte man mit den fremden Christen, d. h. mit den fremden Großkapitalisten, keine Brüderschaft trinken. Der Jude, der doppelt fremd war, war doppelt verhaßt und verfolgt. Im Jahre 1529 wird der Handel mit Juden verboten, in 1542 erhält der Oberrathsknecht Befehl, den Juden kein Geleit ohne besondere Erlaubniß des Rathes zu geben, und erst nachdem „die kapitalistische Arbeitsvereinigung, Doppelzünftigkeit, Association und Kommandite ihren Einzug wieder hielten, wurden die Juden wieder zugelassen". Zur selben Zeit, als die Juden von Basel verwiesen waren, im Jahre 1546, verfügte der Baseler Rath, daß die Welschen nicht zu Bürgern oder zu Hintersassen angenommen werden, man solle sie „glat fürweisen und in der Stadt nicht dulden". Man warnte zugleich die Baseler Töchter, „daß sie keinen Welschen heirathen. Sonst werden sie selbst sammt ihren welschen Männern von Stadt und Land weggeschickt werden". Wir sehen also, daß auch die Nichtjuden aus ökonomischen Gründen nicht geduldet waren. Den Juden ging es gewiß noch schlimmer. Das beschränkte Zunftkleinbürgerthum sah in der Anfangsperiode des Kapitalismus nur in den Juden den Feind, wie die beschränkten Kleinbürger Ahlwardt'scher oder Lueger'scher Richtung in unserer Zeit sehen. Das damalige Kleinbürgerthum war antisemitisch städtisch-national, das heutige ist antisemitisch deutsch-national. Oekonomische Gründe und Unwissenheit waren damals und sind heute die Hauptursache des Judenhasses, — die Religion damals, die Raste heute sind der Deckmantel, unter dem der kleinliche Kleinbürgeregoismus seine Ideen kolportirt. In dieser wichtigen ökonomischen Geschichtsperiode wirkte in Basel eine imposante Persönlichkeit jüdischer Abstammung, Marco Perez, geboren 1527, gestorben 1572. Perez war ein spanischjüdischer Flüchtling. In Holland ließ er sich von der Reformation hinreißen und ging zum Kalvinismus über. Er war dann Aeltester und Präsident der Kalvinistengemeinde in Antwerpen und wirkte eifrig für den Protestantismus. Als vielfacher Millionär, Bankier und Großkaufmann war er einer der ersten Finanzmänner Wilhelms von Oranien. Er begründete in Antwerpen eine geheime Buchdruckern und schmuggelte 30000 Exemplare von der in derselben gedruckten lustitetio Calvins nach Spanien hinein. Aus Furcht, in spanische Hände zu fallen, wanderte er im Jahre 1567 von Antwerpen aus. Perez kam dann nach Basel lind ward dank einer Empfehlung des Pfalzgrafen Christoph zum Bürgerrecht angenommen. In Basel verkehrte er viel mit der dortigen Gelehrtenwelt, er war befreundet mit dem Profestor der Medizin Theodor Zwingger und mit dem damas in Basel weilenden Petrus RamuS. Spanische und französische Flüchtlinge fanden in seinem Hause stets einen Zufluchtsort; durch seine finanzielle Unterstützung konnte die spanische Bibelübersetzung des spanischen Refugianten Cassiodor de Reyna bei Thomas Guarin im Jahre 1569 gedruckt werden. Perez widmete seine ganze Kraft der Unterstützung der französischen protestantischen Flüchtlinge und übte eine große Wohlthätigkeit aus. Perez war ein Mann seiner Zeit. Er begriff, daß das Handwerk der Manufaktur weichen müsse. Er legte dem Baseler Rath ein Projekt vor, das Seidengewerbe einzuführen und in der Seidenindustrie die französischen protestantischen Flüchtlinge zu beschäftigen. Perez war mit einem Worte der Begründer der jetzt so blühenden Baseler Seidenindustrie, und der Name Perez bedeutet in der Baseler Wirtschaftsgeschichte einen Wendepunkt zwischen der alten Zunft und der neuen Manufakturperiode. Die Zunftmeister verfolgten Perez zwar nicht als ehemaligen Juden, jedoch als Großindustriellen. Speziell wütheten sie gegen einen Freund von Perez, einen spanischen Flüchtling Namens Servaters, den Perez sehr unterstützte, und der ihnen starke Konkurrenz machen sollte. Die kleinlichen Zünftigen wollten sogar, daß Perez in seinen bürgerlichen Rechten sistirt werde — wie in unserer Zeit Geschäftskonkurrenz und Chauvinismus Hand in Hand gehen —, dies gelang ihnen aber nicht. Perez starb im Jahre 1572. Sein Freund Servaters und seine Gattin, eine geborene Lopez, verließen Basel nach Perez Tode. In der Peterskirche setzte ihm seine Frau eine einfache Grabtafel mit der Aufschrift: kckarco Pererio Christi causa exuli, qui .... fidem suam Deo Patriae bonisque comprobavit omnibus. Die Wittwe von Perez lebte später in Antwerpen und in Köln. In den Jahren 1582/83 ist sie noch Mitglied der holländischen reformirten Gemeinde in der letzten Stadt. Perez Andenken blieb trotz seiner zünftigen Feinde im Segen bei den Armen, bei den Glaubensverfolgten, bei den Gebildeten, „bei allen Guten", wie die Grabschrift sagt: „Die zwingende ethische Macht seiner wahrhaft großen Persönlichkeit — schreibt Geeriug — dürfte doch wesentlich zu der milderen Dulduugspolitik beigetragen haben, die der Rath seitdem übte." Also war auch die Reformationsbewegung nicht ganz „judenrein". Freilich faßte der evangelisch-christliche Semite Perez seine Pflichten anders als Herr Stöcker und Genoffen auf. EUILLETON Nie Rose mn Karon. Eine Erzählung. XV. (Mun." schrie der oben erwähnte Sprecher, „was zögert Ihr, der Heidin zu folgen? Stoßt die Thür ein — zerschlagt (jt?-3 die Götzen, die jene Räume besudeln! Wie, Ihr zögert noch immer?" Das Volk schwieg. Endlich sagte eine Stimme: „Die Thür ist zu — ist es aber erlaubt, die fremde Pforte zu zertrümmern am Vorabend des heiligen Tages?" Der Sprecher lachte höhnisch und entriß dem Nächsten eine schwere Keule. Dann näherte er sich der Thüre, und während die zunächst Stehenden zurückwichen, führte er einen mächtigen Schlag gegen die dünnen Balken. Ein Schrei wurde gehört — ein zweiter Schlag schmetterte die Thüre gänzlich nieder, und jetzt konnte man das Innere der Hütte vollkommen übersehen. Die Thür des zweiten Gemaches war ebenfalls geöffnet, und in diesem Gemach standen Zeruha und Na«mi mit verwirrten Zügen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.