Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-07 · Heft 40 (7.12.1898) · p. Seite 476

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 40 (7.12.1898)
Date
1898-12-07
Page
Seite 476 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228298--54944-3291127
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

V«WWWWWWS«WWWWMWWWWWWWMWWW 476 der Stadt Basel (Basel 1896. Verlag von Felix Schneider (Adolf ©eeriitg]. Herr Dr. Geering ist Baseler und bekleidet das Amt eines Chefs der III. Abtheilung der eidgenössischen Oberzolldirektion in Bern. Geering theilt uns mit auf Grund archivalischer Quellen, daß im Jahre 1429 die Zugehörigkeit zu einer Zunft für Bürger und Hintersassen die Form und Bedingung ihres Daseins war. Unzünftig waren Juden, Fremde und die sozial tiefstehenden Klassen. Die Zahl der Unzünftigen, die wirthschaftlich produktiv waren, betrug etwa 50V—600 Köpfe, darunter vorwiegend Frauen, wie Käuflerinnen, Näherinnen, Spinnerinnen, Wollstreicherinnen, Pfründnerinnen, Hebammen, und die geringen Leute, wie Holzhauer, Pfeifer, Lautenschläger, Karrer. Windmüller, Scheerenschleifer, Bader, Schäfer, Nunnemacher, Nachrichter, des Henkers Knecht, Scheller, Todtengräber. Die Juden theilten also das Loos der ärmsten Proletarier. Die Juden sind im 15. Jahrhundert zu Lumpenproletariern hinuntergesunken, und noch unlängst war ihre Stellung eine viel günstigere — freilich, als man sie gebraucht hatte. Im 12., 13. und 14. Jahrhundert waren die Juden neben den Lombarden und Cauwertschen (den Flüchtlingen aus Cahas) die Bankiers und Finanzmänner. Zu Anfang des 13. Jahrhunderts stehen die Juden in Geschäftsverbindungen mit dem bekannten Baseler Wirthschaftspolitiker Heinrich von Thun. Heinrich von Thun verpfändete an die Juden den gesummten Kirchenschatz, und mit dem dafür gewonnenen Gelde begann er das gewaltige Unternehmen des Baues der alten Baseler Brücke. Thun hat sich dadurch ein bleibendes Verdienst um die wirthschaftliche Entwickelung des ganzen Oberrheinviertels erworben. Gegen Ende des 13., Anfang und Mitte des 14. Jahrhunderts gehören die Juden in Basel, wenn wir uns so ausdrücken dürfen, zur baute finance. Im Jahre 1284 kauft sich Salmannus Judeus, den wir später im Jahre 1321 als Bürger von Köln antreffen, am Rindermarkt in Basel ein. Sein Sohn Moyses von Köln kauft 1324 die Hälfte des Mannenhofs am Rindermarkt zu Basel. 1335 verpfändet der Baseler Rath „Moyses Hof von Köln und die Briefe... an Judelin von Henouwe". Der Mannenhof trug bis zum Judenmorde im Jahre 1349 den Namen „Moyses Hof von Köln". Der Baseler Rath erwarb einstweilen für zehn Jahre den kaiserlichen Judenschutz und bezog auf Grund deffen seine Prozente von jedem Geldgeschäft der Juden. In den Jahresrechnungen finden wir daher eine Rubrik: „von den juden, die gedingt hät". In den Rechnungen von 1362 ff. kommen folgende jüdische Namen vor: Salomon, Hogkman, Sansy, Robin, Eberlin, Menlin, sein Weib die Menlerin, Vinelin(oder Umelin?) und Helyas ihre Söhne, (?) Sara, Frau Jutin. Der reichste Jude damaliger Zeit in Basel war Moyses von Colmar. Er lieh der Stadt Basel im Jahre 1375 auf einmal 4300 Pfund silberner Pfennige, was nach dem heutigen Münzwerthe 61920 Reichsmark beträgt. Nach seinem Tode fanden mit seiner Frau über den Nachlaß weitläufige Auseinandersetzungen statt. Die Juden lebten, wie es scheint, zu damaliger Zeit glücklich in Basel, aber auch die Stadt hatte ihren Nutzen an ihnen, abgesehen schon von den Einkünften aus dem „Judenschutze". Die Baseler Finanzverwaltung war im 14. Jahrhundert eine großartige, Macht und Bedeutung der Stadt wuchsen, der Kredit hob sich, und der Zinsfuß sank. Binnen der Zeit 1362—95 konnte die Stadt Basel ihre 7—Ivprozentigen Anleihen in solche zu 6Va konvertiren, und bis zum Jahre 1425 ist sogar der Zinsfuß auf 4—5 Prozent gesunken. „Das sichere technische Vorgehen, das den damaligen städtischen Finanzoperationen zu Grunde liegt" — sagt Dr. Geering — „werden wir auf Rechnung der Juden zu setzen haben, an denen die Stadt von 1365—74 ihr Jntereffe fand." Die Juden waren in Basel, wie überall im Mittelalter, auch als vielgesuchte Aerzte thätig. Dr. Geering will haben, daß sie vielfach neben der ärztlichen Praxis Wucher getrieben. Er schließt es daraus, daß im Jahre 1398 der Rath seinen Stadtarzt Meister Gutleben vereidigt, kein Geld auf Wucher auszuleihen. Die meisten Aerzte waren Juden. Meister Jocet der Solorgicus zu Freiburg i. Ue. war in den Jahren 1356—70 ein vielgesuchter Arzt. Im Jahre 1372 wird er von der Stadt Basel als Stadtarzt mit einem Jahresgehalt von 23 Pfund (heutiger Werth 239 Rm. 20 Pf. nach dem Silbergehalt von 1373 berechnet; nach bcm Silbergehalt von 1375 würde der Werth 295 Rm. 4 Pf. betragen). Der Nachfolger Meister Jocets in den Jahren 1378—1412 war auch ein Jude, der schon genannte Meister Gutleben. Es wird uns noch ein zwischen dem Arzte Meister Jocet und einem Herrn von Landeron abgeschlossener Kontrakt angeführt, den wir, weil er sehr charakteristisch ist, wörtlich wiedergeben möchten: Pro cura et sanatione 21 fl. solveudi infra diem . . . ., vivat dictus patiens seu moriatur interim; et residuos uudecim florenos quum volnus sanatum erit. Et est sciendum, quod pactiones inter dictum Judaeum ac dictum Johannem sunt hec: videlicet quod dictus Judeus dictum patienlum recepit in cura suo tanquam pro mortuo. Jtem et quam primum dictus Judeus visitaverit dictum patientem semel in dicto loco Landeron, ipse Johannes tenetur dictum patientem in continenti in Friburgo iuxta consilium dicti Judei presentare. Ad hoc, quod ipse Johannes ipsam curam exerceat in Friburgo necinde recedere nisi de consilo dicti Judei, quousque sanatus et curatus fuerit de dicto volnere, quo volneratus est, ut supra. Der Fall war schwer, sagt zu diesem Kontrakt Dr. Geering, das Honorar war auch ganz enorm?) Die Juden sind aber bald in der Finanz und in der Medizin von den vielleicht sschlaueren oder dank ihrer christlichen Religion sozial stärkeren Italienern verdrängt worden. Im 15. Jahrhundert traten die Italiener förmlich an Stelle der Juden. Italiener und Juden nahmen an Finanzoperationen theil, die Italiener sind an diesen stärker als die Juden betheiligt — man beginnt aber, den Juden zu Haffen, und den Italiener läßt man in Ruhe. Kaiser Sigismund gründete 1425/29 in dem nicht so verkehrsreichen Basel eine dritte Reichsgoldmünze. Das Gold wird auf dem Baseler Markt am wohlfeilsten, die Lombarden finden darin ein gutes Geschäft, das Gold außerhalb des Landes zu führen, die Juden folgen ihrem Beispiel. Man klagt über die Lombarden, aber in schrofferem Tone über die Juden: „darum darf niemand — klagt man — fragen, wo der christenmenschen geld oder ir barschaft hinkommen, sondern die bösen unseligen Hellenhunde versenden das uszer lande mit iren uffsetzigen listen". Während des Konzils werden von Welschen und Lombarden, Florentinern und .Lübeckern und auch von Juden die schwindelhaftesten Finanzoperationen unternommen. Den Löwenantheil an diesen Operationen hatten gewiß die Nichtjuden. Dr. Geering führt uns eine Menge von Namen vor, Namen lauter Fremder und Nichtjuden. Trotzdem glaubte ein damaliger Rathsschreiber Recht zu haben, wenn er die Worte niederschrieb: „Alle Christenheit! merket hier, wie die bösen hellenhnnde die juden mit irem Wucher uns christenmenschen unser gut so gar böslich abnehmen". — Man 0 Der Werth eines Gulden rheinisch schwankte im 14. Jahrhundert zwischen 10—30 Schilling. Ein Schilling hatte aber auch einen verschiedenen Silbergehalt: der Werth eines Schillings vom Jahre 1362 wäre nach heutigem Münzwerth 79 Pfg., der eines Schillings vom Jahre 1399 nur 31 Pfg.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.