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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-07 · Heft 40 (7.12.1898) · p. Seite 475

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 40 (7.12.1898)
Date
1898-12-07
Page
Seite 475 (sequence 7)
Language
German
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475 Zwiespalt. Was der Geist ersann, dafür erwärmte sich sein Herz, das redete seine Zunge, und dafür rang und kämpfte er. War denn seine ganze Thätigkeit hier, sein ganzes Leben anders als ein großes Werk der Liebe und Wahrheit? Er kam in das heilige Land, das ihn so anzog, das er so innig liebte, nicht materiellen VortheilS halber. Er sprach mit Jakob: Gott möge mit mir sein auf diesem Wege und mir nur Brod zum Esten und Gewand zum Ankleiden geben, so will ich zu seiner Ehre, >zu seinem Ruhm Denkmäler errichten. Er erwarb auch nichts für sich, er suchte ja auch nichts für sich; ja selbst Sorgen, Entbehrungen und Leiden haben nicht gefehlt, aber Denkmäler hat er geschaffen, keine, welche prunken, sondern solche, welche wirken, bilden und veredeln. „Der Stein an der Wand spricht es, und das Gebälk legt Zeugniß ab" von seiner edlen Gesinnung, von seiner gesegneten Thätigkeit. Ein Waisenhaus hat er geschaffen, um freudenlosen Kindern das elterliche Haus zu ersetzen, um die Verwahrlosten zu pflegen und zu erziehen, eine Schule hat er wieder aufgerichtet, um Geist und Herz der Jugend zu bilden, sie zu treuen Söhnen unseres Volkes, zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft zu erziehen. Er hat diese unsere Loge ins Leben gerufen und uns mit seinem Geiste beseelt, Werke der Liebe und Treue zu üben. Er hat sieben Jahrzehnte erreicht und sie alle in Gottergebenheit, in Liebe und Treue zu den Menschen verlebt. Mit Gottergebenheit ertrug er schwere Schicksalsschläge; er, besten seelenuolle Güte geradezu ergreifend war, der so theilnahmsvoll für die Leiden Anderer war, ertrug selbst Leiden und Mühseligkeiten aller Art in Geduld und Ergebung. Er selbst klagte nicht. Dem Hohepriester Aron gleich, von dem gerühmt wird „pilN DT1", schwieg er, seine edlen Bestrebungen wurden verkannt, bekämpft, er schwieg und harrte aus in Geduld. Ein Sohn starb ihm, er schwieg. Manche von uns erinnern sich noch der Umstände. Es war vor acht Jahren. Wir waren zu einem Geburtsfeste geladen, wir saßen am gedeckten Tisch, ein Aufschrei rief den Verstorbenen in das Zimmer seines kranken Sohnes, und als er zu uns zurückkehrte, sprach er gefaßt die Worte: Ü7182 D^flPI rü^O *6 rO-Q -p2^>. In Liebe und Treue theilte er sein Brod mit den Armen, suchte er stets wohlzuthun, den Bedrängten Beistand zu leisten; in Liebe und Treue war er unser Wegweiser und Führer, Leitstern und Vorbild auf dem Pfade der Menschenliebe. Und welch ein Führer, welch ein Lehrer! Die große Tugend, die einem Moses nachgerühmt wird, die Bescheidenheit, machte sein ganzes Wesen aus. Und doch hat Dr. Herzberg nicht Allen gelebt. Gerade wegen seiner Bescheidenheit, weil ihm alle Kunstgriffe, welche man Reklame nennt, alle Heuchelei und Kriechen in der Seele verhaßt war, hat ihn die Mitwelt nicht so gekannt und gewürdigt, wie es — wir wollen es hoffen — die Nachwelt thun wird. Daß er uns gelebt, daß wir ihn besessen, so ganz beseffen haben, das sei der Trost in unserer Trauer. Uns war es vergönnt, in sein Herz zu blicken, in dieses edle, reine Herz, welches kein Falsch kannte. Sein Bild steht uns vor Augen, wie er, ein Geist der Liebe und Milde, in unserem Kreise so herrlich und friedsam, so allverehrt dastand, als liebreicher Freund, als hochsinniger Berufsgefährte und Führer. O, lasset seinen Geist stets in unserer Mitte weilen. O, lasset uns fest und treu Zusammenhalten, eines Herzens, eines Sinnes sein; lasset uns seine edlen Pflanzungen pflegen, emsig arbeiten an dem Werk, das er begonnen. O, daß sein Geist unsere Werke beleben möge! Dann wird sein Andenken bei uns Segen stiften. Zur Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittetatter. Bon Dr. jur. D. Farbstein in Zürich. fie Gesammtgeschichte des Volkes Israel wird kaum von einer Person geschrieben werden können. Damit sie eine gründlich wiffenschaftliche sei, müßten einige Spezialisten die verschiedenen Zeitalter bearbeiten. Eine solche Spezialisirung ist aber auch keine Leichtigkeit. Der Historiker der Juden im Mittelalter z. B. müßte ein guter Germanist und Rechtshistoriker, ein Wirthschafts-, ein Kirchenhistoriker und last not least ein gründlicher Kenner der rabbinischen Litteratur sein. Es wäre daher Pflicht, unseren Historikern womöglich ihre Arbeit zu erleichtern. Diejenigen Juden, die keine Geschichte der Juden schreiben wollen oder können, die aber anderen Studien nachgehen, sollten von Zeit zu Zeit in einer Zeitschrift das Material veröffentlichen, das sich auf die Juden bezieht, und von dem sie im Laufe ihrer Studien Notiz genommen haben. Schreiber dieser Zeilen macht mit dem gegenwärtigen Aufsatz den Versuch einer solchen wissenschaftlichen Hilfeleistung. Wir mästen aber noch eine wichtige Bemerkung vorausschicken. Die Referenten sollen streng an dem Grundsatz festhalten, stets genau das mitzutheilen, was sie vorgefunden haben — und mag auch hier und da ihr Stammesgefühl sich gegen unrichtige Beschuldigungen empören. Finden wir z. B. in einer Wirthschaftsgeschichte des Mittelalters Mittheilungen, daß die Juden Wucher oder dergleichen getrieben haben, so müffen wir daran denken, daß die Verfasser nichtjüdische archivarische Quellen vor sich hatten, und diese Quellen meist die Juden in keinem günstigen Licht geschildert haben. Sache des Historikers der Juden wäre es dann, zu untersuchen, welche Verhältniffe die Juden gezwungen haben, Wucherer zu werden. Wir können es hier nicht unterlassen, eine intereffante Bemerkung eines mittelalterlichen Glossators zu Maimonides Jad Hachasaka anzuführen. Maimonides verbietet auf Grund des Talmuds, auch von den Nichtjuden Wucherzins zu nehmen. Daraufhin bemerkt der Gloffator kurz und vielsagend: „Jetzt dürfen wir. Die Edlen und die Fürsten zwingen uns dazu. Sie zwingen uns Geldbestechungen ab. Das Wuchergeld bleibt nicht bei uns, sondern bei ihnen." Der jüdische Historiker soll einerseits den schon in den „Kinoth" uns gemachten Vorwurf vb WWD flöl DTTlö Di"6 mpfflP fltt tnma öor Augen haben und andererseits sich sagen: waren die Juden Wucherer, so haben fie die «edlen Herren" dazu gezwungen. Der galizische Jude hat ebenso wenig von Natur Wucherernerven, wie der galizische Bauer von Natur kein Schafsgehirn besitzt. Der polnische Schlachtziz hat den Juden zum Wucherer und den Bauern zum Vieh gemacht. Die slavischen Bauern, die „kmeti“, waren einst vornehme Rathsherren, und die Juden verabscheuten einst jeden Zins und Wucher. Wir wollen hier einen Beitrag zur Geschichte der Juden in Basel liefern. Basel war einst eine große „K'hilah". Die Baseler Talmudausgaben werden noch jetzt häufig gebraucht, die oft vorkommenden Namen Ettlinger, Eltinger, Etlinger zeigen darauf hin, daß die diesen Namen tragenden jüdischen Familien von Baselland stammen. Daß das Pergamenthandwerk seit dem 15. Jahrhundert in Basel stark abgenommen hat, steht vielleicht in Verbindung mit der Vertreibung der Juden, die für Pergament zu religiösen Zwecken Hauptabnehmer waren. — Wir schöpfen unser Material aus dem Werke des Dr. Traugott Geering: Handel und Industrie

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