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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-07 · Heft 40 (7.12.1898) · p. Seite 474

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 40 (7.12.1898)
Date
1898-12-07
Page
Seite 474 (sequence 6)
Language
German
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474 eine ergreifende Trauerrede, nach welcher der bekannte Schriftsteller David Jellin auch in hebräischer Sprache die großen Verdienste des Verblichenen um das Judenthum im Allgemeinen und um Palästina insbesondere schilderte. Es wird Sie zweifelsohne interessiren, aus der Trauerrede des Präsidenten Direktor Cohn, die viel zur gehobenen Stimmung des Abends beigetragen, den Geist, der unsere Gesellschaft erfüllt, zu erkennen, zugleich aber auch manchen wichtigen Zug zur Charakteristik Herzbergs zu entnehmen. Herr Direktor Cohn begann folgendermaßen: Ein weiser Mann lud Gäste zum Hochzeitsmahl seines Sohnes ein. Die Gäste kamen und wurden nach guter altjüdischer Sitte vom glücklichen Vater, vom freudestrahlenden Bräutigam liebevoll bewirthet. Der Wein ging aus, und der Bräutigam selbst ging in den Keller, um solchen zu holen. Er kam aber nicht zurück. Der Vater stieg in den Keller, um nach dem Säumigen zu sehen, und fand — welch Jammer — den Sohn, seine Hoffnung, seine Wonne, todt auf dem Boden liegen. Eine Schlange hatte ihr mörderisches Gift in des Jünglings Brust gespieen und ihn getödtet. Wer beschreibt den Schmerz des unglücklichen Vaters, deffen Freude sich in tiefste Trauer verwandelt! Doch nur einen Augenblick hatte ihn der Schmerz überwältigt; bald erinnerte er sich seiner Pflicht als Gastgeber und verschloß den Kummer in seinem Herzen. Er kehrte, zu den Festgenoffen zurück, bewirthete und ehrte sie. Doch als das Festmahl beendet war, als die Gäste Abschied nehmen wollten, da sprach er mit von Thränen erstickter Stimme die Worte: Ich habe euch zu einem Freudenmahle geladen, und euch muß ich jetzt zu einer Trauerfeier bitten, ihr seid gekommen, meinen Sohn unter den Trauhimmel zu führen, kommt nun und geleitet ihn zum Grabe. Es ist nicht lange her, daß auch wir bei einem Festmahle versammelt waren, um den siebzigsten Geburtstag unseres geliebten Bruders, des Gründers unserer Loge, zu feiern. Noch sind die Jubelklänge nicht verhallt, noch sind wir voll des Eindrucks, welchen das schöne Fest, das wir so aus ganzer Seele feierten, auch uns zurückgelassen; noch vor wenigen Wochen waren wir von der Hoffnung erfüllt, die wir in letzter Zeit mehr als je zuvor der Verwirklichung näher gerückt glaubten, den treuen Freund und Bruder noch einmal in unserer Mitte zu sehen, ihm noch einmal nahe zu sein — und sieh, unsere Freude hat sich in Trauer verwandelt, eine erschütternde Kunde dringt in unser Ohr: Dr. Herzberg ist nicht mehr. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel trifft uns die Trauerbotschaft. O. wie gern möchten wir sie nicht glauben, wie schwer fällt es uns, uns mit dem Gedanken vertraut zu inachen- Dr. Herzberg, unser edler hochverehrter und inniggeliebter Freund und Bruder, der Vater unserer Loge, ist zu seinen Vätern eingegangen. Hätten wir ihn krank gewußt, wäre es uns vergönnt gewesen, sein Krankenbett zu umstehen und das Licht langsam erlöschen zu sehen, wir hätten einander gefragt: „Weißt du, daß der Herr deinen Freund von dir genommen?" und resignirt geantwortet: „Ich weiß es und schweige!" Allein die Schmerzenskunde brach so unerwartet, so plötzlich herein; wir waren sozusagen noch eben daran, Abschied von dem Festmahl zu nehmen, und wir hören den Trauerruf rO"D *pab *6« DTOG DOTl ro“Q -]-ob üb Ob er selbst sein nahes Ende nicht schon vor Monaten gefühlt, ob er, seit lange leidend, sich nicht an der Ausgangsschwelle des Lebens wußte, ich möchte es bezweifeln. Er wollte nur die Gäste in ihrer Freude nicht stören. Der zartfühlende Bruder wollte uns nicht betrüben, uns unsere Hoffnung des Wiedersehens nicht nehmen upd hat gerade in den letzten Monaten seines Lebens alle Kräfte zusammengerafft, vergaß sein körperliches Leiden und erfreute uns durch häufige Zuschriften, welche kein Wort der Klage, keinen Laut des Schmerzes enthalten, sondern von Hoffen und Leben zeugen. Ach, es war das letzte Aufflackern des verlöschenden Lichtes. Wie unerwartet nun auch die Trauerkunde uns traf, Dr. Herzberg selbst fand der Tod vorbereitet. Wer so gelebt wie er, nicht sich, sondern seinem Glauben, seinem Volke, wer so gestrebt wie er, nur Andere zu erfreuen, zu beglücken, der folgt ruhig dem Rufe seines Gottes, von dieser Erde zu scheiden. Hören wir, wie Herzberg Abschied nimmt von dieser Welt, wir lesen es in seinen Familienpapieren. „Ich höre eine Stimme gehe» über die Erde, denn es ist Frühlingszeit. Ueber die Ebene tobend, schüttelt er mit Macht die stolzen Eichen, Fürsten der Hölzer, die hoch in die Wolken ragen; furchtbar tönt er durch die Nacht, so laß uns gehen, daß er uns umarme. Fürchte dich nicht vor seiner Stimme, denn der Sturmwind ist sein, und die Bäume find sein; denn in dir ist Leben, in dir ist Tod, — wohl Dem, der lebt, wohl Dem, der stirbt, denn im Ewigen ist ihr Verhängniß. Der Sturm geht über die Erde, aber es ist der Sturm des Frühlings; seine Stimme ist Brüllen des Donners, aber seine Arme sind Arme des Liebenden. Darum fürchte dich nicht vor dem, was deine Ohren hören, deine Augen sehen, denn sein ist alles, wie du sein bist; wie seine Erden und seine Monde, seine Sonnen, die durch die Nnermeßlichkeit funkeln, trägt er dich in seinem Arm, der allerhaltende, gnadenreiche, unergründliche Herr der Welt." „Israel hat immer das Leben geliebt," sagte er auf einer anderen Stelle, „Israel hat aber niemals den Tod gefürchtet." Blicken wir nun auf die Lebensbahn zurück, die jetzt abgeschloffen, zurück auf die geistigen und humanen Werke dieses großen Todten, und wir werden finden, daß er seiner Zeit genug gethan; wir werden darin Trost finden für unseren Schmerz und reichen Lohn. Mancher erobert sich die Welt, erwirbt sich die Ewigkeit in einer Stunde. Dieser Ausspruch wird mit Recht auf W. Herzberg als Verfaffer des phänomenalen Werkes „Die Familienpapiere" angewendet. Die Familienpapiere sichern dem Verewigten für alle Zeiten einen Ehrenplatz in der jüdischen Litteratur. Sie werden von der Familie, dem Hause Israel stets als ein kostbares Vermächtniß eines seiner treuesten Diener hochgehalten werden, und späte Enkel werden den Geist segnen, der mit der Fackel der Wahrheit und Ueberzeugungstreue Licht verbreitet, ein Licht, welches die Geister erleuchtet, die Herzen erwärmt und Begeisterung für den heiligen Glauben anfacht. Welch hoher, schwungvoller Geist offenbart sich nicht in diesem Werk, welche tiefe und zugleich erhabene Gedanken in dem schönsten, edelsten Sprachgewande! Meister der jüdischen Litteratur haben es ausgesprochen, daß nach Saadia Gaon und Maimonides die Familienpapiere die schönste Blüthe jüdischer Religionsphilosophie sind. Sie wurden der moderne Kusari betitelt, ein Kusari in dem poetischen Gewände der Dichtungen Juda Halevis. Es war ein schöner, glücklicher Gedanke von unserer Loge, in der Ehrung des Jubilars sich selber zu ehren und dieses Meisterwerk in unsere heilige Sprache zu übertragen, damit das herrliche Werk einem größeren Kreise unserer Glaubensbrüder zugänglich werde. Wie freute sich der Verblichene über unseren guten Vorsatz! Ach, es war ihm leider nicht beschieden, dessen Ausführung zu sehen. Im Vorgefühl seines nahen Endes mahnte er zur schnellen Arbeit; allein ein göttlicher Wille verhängte, daß unsere Jubiläumsehrung ein Grabstein werde, ein Denkmal dem großen Todten, ro-n -j-ob abn nnxD a^nn nmn -["ob «b D’bas hören wir den Midrasch uns zurusen. Durch alle seine Schriften weht nur ein Geist, ,1" riXTl n!?1 rm< ein Geist der Wahrheit, der edelsten Glaubenstreue, mojl nXP fTPl der Mannhaftigkeit und Ehrenhaftigkeit, der unbegrenzten Liebe zu seinem Volke, zu der ganzen Menschheit. Und wie in seinen Schriften, so in seinem praktischen Leben, denn in Herzberg gab es keinen

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