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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-07 · Heft 40 (7.12.1898) · p. Seite 473

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 40 (7.12.1898)
Date
1898-12-07
Page
Seite 473 (sequence 5)
Language
German
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478 antisemitischen Parteitages vor sich zu haben. Der große Unterschied besteht allerdings darin, daß dort zur traurigen Thatsache geworden ist, was hier nur Vorschlag oder Wunsch ist. rÄM Nie Kindertaufe. Von Dr. S. Carpin. ^^^§Fas hat die Frage der Kindertaufe als eine spezifisch christliche Einrichtung im Gegensatz zu der nach der Anschauung * der Wiedertäufer allein giltigen Taufe Erwachsener in einer ausschließlich jüdischen Zwecken gewidmeten Zeitschrift zu suchen? dürfte wohl mancher unserer Leser angesichts obiger Ueberschrift sich nicht ohne eine gewisse Dosis von Verwunderung und Entrüstung im Stillen gefragt haben. Gemach! Nicht mit der dogmatischen Institution der christlichen Kirche sollen sich unsere nachfolgenden Ausführungen beschäftigen, sondern nur mit der neuerdings förmlich Mode gewordenen Taufe jüdischer Kinder, jener Maffentaufe innerhalb der jüdischen Kreise von Berlin W. — bis nach NW., Bellevue- und Hansaviertel hinübergreifend — die zu leugnen den Kopf in den Sand stecken und in Wahrheit Vogelstraußpolitik treiben hieße. Deshalb halten wir es für angebracht, endlich einmal die Sonde in dieses Eitergeschwür recht tief hineinzuführen. Als in den ersten Decennien dieses Jahrhunderts jene Fahnenflucht gebildeter Persönlichkeiten aus dem Judenthum erfolgte, als, nm nur einige wenige Beispiele anzuführen, Heine, Börne, Ed. Gans, Henr. Herz und Rahel Lewin übertraten, da geschah es ja auch nicht aus innerer Ueberzeugung von der Vortrefflichkeit der Heilslehren des Christenthums, sondern um ein „Eintrittsbillet zur europäischen Kultur" zu erlangen. Immerhin waren es Erwachsene, die sich der Tragweite ihres Entschlusses vollkommen bewußt sein mußten. Anders liegt die Sache, wenn jüdische Eltern ihre Kinder im zartesten Alter der christlichen Religion zuführen, ohne sich über die Verantwortung, die sie durch diesen Schritt auf sich laden, im Entferntesten klar zu sein. Weshalb greifen sie überhaupt zu diesem merkwürdigen Mittel? Um ihren Kindern „die Wege zu ebnen", wie sie gewöhnlich sagen, um ihnen die Ministerlaufbahn zu ermöglichen, die den jüdischen Knaben nach einem geflügelten Worte, welches dem verstorbenen Abgeordneten Lasker zugeschrieben wird, mit dem achten Tage verschlossen ist. Allerdings hat das „liberale Musterländchen" Baden lange Zeit einen jüdischen Finanzminister Ellstätter gehabt. Aber Ausnahmen bestätigen ja nur die Regel, daß im Großen und Ganzen den geborenen Juden die Minister- und sonstige höhere Beamten-, einschließlich die Offizierskarriere, in unserem lieben Deutschland nicht offen steht, während dies wohl, Beweis die verstorbenen Minister Friedberg und Friedenthal und der noch lebende Reichsgerichtspräsident a. D. von Simson, bei den getauften Juden gelegentlich der Fall ist. Deshalb, d. h. einer im günstigsten Falle nur problematischen Aussicht wegen, versteigen sich jüdische Eltern zu dem Opfer des Intellekts und lassen ihre Söhne, bevor sie auf dem Gymnasium angemeldet werden, in aller Stille taufen. Bei den Töchtern hält man dies nicht für nothwendig, da sie als reiche Jüdinnen mit einer recht ansehnlichen Mitgift ohnedies, wie unzählige Beispiele beweisen, in die höchste Aristokratie hineinheirathen können. Höchstens bittet man die Schulvorsteherin um die meist anstandslos gewährte Erlaubniß, daß ihr Sprößling an dem für feiner geltenden Religionsunterricht theilnehmen dürfe. Der Sohn aber darf überhaupt vom ersten Schultage an nicht mit dem Makel jüdischer Geburt behaftet sein. Deshalb wird er als Christ der höheren Schule zugeführt, mögen die gebogene Nase und sonstige Eigenthümlichkeiten noch so unzweideutig die semitische Abstammung verrathen. Angeblich will man auch dem Sprößling Kränkungen wegen seiner angestammten Religion, an der er ja unschuldig sei, ersparen. Ob diese wohl wegen des Taufwaffers allein ausbleiben? Andererseits wird man unwillkürlich zu der Frage veranlaßt, wie sich wohl in späteren Jahren das Verhältniß dieser christlichen Kinder zu ihren jüdischen Eltern gestalten mag, und ob letztere nicht vielfach die Kränkungen, die sie in allzu großer, übel angebrachter Zärtlichkeit Ersteren ersparen wollten, dann infolge ihrer Selbstherabsetzung, die naturgemäß der Kindesliebe oder mindestens der Achtung Eintrag thun muß, am eigenen Leibe erfahren. Alle diese und ähnliche Fragen drängten sich uns gerade in letzter Zeit mehrfach auf. Als wir wiederholt konstatiren mußten, wie jüdische Väter oder Mütter ihre Söhne, die sie sogar z. Z. durch die Beschneidung in den Bund ihrer Väter hatten aufnehmen lassen, mit dem Taufschein bewaffnet als evangelisch der höheren Lehranstalt zuführten, und was das Merkwürdige bei der Sache war, in einem dieser Fälle hatten sich sogar Vater und Mutter des von ihnen selbst als evangelisch gestempelten Schülers Tags zuvor für die neu gebaute Synagoge in der Lützowstraße mit einem Eintrittsbillet für die hohen Feiertage versehen. „Erkläret mir, Graf Oerindur, Diesen Zwiespalt der Natur!" Wo vollständiger religiöser Jndifferentismus vorliegt, da können wir es allenfalls auch begreifen, wenn Eltern aus Bequemlichkeit im angestammten jüdischen Glauben verharren, da für sie kein stichhaltiger Grund zum Uebertritt vorliegt, ihren Kindern aber aus dem oben erwähnten Beweggründe die Segnungen der Staatsreligion zu Theil werden lassen wollen. Wo aber dieser Schritt aus offenbarem inneren Widerstreben geschieht, da sollten sich doch jüdische Eltern lieber tausendmal die Frage vorlegen, ob zu einer Zeit, wo der christliche Staat durch Einführung des jüdischen Religionsunterrichtes an fast allen höheren Lehranstalten wenigstens in gewisser Hinsicht die Gleichberechtigung der jüdischen Religion anerkannt hat, eine Maßregel gerechtfertigt ist, die vom ethischen Standpunkt einer Herabwürdigung der eigenen Person gleichkommt, und deren materieller Preis noch dazu äußerst zweifelhaft ist. Wenn irgendwo, so gilt in diesem Falle das allbekannte Sprichwort: „Zuvor gethan und nachbedacht Hat Manchem schon viel Leid gebracht." Brief aus Jerusalem. «Jerusalem, im August. ur selten dringt eine Nachricht über geistige Bestrebungen unserer hiesigen Glaubensgenossen zu Ihnen, so daß sich dort wohl die Meinung festgesetzt hat, daß hier solche Bestrebungen überhaupt nicht existiren. Aber eine solche Meinung wäre grundfalsch. Ich will Ihnen heute einen Beweis dafür geben. Am 13. v. Mts. hielt die Jeruschalaim-Loge Nr. 376 in Jerusalem eine Trauerfeier für den in Brüssel verstorbenen Gründer und ersten Präsidenten dieser Loge, den berühmten jüdischen Schriftsteller Dr. Wilhelm Herzberg, ab. Fast sämmtliche Brüder waren zu dieser Gedächtnißfeier erschienen, um ihre tiefe Trauer über den unerwarteten Heimgang ihres inniggeliebten und hochverehrten Meisters zu bekunden. Der gegenwärtige Präsident der Loge, Direktor Ephraim Cohn, hielt

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