Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 40 (7.12.1898)
- Date
- 1898-12-07
- Page
- Seite 472 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228298--54940-3291123- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
472 „Judennoth" zu hören. In Nr. 37 der „Ethischen Kultur" spricht sich ein unbefangener nichtjüdischer Beobachter darüber folgendermaßen aus: „Im Zionismus offenbart sich ein „ethischer Pessimismus", den der vorurtheilslose Historiker als gänzlich ungerechtfertigt, der Ethiker als unbedingt kulturfeindlich zurückweifen muß. Ungerechtfertigt ist dieser ethische Pessimismus deshalb, weil die Geschichte klar und überzeugend lehrt, daß die Stellung der Juden unter den christlichen Böllern stets eine bessere und gestchertere geworden ist — wenn man sich nur die Mühe nimmt, größere Zeiträume zu überblicken. Je nach dem allgemeinen Kulturzustand der einzelnen Nationen ist naturgemäß die Stellung der Juden eine verschiedenartige. Diejenigen Nationen, in welchen die Anschauung, daß der Staat auf rein humaner Grundlage ruht, am vollkommensten zur Anerkennung gelangt ist — beispielsweise England und die Vereinigten Staaten von Nordamerika — kennen eine „Judenfrage" im Sinne der Zionisten und Antisemiten überhaupt nicht mehr. Andere Nationen dagegen, in welchen in Bezug auf den Staat noch rückständige Anschauungen herrschend sind — beispielsweise Rußland und Rumänien —, gelten als die klassischen Nationen für die „Judenfrage". Die Geschichte lehrt uns, daß sich die Kulturentwickelung in der Regel so vollzieht, daß Staatengebilde wie Rußland und Rumänien allmälig die Civilisationsstufe von Ländern wie England und der Vereinigten Staaten erklimmen — wenn man auch stets aus Rückschläge gefaßt sein muß. Die Geschichte lehrt ferner, daß es Mittel und Wege giebt, um diese civilisatorische Arbeit zu fördern: nämlich Volksaufklärung und Volkserziehung. Kulturfeindlich ist dieser ethische Pessimismus deshalb, weil er endgiltig an der Verwirklichung eines Ideals verzweifelt, das den Besten aller Völker seit Jahrtausenden als eines der höchsten ethischen Ziele des Menschengeschlechtes vorgeschwebt hat. Bedeutet doch der Zionismus nichts mehr und nichts weniger als ein definitives Aufgeben der Hoffnung, daß sich auf Erden ein Zustand menschlichen Gemeinschaftslebens Herstellen lassen werde, in welchem der Mensch den Menschen ausschließlich nach seinen Handlungen und nicht nach seiner Abstammung oder religiösen Ueberzeugung wägen wird. Kulturfeindlich wirkt jede Bankerolterklärung auf ethischem Gebiet. Was würde man von einem Menschen sagen, der etwa folgenden Aufruf erließe: „Seit Jahrtausenden wird in der Welt gestohlen; alle Mittel der Menschen haben sich als wirkungslos erwiesen; in Deutschland allein wurden in diesem Jahre wieder (folgt eine Riesenzahl) Diebstähle verübt! Jeder Einsichtige muh endlich erkennen, daß der Kampf gegen den Diebstahl hoffnungslos ist — geben wir ihn also aus! Ich fordere die Nichtdiebe auf, sich um mich zu schaaren, den Staub von den Schuhen zu schütteln und mit mir in ein anderes Land zu ziehen, wo sie bei gesichertem Eigenthum mit einander leben können!" Ein solcher Aufruf würde mit Recht allgemeine Heiterkeit entfesseln. Aber wir fragen: folgen die Zionisten nicht einem ähnlichen Gedankengange?" Der Artikel schließt mit der nach verschiedenen Richtungen hin charakteristischen Mahnung: „Die Anhänger der ethischen Weltanschauung können nur wünschen, daß die Vorkämpfer für den Zionismus bald einsehen mögen, daß sie sich auf falschem Wege befinden. Aber wie sich auch der Zionismus in Zukunft gestalten möge — eine gute Wirkung hat er ohne Zweifel gehabt. Er hat rückständigen Völkern gezeigt, daß weite Kreise innerhalb des Judenthums endgiltig daran verzweifeln, jemals einen humaneren Geist in die christlichen Nationen einziehen zu sehen, und so steht die zionistische Bewegung da als ein „Monument von unserer Zeiten Schande"." * Ist es schon wohlthuend, in einer Zeit voll Haß und Fluch eine Stimme der Humanität zu vernehmen, so wird es unsere Leser sicher nicht weniger sympathisch berühren, auch ein unbefangenes christliches Urtheil über den Dreyfus-Prozeß zu hören, das nicht von Vorliebe, sondern von dem Gerechtigkeitsgefühl diktirt ist. M. v. Egidy schreibt indem neuesten Heft (28) der „Versöhnung", Seite 131 ff. in seinen „Ernsten Gedanken" Folgendes über die Angelegenheit : „Was hat dem Dreyfus-Prozeß den eigentlichen Stempel des Widerlichen aufgedrückt? Daß man von Haus aus es scheinbar nicht mit einem Menschen, nicht mit einem Franzosen, sondern mit einem Juden zu thun bekam. Also: Einschränkung des Urtheils durch Rassenvoreingenommenheit. Beherrscht diese Denk- und Gefühlstrübung nicht auch weite Kreise unseres Volkes? Ist nicht auch in Augen, Herzen und Sinnen manches Deutschen jede, aber auch jede Angelegenheit, jedes Vergehen, jede Gutthat, jede schöne und unschöne Handlung sofort eine andere, wenn es heißt oder sich herausftellt: Jude. Zählen wir nicht Menschen zu unseren Volksgenossen, die in ihrer nationalen Beschränktheit zum geistigen Krüppel werden, und deren fanatischer Judenhaß sie fast irrsinnig erscheinen läßt? Ich denke und empfinde kerndeutsch und verwahre mich ausdrücklich davor, zu den Philosemiten in dem Sinne gezählt zu werden, als fehle mir das Verständniß für Blutsverwandtschaft, oder als sei ich stumpf gegenüber sympathischen und weniger sympathischen Erscheinungen. Das aber hat nichts zu thun mit den Abirrungen des Verstandes und des Herzens, durch den sich bei uns, wie in Frankreich, krankhaft gereizte Schwächlinge zum Haß verleiten lassen; der Gesunde und Starke widersteht derartigen Anfällen. Es wird Zeit, daß die Gesunden und Starken an die Oberfläche des öffentlichen Lebens kommen: in Frankreich, in Oesterreich, überall — auch bei uns." * Sehr traurige Nachrichten kommen wieder einmal aus Persien von den dort lebenden Juden. Aus Jspahan, dem Centralpunkt persischer Industrie, ist folgendes Schreiben an die Alliance Israelite Universelle gelangt: „Seit N/2 Jahren hören die Muschladihin (schiitische Priester) nicht auf, uns zu verleumden und durch grausame Behandlung Das Leben unerträglich zu machen. Alle diese Leiden vermochten aber ihren Haß noch nicht zu sättigen, und so haben sie neuerdings drei Ausnahmemaßregeln gegen uns erlassen. Zunächst haben sie den Muselmännern eingeschärft, sich in kein Geschäft mit den Juden einzulassen und nichts bei ihnen zu kaufen. Dadurch sind mehr als tausend Kaufleute ins Elend gestürzt, welche ihr Leben fristen durch Haustren in den Vorstädten unserer Stadt. Um das Gebot ihrer religiösen Oberen zu erfüllen, kaufen die Bewohner der Stadt wie der Umgebung auch nicht das Geringste mehr bei unseren armen Glaubensgenossen und verweigern sogar, ihre alten Schulden zu bezahlen. Sodann haben sie den Juden verboten, sich mit ihren Maaren auf den Markt zu begeben. Diejenigen, welche in den Bazaren erschienen sind, haben sie von dort unter nichtigen Vorwänden vertrieben. Endlich haben sie ihren Gläubigen verboten, bei den Juden irgend welche Nahrungsmittel zu kaufen, da ihnen dies Unglück bringen würde. Wir sind gezwungen, uns in den Häusern einzufchließen, denn wenn wir diese verlassen, werfen sich die Schiiten wie wilde Thiere auf uns, um uns zu erschlagen. Wenn wir uns beim Gouverneur, dem alle Energie und moralische Kraft fehlt, beklagen, so begnügt er sich damit, den Priestern Borwürfe zu machen, auf die diese aber mit Insulten antworten. Namentlich sind es vier von diesen religiösen Oberen, die gegen uns Hetzen: Agha Najafi, Scheik Murteda, Sajed Hassan, Sajed Fani. Sie sind unsere unversöhnlichen Feinde, und ihre Hetzereien haben die Bevölkerung zu einer wahren Tyrannei gegen die Juden aufgestachelt. Sie kehren sich auch gar nicht an die Ordres des Schah und respektiren die Autoritäten der Stadt nicht im Geringsten, welche auch gar keinen Einfluß auf sie haben. Zu alledem kommen auch noch die Schrecken der Hungersnoth. Die Mehrheit der Unsrigen ist blutarm und schmachtet in tiefem Elend. Diejenigen unter uns, welche in der Lage gewesen wären, zu helfen, sind durch jene oben geschilderten Vorgänge auch zu Bettlern geworden, so daß auch nicht Einer hier ist, der im Stande wäre, feinen unglücklichen Brüdern beizustehen." Wie man aus diesem herzzerreißenden Klagebriefe ersieht, hat die moderne christlich-soziale Kultur sich auch schon auf Persien erstreckt. Das „Kauft nicht bei Juden!" ertönt in Jspahan so gut wie in Hessen, und wenn man von den Maßregeln der Muschladihin gegen die Juden liest, so meint man, das Programm irgend eines