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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-07 · Heft 40 (7.12.1898) · p. Seite 471

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 40 (7.12.1898)
Date
1898-12-07
Page
Seite 471 (sequence 3)
Language
German
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Wir beten um das Seelenheil unserer Eltern, wir geloben Spenden für die Armen; ist dies nicht ein deutliches Zeugniß, daß unsere Eltern uns zur Gottesfurcht erzogen haben? Verhüllt ist uns der Seelen Lohn und Strafe; aber klar ist uns die göttliche Gerechtigkeit; und ob auch unsere Väter gesündigt hätten, unser Gebet, unsere Spenden kommen vor Gott, ein Zeugniß, daß unsere Vorfahren uns zur Gottesfurcht, zur Menschenliebe erzogen haben, und dieses Zeugniß muß sie erlösen, denn es kündet, daß sie für das Reich Gottes gearbeitet haben. In der Reihe von Israels Geisteshelden treffen wir nicht nur untadelige Weise, sondern auch Sünder wie Salomo und Elisa ben Abujah, deren Einsicht aber durch ihre Schuld nicht völlig verdunkelt wird. Ihr Schicksal mahnt uns, nicht vorschnell zu urtheilen über die Rathschlüfle Gottes, „nicht unseren Mund herzugeben, um unser Leben zu versündigen". Nie Woche. Berlin, 4. Oktober. Ag[s>8 ist gewiß ein Zeugniß für den Wandel der Volksstimmung, Mph) daß selbst die konservative Partei in ihrem Wahlaufruf „für die in der Verfassung verbürgten Rechte der Staatsbürger" einzutreten sich veranlaßt sieht. Es wird sich ja wohl oft genug Gelegenheit bieten, sie an diesen Programmpunkt ihres Wahlaufrufes zu erinnern. Im Uebrigen wird auch in diesem Schriftstück immer nur von dem „christlichen Charakter des Staates" gesprochen. In der Verfassung aber, auf die sich die Konservativen kurz vorher berufen, steht nichts von einem christlichen Staat. Mit Recht bemerkt ein hiesiges Blatt dazu: „Preußen soll ein Rechtsstaat sein, der für Bürger aller, nicht blos christlicher Bekenntnisse, Raum hat und ihnen allen gleiches Recht gewährt. Nur bei „denjenigen Einrichtungen des Staates, die mit der Religionsübung im Zusammenhang stehen", soll nach Artikel 14 der Verfassung „unbeschadet der im Artikel 12 gewährleisteten Religionsfreiheit", die christliche Religion zu Grunde gelegt werden. Es ist auch unrichtig, daß die Verfassung unbedingt den konfesstonellen Charakter der Volksschule vorschreibe. Artikel 24 sagt nur, daß bei der Einrichtung der öffentlichen Volksschulen „die konfessionellen Verhältnisse möglichst zu berücksichtigen" seien. Dadurch werden Simultanschulen, wie sie von altersher in Preußen vielfach mit bestem Erfolge gewirkt haben, aber neuerdings immer mehr aufgehoben werden, nicht ausgeschlossen." Im Ganzen ist es ziemlich klar, daß wir von dieser konservativen Partei nichts oder doch wenigstens nichts Gutes zu erwarten haben. fr Einer unserer hervorragendsten Rabbiner hat jüngst in einem Privatbriefe an uns eine sehr zutreffende Bemerkung über das Vorgehen der Zionisten gemacht. Er sagte nämlich: „Es ist merkwürdig, daß diese Schreier gegen die Assimilation die größten Assimilanten sind; nun assimiliren sie sich den Antisemiten, auch darin, daß sie, wie diese die Klassiker zu ihresgleichen, die Frankel, Zunz u. s. w. zu Nationaljuden machen." Der Brief Zacharias Frankels an Muhr, der in Nummer 37 zum Abdruck kam, ist auch in dieser Beziehung ein unschätzbares Dokument, weil darin die Stellung Frankels zur sogenannten nationalen Frage klar und scharf beleuchtet wird. Es sind goldene Worte, die der große Gelehrte, dessen Autorität wohl selbst die Zionisten nicht anzutasten wagen werden, über diese Frage schon 1842 schrieb: „Der Jude gehört ganz dem Staate an und kann in staatlicher Beziehung von keinem Nationaltypus, von keiner Absonderungstheorie die Rede sein, da der Jude jeder Unterthanenpflicht bereitwillig nachkommt. Die Nationalität der Juden ist nur eine geistige, im Glauben bedingte. Sie sind nur, eins, insofern es sich um die Erhaltung des Glaubens handelt, bilden also nur eine Religionsgemeinde, so wie jede andere im Staate lebende Konfession." Es soll uns nicht wundern, wenn jetzt Zacharias Frankel als der Typus des Protestrabbiners dargestellt werden wird. Eine andere Seite dieses zionistischen Problems hat ein hervorragender jüdischer Gelehrter ebenfalls schon vor mehr als fünfzig Jahren in demselben Sinne besprochen, wie sie von Allen, die dasJudenthum wirklich kennen, aufgefaßt werden muß. Es wird unsere Leser sicher interessiren, zu hören, wie ein Veteran der jüdischen Wissenschaft sich in jungen Jahren über Dasjenige, was heute mit Zionismus bezeichnet wird, geäußert hat. In einer im Herbst 1841 — also vor bald 60 Jahren — gehaltenen Predigt sagte der gelehrte jüdische Historiker Dr. L. Herzfeld (nachmals braunschweigischer Landesrabbiner und Professor) zu seinem Thema über die Heimath: „Ich habe Ihnen hier viererlei Heimathsstätten vorgeführt, den von unserer Wahl unabhängigen Geburtsort wie den Ort, wo wir nach eigener Wahl unseren Herd anfbauen, desgleichen dort im fernen Osten jenes uralte Vaterland unseres Stammes und aller echten Religion, wie jenes noch ältere Vaterland aller Menschenseelen, dahin ewig die Religion zurückschauen und fürderschauen lehrt." Dann führte er zu der „Heimath im gelobten Lande" Folgendes aus: „Und was uns die jüngste Zeit Schönes und Vielversprechendes gebracht hat, ich sehe nicht als das Letzte davon dies an, daß Israel anfängt, mehr Kenntniß von einander und noch größeren Antheil an einander zu nehmen. Wenn aber seine Söhne sich einander näher fühlen und hierfür nach Menschenart einen sichtbaren Mittelpunkt suchen, dann ist es nicht dieses oder jenes Land,' auf welches die Augen jedes Treugebliebenen sich richten, sondern einzig und allein Palästina, gerad wie dorthin und in ihm selbst wieder nach dem Fleck, wo einst Zions Heiligthum stand, die Augen aller jüdischen Beter auf Erden sich kehren. Einst haben, auf das Wort einzelner Propheten hin, unsere Väter erwartet, daß in den Tagen des Messias dort wieder ein jüdisches Reich aufgerichtet und das zerstreute Israel dahin zurückkehren werde. Wir maßen uns nicht an, den Hintergrund der Zeiten durchschauen zu wollen, aber gestützt auf die Worte anderer Propheten, erwarten wir das nicht mehr, wünschen wir das nicht mehr, in ihnen finden wir vielmehr und glauben es fest, weil es uns die höhere, die richtigere Auffassung zu sein scheint, daß nach Verbreitung des wahren Glaubens über die ganze Erde aller Orten einst Zion sein werde, nur daß das erste, eigentliche Zion dann hervorragen werde unter allen übrigen Stätten der Gottesverehrung, weil von ihm die reine Lehre ausging, und daß die Frommen aller Völker dahin wallfahrten werden zu Gebet und endlicher Anerkennung des Volkes, das ihnen die Heilslehre gebracht. In jenen goldenen Tagen wird Palästina als die Wiege der echten Religion und als das geistige Vaterland der ganzen Menschheit angesehen werden, bis dahin aber bildet es fast nur für uns, Israel, die zweite Heimath, die wir besttzen." fr. Nicht weniger interessant ist es, die Stimmen vorurtheilsfreier und humaner Christen über das zionistische Schlagwort von der

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