Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 40 (7.12.1898)
- Date
- 1898-12-07
- Page
- Seite 470 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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470 -- Stellen heraus, wo der Eitelkeitsprediger sich der Einsicht seiner jungen Tage erinnert. Und das talmudische Zeitalter hatte gleichfalls einen Mann, der in seiner Jugend eine Leuchte seines Volkes, später ein Opfer seiner Forschung wurde, die keine Schranken anerkennen wollte, d. i. Elisa ben Abujah. Er wollte, wie der Talmud sich ausdrückt, in das Paradies eindringen; so nennen die Weisen jene höchste Wissenschaft, die sich mit den Problemen beschäftigt des Ursprungs der Welt, der Entstehung und der Berechtigung des Bösen, der Ewigkeit der Seele, kurz mit all den Geheimnissen, welche auch der größte der Propheten nur wie durch einen Felsenritz gesehen hat. Aber er war wohl nicht mit.der rechten Weihe in das Heiligthum getreten; er kam geschädigt an seiner Seele heim aus dem Paradiese und wurde nun der erbitterte Feind des Judenthums; sogar die Kinder jagte er, wo er es vermochte, aus den Schulen, in denen ihnen der Glaube und die Satzung Israels gelehrt wurde; absichtlich verletzte er die Heiligthümer seines Volkes, aber trotz dieser Greuel hielt R. Meir treu zu ihni. Dieser, der Meir der Leuchtende hieß wegen seines klaren Verstandes, war dereinst der Schüler Elisas gewesen; auch später erfuhr er von dem Abtrünnigen noch manch kluges und aufklärendes Wort, da wollte er, da konnte er nicht von ihm lassen, er hatte den glühenden Wunsch, den Meister emporzuziehen aus dem Abgrund, in den er gerathen war. Der Midrasch erzählt uns: Einstmals saß R. Meir an einem Sabbath und hielt Vortrag im Lehrhaus von Tiberias; sein Lehrer Elisa aber ritt auf dem Markt. Da sagten sie zu R. Meir: Dein Lehrer Elisa ist auf dem Markt. Nun ging R. Meir zu ihm hinaus, und dieser fragte: womit wäret ihr im Lehrhaus beschäftigt? R. Meir sagte, wir erwogen den Satz: und Gott segnete das Ende des Job über seinen Anfang. Nun, wie hast du dies gedeutet, fragte Elisa. Einfach, er gab ihm doppeltes Vermögen, meinte R. Meir. O, sagte Elisa, dein Lehrer Akiba hat dies anders aufgefaßt: Gott segnete das Ende des Job über, d. i. wegen seines Anfangs, wegen der guten Werke, die er in seiner Jugend geübt hatte. Wieder fragte Elisa: es steht geschrieben, der Thora gleicht nicht Gold und Glas; wie faßt du diesen Vers auf? Die Thora, meinte R. Meir, ist schwer zu erwerben wie Gold und leicht zu verlieren wie Glas; jedoch Elisa meinte: Geräthe von Gold und Glas lassen sich, wenn sie Schaden erlitten haben, zusammenlöthen; auch der Gelehrte, der sein Wissen vernachlässigt hat, kann den Schaden leicht wieder gut machen. Es ist klar, daß in dieser Wechselrede eine versteckte Vertheidigung Elisas liegt; er hält sich nicht für verloren, da er in seiner Jugend der Thora sich gewidmet hat, und meint, der Schaden, den sein Abfall ihm gebracht, sei leicht wieder gut zu machen. Und nun ermahnt Elisa den R. Meir, wieder ins Lehrhaus zurückzukehren, denn er habe ihn schon zweitausend Schritt außerhalb der Stadt begleitet, und weiter dürfe man am Sabbath nicht gehen. Da rief R. Meir bittend aus: So viel Weisheit ist in dir, kehre du mit mir um ins Lehrhaus; jedoch Elisa sagte: das vermag ich nicht mehr, ich war einmal zu Roß und schwärmte um die Synagoge an einem Jomkippur, der auf einen Sabbath fiel, da hörte ich eine Stimme: Kommt zu mir, ihr verwilderten Söhne, kommt zu mir, und ich komme zu euch, außer Elisa ben Abujah, der meine Kraft kannte und sich wider mich empörte. Elisa hat sich schwer versündigt, er bleibt im Pfuhle, weil er ati der eigenen Kraft verzweifelt, seine Charakterschwäche läßt ihn die Stimme vernehmen, daß er allein ausgeschlossen sei von der Heimkehr zu Gott; und der Talmud fragt: aber wodurch ist denn Elisa gefallen, hat ihn der Ehrgeiz verführt, hat ihn die Genußsucht gelockt? Nichts von alledem, seine Vernunft hat ihn gestürzt, im Paradies der Forschung traf ihn die Schlange der Verführung; denn, sagt er: es steht in der Schrift: wenn du ein Vogelnest triffst, s° sollst du die Mutter fortschicken und die Küchlein behalten, damit es dir wohl gehe und du lange lebest. Nun sah ich Einen, der stieg am Sabbath auf einen Baum und nahm die Mutter sammt den Küchlein und kam ungefährdet herunter; und am darauffolgenden Tage stieg ein Anderer hinauf, der ließ die Mutter frei, und nur die Küchlein nahm er, wie es in der Schrift geboten, und kaum war er unten, so biß ihn eine Schlange und er starb; wo erfüllt sich an dem die Verheißung: damit es dir wohl gehe und du lange lebest; und ein anderes Mal sah er bei der hadrianischen Verfolgung, wie man die Zunge aus dem Leichnam eines großen und frommen Lehrers riß; und Elisa ben Abujah sprach: diese Zunge hat sich gemüht um die Thora ihr Lebelang, und dies ist ihr Lohn? Und er leugnete den Lohn der Gerechten und die Unsterblichkeit. Ihn störte der Lauf der Welt, der oft den Ungerechten zum Glanze erhebt und den Gerechten zu Boden drückt. Er wußte nichts von der Seligkeit nach dem Tode, von der Seligkeit, die schon hier auf Erden jeder wahrhaft Fromme empfindet, er hatte keine Ahnung, daß der Gefolterte selbst sich oft glücklicher fühlt als sein Dränger, daß oft der Glanz uns blendet, wenn wir die Gottlosen glücklich wähnen. Elisa wurde krank auf den Tod, Rabbi Meir kam zu ihm und pflegte ihn; als er dem Tode nahe war, sprach Rabbi Meir: Thue Buße; da meinte Elisa: und jetzt sollte er mich aufnehmen, in einer Stunde, wo mir die Fähigkeit, Gutes, die Fähigkeit, Böses zu thun, schon geschwunden ist? Aber tröstend erwiederte Rabbi Meir: Heißt es doch in den Psalmen: Du bringst den Menschen bis zur Ermattung, und dann sprichst Du: Kehrt um, ihr Menschenkinder! Elisa weinte und starb. Rabbi Meir aber freute sich und sprach: es scheint mir, daß er in reuigen Gedanken verschieden ist. Als nian ihn begraben hatte, erzählt der Talmud weiter, stieg eine Feuersäule aus dem Grabe, und sie gingen zu Rabbi Meir und sagten: es brennt aus dem Grabe deines Meisters; da breitete er seinen Mantel über das Grab und sprach: „Die Seele war in Nacht gehüllt in ihrem irdischen Sein; und nun ihr Morgen anbricht, will sie der Gute, d. i. Gott, erlösen, so mag er es thun, wenn nicht, so will ich sie erlösen." Was hat diese Feuersäule und was diese scheinbar hochmüthige Rede Rabbi Meirs zu bedeuten? Rabbi Meir glaubte, daß die Seele des Meisters zu Gott gekommen sei, aber eine Feuersäule stieg aus dem Grabe; auch Elisa, der Abtrünnige, hatte eine Schaar von Jüngern; seine Bosheit war mit seinem Tode nicht untergegangen; sie wucherte weiter in allen Denen, die er verführt, die er zum Abfall verleitet hatte; aus seinem Grabe stieg ein verzehrendes Feuer, das wider ihn zeugte; da deckte es Rabbi Meir mit seinem Mantel; all die Weisheit, die er dem Elisa verdankte, die mannigfache Anregung zum Guten, die Elisa in glücklichen Jahren ihm gegeben hatte, sie brachte er heran, daß das Feuer erlösche, und er sprach: diese Seele war in Nacht gehüllt, während ihres Erdenwandels, nicht böse Begierden, nicht rohe Leidenschaften haben sie verführt, sondern die Nacht, welche über die Erde gebreitet ist, die Verworrenheit des Weltenlaufs hat diesen Geist gar zu sehr bedrückt; es war der heiße Drang nach dem Lichte, der ihn vernichtet hat; darum, will ihn der Gute erlösen, so mag er es thun; er verdient es eher als die Anderen, die gefrevelt haben aus böser Lust; aber selbst wenn er durch seine späteren Unthaten den Lohn seiner Jugendarbeit verwirkt hätte, so will ich ihn erlösen; ich, sprach Rabbi Meir, bin ein lebendiges Zeugniß seines Eifers für Gott; ihm, so rühmt Rabbi Meir, verdanke er das Heil, daß er Israel lehren könne, daß er in einer zerri E w st d n d h n