Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 40 (7.12.1898)
- Date
- 1898-12-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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62. Jahrgang. Nr. 40, Berlin» 7. Oktober 1898 eitung des Zudenlhums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet Rabbiner Ludwig Verlags-Crpedrtion: Berlin, von Phttippfon-Äonn. Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Strafe 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Leitartikelr Zum Schlußfeste. — Die Woche. — Die Kindertaufe. Von Dr. S. Carpin. — Brief aus Jerusalem. — Zur Wirthschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter. Von De. jur. D. Farbstein. — Feuilletonr Die Rose von Saron. XV. — Das Geheimniß. Historische Erzählung von A. Stern. Die Gesetzessreude. Von Dr. S. Naschvr. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Breslau, Sohrau, Hildesheim, Coethen, Hamburg, Vlotho a. d. W., Wien, Kopenhagen. — Bon Nah und Fern. Zum Schlußfeste. Berlin, 5. Oktober. as biblische Zeitalter wie das talmudische haben jegliches einen gewaltigen Herrscher aufzuweisen im Reiche des Geistes, den aber alle Schärfe des Verstandes nicht vor Sünde und Abfall bewahrt hat. Das ist Salomo und Elisa ben Abujah. Denn es gilt auch auf dem Gebiete der Forschung die Erfahrung, daß allzu scharf schartig macht; auch der Denker muß die Grenzen ehren, welche dem menschlichen Erkennen gesetzt sind; er muß langsam und mit Bedacht die Wege bahnen, welche ihn aus dem Gebiete, das er sicher beherrscht, und in dem er zu Hause ist, hinausführen in die unbekannten Lande; wenn er tollkühn vorstürmt, so ist auch der Weiseste nicht vor dem Jrrthum behütet und mag zusehen, wie er sich wieder zurückfindet. Es ist kein geringes Opfer, das der Forscher bringt, wenn er sagt: Hier muß ich Halt machen, hier ist die Grenze, und wie sehr auch mein Auge sucht, es kann von dem, was jenseits dieser Grenze liegt, keine klare Anschauung gewinnen. Der Midrasch sagt: Alle die Güter und die Segnungen und die Tröstungen, welche die Propheten geschaut haben, sie haben sie nicht umsonst gesehen, sondern weil sie eifrig ausgeübt haben fromme Pflichten und gute Werke. Aber wie, fragt der Talmud, haben die Propheten überhaupt etwas erkannt von diesen verhohlenen Dingen, da doch geschrieben steht: kein Auge sieht es außer Gott allein; und wiederum, meint ein Anderer, heißt es doch beim Propheten Amos: Gott thut nichts, es sei denn, daß er sein Geheimniß offenbare seinen Dienern, den Propheten? Wie ist dieser Widerspruch zu heben? Da entscheidet ein Lehrer: Die Propheten erkennen wohl, aber wie Einer, der durch die Spalte einer Thür in das Zimmer hineinlugt, es ist keine volle, keine sichere und bestimmte Anschauung. Aber die Giganten, die den Himmel stürmen wollen, sie fallen nur um so tiefer; der deutsche Dichter hat uns in seinem tiefsinnigsten Werke es gezeigt, wie der Aufschrei, daß „wir nichts wiffen können", in den Abgrund der Sinnenlust und der Schuld führt. Salomo ist hierfür ein beredtes Beispiel; er, der, wie es uns das Buch Kohelet berichtet, alles Wiffen eitel findet, weil er nicht alles wiffen kann, alles Genießen eitel findet, weil er nicht alles genießen kann, wurde am Abend seines Lebens eine Beute der Verführung „Und es war zur Zeit, da Salomo alt wurde, wandten seine Frauen sein Herz zu den fremden Göttern." In jungen Jahren hatte er die Weisheit seine Freundin genannt, hatte er in die Erkenntniß die Ehre (feines Lebens gesetzt, hatte er den Tempel errichtet und ihn der Andacht geweiht für Israel und die Heiden; aber im Alter, das sonst die Leidenschaften kühlt und auch den Schuldigen zur Pflicht zurückführt, wird der weise König zum Götzendiener, weil seine heidnischen Frauen ihn bethörten. Die Ordnung des Lebens scheint uns auf den Kopf gestellt, daß der Geist des Jünglings klar und sein Charakter gefestet ist, während das Urtheil des Greises sich verwirrt, und unwürdige Sitten sein Leben entstellen, aber die Verachtung der Wiffenschaft führte ihn zur Sünde und zum Aberglauben. Jndeß das jüdische Volk hat Salomo wegen seiner späteren Sünden nicht ausgeschloffen aus der Reihe der großen Lehrer und Meister; es behielt in dankbarer Erinnerung den Spruchdichter voll Lebenserfahrung und echter Klugheit, den Erbauer des Heiligthums zu Jerusalem, Den, der zuerst der weltlichen Weisheit eine Stätte in Juda gegründet hatte. Das Richteramt ist Gottes, aber der Menschen ist es, Die zu ehren, welche dem Geist neue Wege eröffnet haben. Seine Schriften lehren uns, und sein Leben warnt uns; der Talmud sagt, Salomo hatte sieben Namen, er hieß Jedidja, der Freund Gottes, denn er war auf dem Thron geboren, der Sohn eines Weisen, eines Gerechten, von edler Herkunft, er hieß Salomo, der Friedensfürst, denn David, sein Vater, hatte alle Feinde an den Grenzen des Landes besiegt, und er konnte in Ruhe sein Reich verwalten. Er hieß Kohelet, der Redner zur großen Gemeinschaft, weil ganz Israel um ihn sich schaarte und auf sein verständig Wort horchte; er hieß Agur der Sammler, denn viel Weisheit hatte er eingesammelt; er hieß Jakeh der Speiende, weil er durch seinen späteren Wandel sein eigenes Wort geschändet hat; er hieß Lemuel, d. i. bei mir ist Gott, denn Moseh hat es verordnet, daß der König in Israel sich nicht viel Frauen, viel Rosse und viel Silber halte, damit sein Herz sich nicht überhebe und Gott vergeffe. Salomo aber hatte gesagt: Lemuel, ich bin des göttlichen Geistes voll; ich bin mitten unter allen Genüffen der Erde, vor der Sünde behütet, und sodann hieß er Jtiel, d. i. bei mir ist die Kraft; denn da er nach verborgener Weisheit strebte, sagte er: bei mir ist die Kraft, und ich werde es vermögen. Diese sieben Namen künden seinen Ruhm und seine Schande, und dieser Ruhm ist nicht vergeffen, ist nicht verkümmert worden durch die Schuld seines Alters; auch durch die Dämmerung des Greisenthums bricht das Licht seiner Jugend durch, und als dereinst die Weisen das Buch Kohelet bannen wollten, weil es zum Unglauben verführe, da fanden die Vertheidiger einige