Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 39 (30.9.1898)
- Date
- 1898-09-30
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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RgPfftUU Herzogthum Hessen 2, Koburg-Gotha, Sachsen-Meiningen und Elsaß je 1. Die Zöglinge besuchen bis auf 4 die vierklassige Volksschule in Diez und gehören zu den besten Schülern ihrer resp. Klassen. Von den Zöglingen, die Wohnung und Kost in der Anstalt haben, find drei bei Handwerkern in Diez (Schneider und Buchbinder) als Lehrlinge untergebracht, der vierte ist der Anstalt in Ahlem zur Erziehung übergeben. Der Religionsunterricht wird in der Anstalt selbst ertheilt, die Inspektion besorgt Rabbiner Dr. Weingarten zu Ems. Am Schluß des Wintersemesters traten 3 Zöglinge gänzlich aus der Anstalt und 5 aus der Schule, die fürs Erste während ihrer Lehrzeit in Diez Kost und Wohnung in der Anstalt behalten. Von den Ersteren hat einer seine Lehrzeit als Buchbinder beendet, zwei find nach auswärts in die Lehre, der eine ist in ein Waarengeschäst, der andere in eine Buchdruckerei eingetreten. Bon den Letzteren tritt einer in ein Waarengeschäst, einer in eine Holzhandlung ein, einer wird Buchbinder, einer Schuhmacher, einer Sattler und Polsterer. Auch in diesem Jahre haben sich die Kaddischstiftungen vermehrt. An Geschenken und regelmäßigen Beiträgen gingen 26 962 Mark ein, wovon 14 235 Mark auf die Purimspende kommen. Auch Gaben für besondere Zwecke 'sowie Nutzgegenstände, Bücher rc. wurden vielfach gespendet. Frau Baronin Hirsch hat zur Abtragung der auf dem Stiftungshause in Diez lastenden Hypothek in hochherziger Weise di< Summe von 22 000 Mark dem Kinderheim zum Geschenk gemacht. m. Cannstatt, 11. September. Heute Vormittag fand die Beerdigung des im Alter von 74 Jahren verstorbenen Kommerzienraths Louis Elsas unter zahlreicher Betheiligung von hier und auswärts auf dem israelitischen Friedhofe statt. Die Grabrede hielt Lehrer Metzger. Er schilderte das reiche Leben des Verstorbenen und hob seine großen Verdienste um die hiesige israelitische Gemeinde hervor. L. Elsas, zu Aldingen in bescheidenen Verhältnissen ausgewachsen, widmete flch frühzeitig der Weberei, gründete später mit seinen Brüdern in Ludwigsburg eine kleine Fabrik, aus welcher sodann die mechanische Buntweberei hervorging, die unter dem unermüdlichen Fleiße des Entschlafenen zu einem ansehnlichen Fabrikanwesen aufblühte. Seine eifrigen Bemühungen führten vor 27 Jahren zur Gründung einer eigenen israelitischen Kirchengemeinde, deren Kollegium er von Anfang an angehörte. Durch das Vertrauen seiner Mitbürger wurde er wiederholt in den Gemeinderath und Bürgerausschuß gewählt, auch gehörte er viele Jahre der Vorstandschaft des hiesigen Gewerbevereins an, war vieljähriges Mitglied der Handels- und Gewerbekammer und wurde vor 15 Jahren zum lebenslänglichen Mitglied der israelitischen Oberkirchenbehörde ernannt. Zum Schluffe gedachte der Redner noch unter Dankesworten der Mildthätigkeit und aufopfernden Thätigkeit des Verstorbenen für das Gemeinwohl. Hierauf legten unter Anerkennung seiner Verdienste Regierungsrath Dr. Schmahl Namens der israelitischen Oberkirchenbehörde, Rabbiner Dr. Stößel Namens des Bezirks, Fabrikant Stern Namens der hiesigen Gemeinde, Schneidermeister Reichert Namens des Gewerbevereins, Buchhalter Schloßmann Namens der Fabrikbeamten sowie Vertreter der Arbeiter von der hiefigen und Murrhardter Fabrik Kränze an dem Grabe des Mannes nieder, der zu den angesehensten jüdischen Bürgern Württembergs gehörte. Friede seinem Andenken! Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 27. September. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde hat in seiner am 21. September stattgefundenen Plenarsitzung einstimmig beschlossen, zum Andenken an die Kaiserin Elisabeth eine Anstalt für jüdische Krankenpflegerinnen zu gründen und die Allerhöchste Ermächtigung dafür einzuholen, daß diese Humanitätsanstalt den Namen „Kaiserin Elisabeth-Stiftung für israelitische Krankenpflegerinnen" führen dürfe. Das Institut soll Krankenpflegerinnen jüdischen Glaubens heranbilden und die mit dem Dienst der Krankenpflege bereits Vertrauten in einem Mittelpunkt vereinen. Es soll eine Pflegerinnen-Schule und ein Pflegerinnen-Heim geschaffen werden. Die neue Schöpfung soll fich den in Wien bestehenden Humanitäts-Anstalten der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, dem in Erweiterung begriffenen Jsraeliten-Spital, dem Altersversorgungshaus und dem fich daranfchließenden Siechenhaus ergänzend anreihen, als Kultus-Gemeindeinstitut ins Leben gerufen, durch den Vorstand organistrt und geleitet werden, aber in unverbrüchlicher Erinnerung an die unvergeßliche Kaiserin unter Mitwirkung der gefammten jüdischen Bevölkerung Wiens zur That werden. — Im Gemeinderath haben die Liberalen einen Antrag eingebracht gegen die Anordnung des Bezirksschulraths auf Trennung der Schulkinder in den Wiener Volksschulen nach Konfessionen, weil die Anordnung gegen das Reichsschulgesetz verstoße. — Die Gesellschaft für Sammlun g und Konservirung vonKunst- und historischen Denkmälern des Judenthums hat in den letzten Tagen an die größeren Gemeinden in Oesterreich einen Fragebogen zu dem Zwecke ausgeschickt, um eine Reihe von historischen und statistischen Daten über die kulturellen und Humanitären Einrichtungen dieser Gemeinden, ihre Einwohnerzahl, die historisch denkwürdigen Personen, die in derselben gelebt haben, u. s. w. zu erhalten. Die bei der Gesellschaft einlaufenden Daten werden geordnet, wissenschaftlich verarbeitet, und das Resultat dieser Arbeiten soll seinerzeit veröffentlicht werden. Es ist erfreulich, hervorheben zu können, daß bereits eine Anzahl von Gemeinden dieser Einladung Folge geleistet haben. Selbstverständlich erwachsen für die Gemeinden keine wie immer gearteten Kosten. Mit der Zeit sollen diese Arbeiten auch auf die Gemeinden in Ungarn und in Deutschland ausgedehnt werden. Es kann mit Recht angenommen werden, daß alle Gemeinden fich der einmaligen Mühewaltung der Beantwortung des Fragebogens unterziehen und die Gesellschaft in ihrem wahrhaft löblichen Unternehmen unterstützen werden. — In St. Pölten wurde der Wirthschaftsbesitzer Michael Figl, ein Hauptagitator der Antisemiten, wegen Diebstahls von 7000 Gulden an seiner eigenen Schwester zu IVa Jahren schweren Kerkers verurtheilt. — Frau Baronin Hirsch hat für die Abgebrannten in Jagielnica 1000 Gulden und für die brodlosen Grubenarbeiter in Boryslaw 5000 Gulden gespendet. — Die Judengemeinde in Chrzanow in Galizien hat, einer altherkömmlichen Sitte entsprechend, vorige Woche aus Anlaß der Anwesenheit des Krakauer Fürstbischofs von Pusina eine schön geschmückte Triumphpforte errichtet, welche in hebräischen Lettern die Aufschrift trug: „Gesegnet seist Du bei Deinem Kommen, gesegnet bei Deinem Weggehen!" Der Kirchenfürst hat nun ein warmes Dankschreiben an die Gemeinde gerichtet und auch in der Kirche eine überaus judenfreundliche Kanzelrede gehalten, in welcher er die Anwesenden, darunter eine große Anzahl Bauern, sowohl zum friedlichen Zusammenleben mit den Juden ermahnte, als auch aufforderte, sich die guten Sitten der Letztgenannten, ihren Fleiß und ihr lobenswerthes Eheleben zum Muster zu nehmen. In demselben Sinn predigte auch am selben Tage ein frommer Pater in der Chrzanower Kirche. Wer hätte vor zwei Monaten an die Möglichkeit einer solchen Wandlung der Haltung der polnischen Klerikalen gegen die Juden geglaubt! — In Stanislau iß am ersten Neujahrstage unter der jüdischen Einwohnerschaft eine große Panik entstanden infolge des Gerüchtes, Anarchisten beabsichtigten, die Synagoge in die Luft zu sprengen. Angesehene Männer wurden sofort bei der Stadtverwaltung vorstellig und setzten es durch, daß die Bethäuser mit Sicherheitswachen umgeben wurden,? welche den zum Gottesdienst sich Begebenden den Eintritt nur gegen Vorweisung von Einlaßkarten gestatteten. Der Gottesdienst verlief indeß ohne Zwischenfall. — In Jaslo fand auf Grund der Verordnung, womit für den dortigen Bezirk die Wirksamkeit der Schwurgerichte ststrrt wurde, vor einem Erkenntnißsenat die erste Verhandlung statt, wobei die Anklage auf Raub lautete. Die Angeklagten, Michael Filar und vier Bauernknechte aus Kolaczyce, welche an den dortigen antisemitischen Exzessen theilgenommen hatten, wurden des Verbrechens des Raubes schuldig gesprochen und zu dreijährigem Kerker verurtheilt. — Budapest, 23. September. Ein interessanter Preßprozeß wird vor dem hiesigen Schwurgericht verhandelt werden. Angeklagt ist der Budapester Advokat und ehemalige Abgeordnete V ietor Jstoezy, der aus der Tisza- Eszlar Geschichte bekannteAntisemitenführer; Kläger ist derBudapester Arzt Dr.Bela Kellen, der im Namen seines verstorbenen Vaters Dr. Joseph Kellen auftritt. Dr. Joseph Kellen war Phyfikus des 8. Bezirkes von Budapest und Hausarzt der Familie Jstoezy. Er behandelte im vorigen Jahre den neunzehnjährigen Sohn Emerich des Dr. Jstoezy. Der junge Mann starb am 16. Juli v. I. an Lungenschwindsucht. Jstoezy veröffentlichte nun in einer von ihm herausgegebenen juristischen Monatsschrift eine Reihe von Angriffen, in welchen er direkt den behandelnden Arzt beschuldigte, durch Unwissenheit und Fahrlässigkeit den Tod des Patienten verursacht zu haben. Obzwar Dr. Kellen kein Jude war, behauptete doch Jstoezy, daß er unter jüdischem Einfluß gestanden und deswegen der Familie die gefährliche Natur der Krankheit verschwiegen habe. Jstoezy führte des Ferneren aus, daß er als ehemaliger antisemitischer