Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 39 (30.9.1898)
- Date
- 1898-09-30
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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62. Jahrgang. Ar. 39. 'Weilcrge LerUn. 30. September 1898. zur „Allgemeinen Zeitung des Iuöenthums". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. L2 Berlin, 28. September. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde hat gemäß den Bestimmungen in den Zs 59 und 60 des revidirten Statuts vom 11. November 1895 bekannt gemacht, daß für das laufende Berwaltungsjahr (1. April 1898 bis 31. März 1699) von demjenigen Einkommen der Gemeindemitglieder, welches der Veranlagung zur staatlichen Einkommensteuer zu Grunde liegt, Va Prozent als Gemeindebeitrag zur Erhebung gelangt. Die hiernach aufgestellte Heberolle wird während der Zeit vom 27. September bis einschließlich 14. Oktober dieses Jahres täglich — mit Ausschluß der Sabbathe und Festtage — in dem Büreau der Veranlagungs-Kommission, Oranienburgerstraße 29, eine Treppe, während der Dienststunden offen liegen. Innerhalb dieser Zeit ist jedem Betheiligten gestattet, von dem für ihn festgesetzten Beitrag Kenntniß zu nehmen. Etwaige Reklamationen sind bis spätestens den 27. Dezember d. I. bei dem Vorstand anzubringen. §2 Berlin, 27. September. Die Vorbereitungen zu den Wahlen haben in unserer Gemeinde bereits begonnen. Der „Centralverein" hat am 20. d. Mts. eine öffentliche Versammlung abgehalten. Wie es scheint, soll die Wahlparole diesmal lauten: Gegen den Sonntagsgottesdienst! Für die Parochialeintheilung! Der „liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde" hat dagegen bereits seinen Wahlaufruf versandt, den unsere Leser aus Nr. 21 sowie aus den Mittheilungen des liberalen Vereins kennen. Die liberale Wahlparole lautet: Toleranz von und für Jedermann! Der Termin der Wahlen ist bis jetzt noch nicht bekannt, doch ist es wahrscheinlich, daß diese Ende November stattfinden werden. Nach den Feiertagen dürfte das Tempo der Wahlagitation auf beiden Seiten ein lebhafteres werden. Dies wird Jeder freudig begrüßen, der mit uns den Wunsch hegt, daß das Interesse an Gemeindeangelegenheiten immer weitere Kreise erfasse. Es wäre nur noch zu wünschen, daß diese Wahlagitation selbst überall eine würdige und maßvolle sei, damit das Wohl der Gemeinde und der Friede innerhalb derselben gewahrt bleiben mögen. §£g Berlin, 28. September. An der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin, Lindenstraße 48/50, werden im Winter-Semester er. (Beginn am 17. Oktober, 10 Uhr Vormittags) folgende Vorlesungen gehalten werden: Dr. Baneth: Die Talmudtraktate Pessachim und Baba Mezia, ferner Joredea, Eben ha- Ezer, Mischne Tora und Einleitung in den Talmud; Dr. May bäum. Lektüre des Midrasch Bereschith Rabba und homiletische Uebungen; Dr. Schreiner: Alte Pentateuchkommentare, Erklärung der 12 kleinen Propheten, Einleitung in die Heilige Schrift, hebräische Stilübungen, Saadjas Emunoth we-deoth und Geschichte der Juden; Professor Dr. Steinthal: Psychologie des Willens. Alle Vorlesungen an der Anstalt sind unentgeltlich. Als Zuhörer für die Vorlesungen find in erster Reihe die rite immatrikulirten Studirenden der hiesigen Universität — und zwar ohne Unterschied der Fakultät — in Aussicht genommen. Auch andere Personen können auf Grund besonderer Ermächtigung an den Vorlesungen theilnehmen. Die Anmeldung erfolgt bei dem zeitigen Vorsitzenden des Lehrer - Kollegiums, Rabbiner Dr. Maybaum, in seiner Wohnung, Hinter der Katholischen Kirche 1, täglich (mit Ausnahme der Sabbathe und jüdischen Festtage) von 11—12 Uhr. S£2 Berlin, 27. September. Am kommenden 25. Oktober werden die kostenlosen Borlesungskurse für akademisch gebildete Lehrer der jüdischen Religion an den beiden Berliner Rabbinerbildungsanstalten eröffnet werden. Sie sind bekanntlich auf eine dreijährige Dauer berechnet, doch steht der Besuch der einzelnen Vorlesungen im Belieben der Herren Teilnehmer. Die Interessenten werden noch einmal dringend auf das nachstehende endgiltige Programm der Vorlesungen aufmerksam gemacht. An der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums werden lesen: im Wintersemester 1898/99: 1. Herr Dr. Baneth: Pentateuch und hebräische Grammatik (2 Stunden wöchentlich); 2. Herr Dr. Maybaum: Bibelkunde (2 Stunden wöchentlich); Z. Herr Dr. Schreiner: Geschichte der Juden (2 Stunden wöchentlich). Am Rabbinerseminar werden lesen: im Wintersemester 1898/99 und Sommersemester 1899: 1. Herr Dr. Hoffmann: Geschichte des Zeitraums von den Makkabäern bis zum Abschluß des Talmuds, verbunden mit Lektüre der Quellenschriften (2 Stunden wöchentlich); 2. Herr Dr. Barth: Ausgewählte Psalmen (1 Stunde wöchentlich); Derselbe: Hebräische Grammatik (1 Stunde wöchentlich); 3. Herr Dr. Wohlgemuth: Uebersichtliche Darstellung aller noch heute geltenden Gesetze und Zurückführung derselben aus ihre Quellen (2 Stunden wöchentlich). Diejenigen Herren Studirenden und Kandidaten des höheren Schulamts sowie bereits im Amte stehenden akademisch gebildeten Lehrer, welche an einer der beiden Anstalten sich an den unentgeltlich stattfindenden Vorlesungen betheiligen wollen, werden ersucht, sich zum Zwecke der Einschreibung entweder an Herrn Rabbiner Dr. Maybaum (für die Lehranstalt), Hinter der katholischen Kirche 1 (Sprechstunde von 11—12 Uhr), oder an Herrn Dr. I. Wohlgemuth (für das Rabbinerfeminar), Rosenthalerstraße 40III, zu wenden. 22 Berlin, 23. September. Die deutsche Litteraturwelt beklagt den Tod eines ihrer größten und bedeutendsten Männer. Am 20. d. M. ist Theodor Fontane im 79. Lebensjahre gestorben. Und gern gedenken wir des großen Todten auch an dieser Stelle, obgleich seine Verbindungen zum Judenthum ziemlich lose waren. Aber wer das Glück hatte, Fontane näher zu kennen, der wird gleich uns der Ueberzeugung sein, daß mit diesem Manne einer von den wahrhaften Chasside umoth olam dahingegangen ist. Der Antisemitismus war seinem humanen und künstlerischen Naturell tief zuwider, gleichwohl nahm er davon Abstand, seine „widersprechenden Sentiments" zu veröffentlichen, weil seine vornehme Natur jede Berührung mit dem Pöbel scheute. Im Jahre 1870 wurde Theodor Fontane während des deutsch-französischen Krieges im Geburtshause der Jungfrau von Orleans zu Domremy von Turkos gefangen genommen und nach mancherlei Bedrängnissen auf die Insel Olöron im Atlantischen Ozean abgeführt. Nur die Intervention Adolphe Cremieux' rettete ihm das Leben und setzte ihn in Freiheit. In seinen Romanen, die mit Vorliebe die gesellschaftlichen Verhältnisse Berlins schildern, hat er Juden nur hier und da als Nebenfiguren verwandt, aber gerade zu der Zeit, in der die Antisemitenbewegung ausbrach, hatte er eine Arbeit im Sinn, in der auch jüdische Charaktertypen mit der Objektivität, die ihm zu eigen war, geschildert werden sollten. Den Plan zu dieser Erzählung setzte er dem Redakteur dieses Blattes, den er mit seiner herzlichen Freundschaft geehrt hat, wiederholt und ausführlich aus einander. In dieser Novelle sollte eine junge Dame aus der Berliner haute finance eine Hauptrolle spielen. Auf verschiedene Einwendungen gegen diesen Plan antwortete Fontane damals mit der folgenden charakteristischen Bemerkung: „Rebekka Gerson v. Eichröder ist ein reizendes Geschöpf und viel, viel mehr eine Verherrlichung des kleinen Judenfräuleins als eine Ridikülisirung. Dies tritt sogar so stark hervor, daß es mich etwas genirt. Ich kann es aber nicht ändern; die ganze Geschichte würde von Grund aus ihren Charakter verlieren, wenn ich statt Rebeckchen eine Geheimrathsjöhre einschieben wollte. Noch weniger geht ein reiches Bourgeoisbalg. Reiche Jüdinnen sind oft vornehm (worauf es hier ankommt), Bourgeoisbälge nie." Leider ist Fontane nicht dazu gekommen, diese Arbeit auszuführen. Bon seiner echten Humanität mag der folgende Vorfall Zeugniß ablegen. Vor mehreren Jahren beklagte sich ein Freund in München darüber, daß die Ballade „Die Jüdin" in den Gedichten von Fontane geeignet sei, das traurige Borurtheil gegen die Juden in dieser trüben Zeit zu bestärken. Wir wandten uns deshalb direkt an den Dichter und erhielten schon nach wenigen Tagen folgendes Schreiben: