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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-30 · Heft 39 (30.9.1898) · p. Seite 468

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 39 (30.9.1898)
Date
1898-09-30
Page
Seite 468 (sequence 12)
Language
German
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468 in Newport" besungen hat. Erst im Jahre 1881 wurde die Synagoge wieder eröffnet und Abraham P. Mendes als Rabbiner der kleinen Gemeinde berufen. | Mit Benutzung vieler Dokumente behandelt Köhler ferner me rechtliche Stellung der Juden in New-Uork in ihrer historischen Entwickelung. Der intolerante Gouverneur Stuyvesant wollte die aus Brasilien vertriebenen mittellosen Juden, welche in Neu-Amsterdam, wie New-York damals genannt wurde, eine Zuflucht suchten, nicht dulden; erst auf Grund einer Petition mehrerer portugiesischer Juden ertheilte ihnen die Westindische Gesellschaft die Erlaubniß zur Niederlassung. Unter englischer Herrschaft war die Lage der Juden in New- Iork Anfangs ähnlich der ihrer Glaubensgenossen in England selbstz aber 1674 wurde Allen ohne Unterschied der Religion gestattet, in dex aufstrebenden Handelsstadt zu wohnen und ihrem Bekenntnisse nach ungestört zu leben; 1692 erhob sich dort die erste Synagoge. Isaak Henriquez war der erste Jude, der 1687 das Bürgerrecht erhielt, ihm folgten bald andere, spanische, portugiesische, holländische Juden, Kaufleute, Fabrikanten und Handwerker. Erfreuten sich die Juden in New- Iork auch vollen Bürgerrechts, so waren ihnen doch mehrere politische Rechte vorenthalten. Durch die erste Konstitution des Staates New- Uork im Jahre 1777 wurden sie allen anderen Bewohnern in Rechten und Pflichten völlig gleichgestellt. N. Taylor Phillips bearbeitet die älteste Gemeinde, „Schearith Israel", in New-Uork. Ihre ersten geistlichen Führer: Saul Browne, der aus Newport kam, Moses Lopez du Fonseca, David Mendez Machado, der mit seinem Schwiegervater Dr. Samuel Nunez 1733 auB Lissabon einwanderte, waren Kaufleute. Machados Nachfolger, Benjamin Pereira Mendes, soll ein großer Gelehrter gewesen sein. Der, bedeutendste Rabbiner dieser Gemeinde war Gerson Mendez Seixas, dessen Bater ebenfalls aus Lissabon kam. Als Seixas 1816 im hohen Alter starb, fungirte Moses Levi Maduro Peixotto als Rabbiner; er verzichtete auf jedes Gehalt. — D. Sulzbergers interessante statistische Arbeit haben wir in diesem Blatte bereits betrachtet. Gratz Mordecai in Philadelphia berichtet von seinem Ahn Jakob Mordecai, dem Sohne des Moses Mordechai aus Bonn a./Rhein, der in New-Uork, Philadelphia und mehreren kleinen Orten als Hausirer lebte und sich nebenbei dem Studium der biblischen Wissenschaft widmete. Als seine Vermögensverhältnisse sich ungünstig gestalteten, errichtete er in Warrenton eine Mädchenschule, welche von vielen Hundert Schülerinnen besucht wurde. Einer seiner Söhne war der 1687 gestorbene Major Mordecai. Von der Tapferkeit eines unscheinbaren kleinen Juden, Namens Fronthal oder Frankenthal, erzählte Henry Eohen. Er focht in dem Bürgerkriege von 1664 wie ein Löwe. Als der Oberst Watts von der Bravour Frankenthals hörte, rief er aus: „Jetzt begreife ich, wie es möglich war, daß eine Handvoll Juden hundert Könige vor sich hertreiben konnten." An diese „Publikationen", deren siebenter Band demnächst erscheinen wird, schließt sich eine Schrift, welche einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des amerikanischen Judenthums bildet: „Die Entstehung der Sinai-Gemeinde in Chicago" (Chicago 1898), deren eigentlicher Begründer Herr Dr. B- Felsenthal, der Verfasser dieser Schrift, ist. Es ist eine beachtenswerthe Erscheinung, daß die ersten Vertreter der Reform im Judenthum zumeist aus Baiern stammen und zum Theil aus der Fürther Jeschiba hervorgegangen sind: David Einhorn und sein Schwiegersohn K. Köhler, B. Wechsler, E. Grünebaum, Jos. Aub, M. Lilienthal, H. Hochheimer, L. Adler und noch Mehrere. Diesen Männern reiht sich auch Felsenthal an. Er kam im Jahre 1853 nach Chicago, wo er bald nach seiner Ankunft einen Verein mit entschieden reformistischer Tendenz gründete. Als Sekretär dieses Vereins veröffentlichte er 1859 eine kleine Schrift „Kol Kore Bamidbar. Ueber jüdische Reform", in der er erklärte, „daß die Bibel nicht die Quelle, sondern das Produkt des Judenthums, und zwar das herrlichste und heiligste desselben, sei", und welche ein nicht geringes Aufsehen machte. Der Reform-Verein konstituirte sich zur Gemeinde, Sinai-Gemeinde genannt, erwarb ein Gotteshaus, das durch Dr. S. Adler in New-Uork, unter dessen Beirath die liturgische Einrichtung der neuen Gemeinde getroffen worden, am 21. Juni 1861 eingeweiht wurde, und in dem Felsenthal zuerst als Rabbiner fungirte. Der Verfasser dieser Schrift hat gut daran gethan, sein „Kol Kore Bamidbar" in „unverändertem Abdruck" derselben beizufügen; es enthält auch für Diejenigen, welche der reformistischen Richtung nicht huldigen, viele Leherzigenswerthe Ansichten. Man höre nur, wie Felsenthal bereits vor vierzig Jahren über den Chorgesang in der Synagoge urtheilte. „Der wahre jüdische Geist, wie er aus dem wahren althebräischen Geist geschichtlich sich entwickelt hat, ist ein Geist des Ernstes und der Frömmigkeit, und ihm durchaus zuwider ist es, Solosängerinnen innerhalb der Synagoge und während des Gottesdienstes ihre Bravourarien mit großer Kunstfertigkeit vortragen und leichte, gefällige Weisen durch die Orgel spielen zu lassen. Der Betende soll nicht in die Stimmung versetzt werden, wo er mit den Händen klatschen möchte, die Synagoge soll keine Konzerthalle sein, sondern sie soll die Andacht, das Ergriffensein der Versammelten zu bezwecken suchen. Wir wollen ernste, feierliche, getragene Chöre, die andachtweckend find, weil sie aus andachterfüllten Herzen kommen" (Seite 66). (Wir freuen uns, heute die Mittheilung machen zu können, daß Herr Rabbiner Dr. M. Kayserling in Litteraturberichten regelmäßig die wichtigsten neuen Erscheinungen der jüdischen Litteratur anzeigen wird. Die Red.) ------ Dr. Hans Barth: Türke, wehre Dich! (Leipzig 1898, Renger'sche Buchhandlung). Der geistvolle Schriftsteller, dessen Berichte aus Italien unsere Leser aus dem „Berliner Tageblatt" seit langer Zeit kennen und schätzen, tritt hier mit Eifer und Sachkenntniß für ein edles und tolerantes Volk ein, das feit Jahrzehnten von dem europäischen Philisterthum systematisch angefeindet und verleumdet wird. Das Buch kann viele falsche Vorstellungen zerstören, die sich die Welt von den Türken macht, die der Verfasser aus eigener Sachkenntniß in seiner geistvollen Weise schildert. Es braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, daß das Buch für unsere Kreise von ganz besonderem Interesse ist; namentlich empfehlen wir das 16. Kapitel, „Das Volk der Toleranz", aufmerksamer Lektüre. Der Verfasser hat Recht, daß die von den europäischen Kulturvölkern verbannten und gehetzten Juden nirgends ein so sicheres Asyl fanden wie eben bei den „barbarischen Türken". Sprechfaul. ^Mn Nr. 34 Ihrer geschätzten Zeitung wird im Leitartikel ausgeführt, daß kein Religionsgesetz in der Bibel oder im Talmud verbiete, unbedeckten Hauptes einen Eid zu leisten, höchstens könnte die Auslegung der später halachischen Dezisoren die Meinnng dieses Verbots erwecken, weil nach altorientalischer Anschauung unbedeckten Hauptes stehen ein Zeichen der Geringschätzung der Gottesfurcht sei, besonders an heiliger Stätte. Dem gegenüber erlaube ich mir die Bemerkung, daß dieses angebliche Verbot — richtiger „Brauch" — nach Ansicht eines Midrasch nur zur Bequemlichkeit des Israeliten eingeführt worden. Dieser Midrasch wird nämlich von I. Johlsohn in seinem Buche Fp*p Seite 208 bei Besprechung der Ceremonialgesetze, die bekanntlich in mosaische, rabbinische und — fromme Bräuche — (zu diesen letzteren gehört auch die Bedeckung des Hauptes) eingetheilt werden, angeführt und lautet folgendermaßen: m-ipS nmbr 'firnan ab mn brr-iw'b n“apn mb iök . . . '121 .ptna „Sehet nur, sagt Gott zu den Israeliten, ich habe euch nicht einmal die Mühe machen wollen, daß ihr das Haupt entblößen sollt, während ihr Schema leset und mich zum Herrn und König über euch anerkennet." Und dieser Brauch sollte zu einem antisemitischen Angriff Veranlassung geben? Im Gegentheil, gerade durch die Weigerung der Eidesleistung wird gegen den talmudischen Grundsatz verstoßen: „das Staatsgesetz gleicht dem Religionsgesetz". Es wäre wirklich zu wünschen, daß Jeder, der über ein Ge- oder Verbot ein Urtheil fällen will, sich erst erkundige, ob es ein mosaisches, rabbinisches oder nur ein frommer Brauch sei; denn in den Augen des Volkes und des Halbgelehrten ist der geringfügige Gebrauch schon ein Gesetz, wenn nicht gar ein wesentlicher Theil der Religion. Samotschin, 16. September. M. Spiewk owski Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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