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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-30 · Heft 39 (30.9.1898) · p. Seite 467

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 39 (30.9.1898)
Date
1898-09-30
Page
Seite 467 (sequence 11)
Language
German
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467 Am obersten Ende des Friedhofes, weit ausschauend in das herrliche, vom lichten Sonnengold Lberfluthete Thal, steht ein einsamer, fast schon schwarzer Grabstein. Die Schrift ist vielfach verwittert, aber doch noch lesbar, während die meisten anderen Grabsteine, etwa zwanzig an der Zahl, schon von Buschwerk dicht überwuchert sind. Der Grabstein, von dem ich rede, ist der meines Großvaters, wie ich auf den ersten Blick aus der Inschrift erkannte. Im Jahre 1845 hatte er hier von einer schweren Krankheit Heilung gesucht und die ewige Ruhe gefunden. Er war Rabbiner einer kleinen Gemeinde in Mähren, Eiwanowitz bei Brünn. Ich vermuthe, daß er wiederholt hierher gekommen, da mein Vater die oberen Klaffen des Gymnasiums in der nahe gelegenen Komitatsstadt Trencsin in den Jahren 1844 und 1845 absolvirt hat. Nicht die Lobsprüche des Grabsteins allein, sondern all die einzelnen Züge, die mir aus dem Leben dieses frommen und braven Mannes bekannt waren, vereinigten sich in diesem feierlichen Augenblick zu einem großen und harmonischen Ganzen: Vor meiner Seele stand' das Bild des Großvaters so leibhaftig da, als hätte ich ihn genau gekannt, als wäre er gestern von mir geschieden. Moderne Menschen mögen über diese romantischen Träume lächeln. Für uns, die wir in den patriarchalischen Anschauungen der Familie groß und alt geworden, bleiben sie ein Anker im Leben, ein Schutz und Halt in allen Stürmen. Als ich, in den ersten Ferien vom Breslauer Rabbinerseminar rückkehrend, in der Synagoge meiner zweiten Heimath, zu Loschitz, gleichfalls in Mähren, an einem der Trostsabbathe zum ersten Male predigte, da sagte meine selige Großmutter seufzend: „Wenn Reb Loser das erlebt hätte!" Sie meinte meinen Großvater, Rabbi Eleasar Karpeles. Dieses Wort ist mir in Erinnerung geblieben, nun schon mehr als dreißig Jahre lang. Es giebt ja Worte, die nie verhallen, die sich tief in unsres Herzens Schacht senken und ewig neu erklingen, „wenn scheinbar längst ihr Ton entschlief". In dem „Hause des Lebens", in dem fernen ungarischen Badeort, ist mir das Heimathsgefühl mit dem Wort der Großmutter zugleich wieder lebendig geworden. Und wenn ich mir eine andere Tribüne gewählt habe als die Kanzel, um für meine Glaubensgenoffen zu wirken und zu sprechen, so würden sicher jene Themen auch mit diesem Wirken unter veränderten Zeitverhältnissen einverstanden sein. Denn das Leben will seine Rechte, und die Geschicke der Völker wie der Menschen harren zu jeder Zeit ihrer werkthätigen Diener und Boten. Mit diesem beruhigenden Gefühl schied ich von der Stätte des Todes, um in das Leben der Arbeit wieder zurückzukehren. 6. X. Dum Hüttenfeste. k^^erhallt sind nun die ernsten Feierklänge, Mit seinem Gott versöhnt ist Israel. Zum Gotteshause wallt die frohe Menge; Der sündbefreiten Brust entströmen hell Des Hüttenfestes freundliche Gesänge, Dem Ew'gen, aller Lieb' und Güte Quell, Des Dankes Opfer freudig darzubringen Und seinem Namen Lob und Preis zu fingen. Denn ist zu Ende auch des Sommers Walten, Verwaist das Feld, der Garten blumenleer. Es wird der Herbst jetzt seine Pracht entfalten An buntem Laub, an Zweigen, früchteschwer. Und über uns in vielerlei Gestalten Des Segens reiche Fülle streuen her. Daß wir an seinen liebevollen Gaben Im rauhen Winter noch das Herz erlaben. Von Gustav Jacobsohn. Und darum schwingen wir in frommen Händen Dankbaren Sinns den duft'gen Festesstrauß Und bitten Gott, er wolle von uns wenden. Was uns bedroht, und schützen unser Haus; Der durstigen Flur woll' er den Regen spenden Zur Sättigung und nicht zu Hungers Graus Und auch in diesem Jahr in allen Stürmen, O Israel, dich gnadenvoll beschirmen. Und wenn der Abend friedlich niederschimmert. Verlassen wir des Hauses sicheren Bann Und treten in die Hütte, leicht gezimmert. Und schicken uns zum Weihgebete an. Zum Sternenhimmel,der durchs Laubdach flimmert. Erheben wir den Blick zu Gott hinan: Er sei mit uns wie in der Väter Tagen, Da sie ihr Zelt in Wüsten aufgeschlagen. O, daß sein Ohr er neige Judas Bitten, Wenn es, die Thora an das Herz gepreßt. Um Hilfe flehend, mit andächtigen Schritten Den Umgang hält am Simchath-Thorafest. Die Thora, derentwillen es gelitten. Geduldet und gekämpft, die's nie verläßt, Den Lebensbaum für Die, so sie erfassen. Wird Israel in Ewigkeit nicht lassen. Ihr, denen noch der Frühling blüht des Lebens, Ihr Kinder, öffnet euer Herz der Saat, Es sei das Wort der Lehre nicht vergebens In euch gepflanzt, es werde einst zur That, Sei euch Geleit zum Ziele eures Strebens Und eine Leuchte eurem Lebenspfad. Zur Thora haltet, dann ist euch beschieden Glückseligkeit, Gewissensruh' und Frieden. Littrraturberichte. Von Dr. M. Kayserling. — Die im Jahre 1892 unter dem Präsidium des zum amerikanischen Gesandten beider Pforte wieder ernannten Herrn Oscar S. Straus organisirte„Amerikanisch-Jüdisch-Historische Gesellschaft", welchem erfreulicher Weise von Jahr zu Jahr an Mitgliedern zunimmt und eine recht rege Thätigkeit entfaltet, hat das nicht hoch genug anzuschlagende Verdienst, das zerstreute und nicht immer leicht zugängliche Material zu einer Geschichte der Juden in der Neuen Welt zu sammeln. Auch der zu Anfang dieses Jahres erschienene sechste Band ihrer „Publikation" enthält recht schätzbare Beiträge von I. H. Holländer, Herbert Friedenwald, Max I. Köhler, N. Taylor Phillips, D. Sulzberger sowie kleinere Arbeiten von Rev. Henry Cohen, Georg A. Kohut u. A. Köhler, der vor mehreren Jahren Dalys „Settlement ok tüe Jews in North-America“, mit vielen Zusätzen neu herausgab, bearbeitet die Geschichte der Juden in Newport, wo sich die erste jüdische Gemeinde in Amerika bildete. Im Jahre 1658 siedelten sich dort ca. fünfzehn jüdische Familien an, denen bald mehrere aus Holland und neunzig Jahre später einige Hundert Marannen aus Spanien, Portugal und Jamaika folgten, welche Fabriken, Zuckerrafstnerien anlegten, Industrie förderten und Newport zu einem der bedeutendsten Handelsplätze machten. Der reichste Kaufherr Newports war der aus Portugal eingewanderte Aron Lopez; er nannte eine große Anzahl Schiffe sein eigen, welche Waaren nach Afrika und Westindien führten und mit Sklaven von dort zurückkehrten. Aus Jamaika kam dann im Jahre 1758 Isaak Touro, der die Glaubensbrüder zum Bau einer Synagoge ermunterte und ihr erster Rabbiner wurde. Newport, das vor Ausbruch der Revolution über zweihundert Familien zählte, hatte wenige Jahre später kaum noch ein Minjan. Außer der Familie Lopez hatten alle Juden die Stadt verlassen, die Synagoge wurde geschlossen. Zur Erhaltung derselben bestimmte Abraham Touro, der Sohn des Rabbiners, 10 000 Dollars und ebenso viel sein Bruder, der durch seine Wohlthätigkeit und sein Testament berühmt gewordene Juda Touro, zur Erhaltung des dortigen jüdischen Friedhofes, den Longfellow in seinem herrlichen Gedichte „Der Friedhof

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