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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-30 · Heft 39 (30.9.1898) · p. Seite 466

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 39 (30.9.1898)
Date
1898-09-30
Page
Seite 466 (sequence 10)
Language
German
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466 Innern der Hütte. Zitternde Hände schoben alsbald die hölzernen Riegel von Innen an die Thür, und dann herrschte ängstliche Stille in den Gemächern. Die Haufen standen jetzt unmittelbar vor der ländlichen Wohnung. (Forts, folgt.) Nersedrreft. IV. Trencsin-Teplitz, im August ch stehe am Ziele meiner Wanderung. Leicht ist es mir allerdings nicht geworden, dieses Ziel zu erreichen, und leicht wird mir wahrhaftig auch nicht, davon zu erzählen. Meine Leser werden mir das Zeugniß nicht versagen, daß ich sie in den zehn Jahren unserer gegenseitigen Bekanntschaft niemals mit meinen eigenen Privatangelegenheiten belästigt habe. Wenn ich nun heute trotzdem einen Tag schildere, der einen Denkstein bildet in der Geschichte meines Lebens, so geschieht dies wahrlich nicht um des persönlichen Moments willen, sondern vielmehr, weil ich mir mit der Hoffnung schmeichle daß diese Schilderung vielleicht doch manches enthalten dürfte, was auch für Andere Jntereffe haben kann. Nach diesem feierlichen Prolog bitte ich meine Leser, mich nach dem am Fuße der Karpathen so malerisch gelegenen ungarischen Schwefelbad Trencsin-Teplitz zu geleiten. Seit vielen Jahren war es mein sehnlichster Wunsch, diese Reise zu machen — denn in diesem Badeort liegt mein Großvater begraben. Mein Großvater, den ich niemals gekannt habe, den ich aber trotzdem seit meiner Jugend liebe. Wie schön sagt doch Goethe über Den, der von früh auf, fern von Eltern und Geschwistern, ein einsam Leben führen muß: „Ihm schwärmen immer abwärts die Gedanken, Nach seines Vaters Hallen," Diese Liebe ist ein heiliges Gefühl, das den Menschen durchs Leben geleitet und ihrVim Alter, in Einsamkeit und Fremde mit religiöser Gewalt umschirmt. Oft habe ich diese Erfahrung in meinem eigenen Lebe» gemacht, und vielleicht gerade darum ist mir das Andenken an meinen Großvater besonders heilig und theuer. Doch ich wollte zunächst von Trencsin-Teplitz erzählen, das im Bäder-Almanach nicht mit Unrecht die „Perle der Karpathen" genannt wird. In einem anmuthigen Thal, von üppig bewaldeten Bergen umgeben, dicht am Fuße der Karpathen gelegen, erfreut sich das kräftige, altberühmte Schwefelbad auch heute noch regen Zuspruchs. Die Zahl der Kurgäste wird auf jährlich 6000 angegeben. Das Klima ist ein sehr mildes; prachtvolle Parkanlagen und herrliche Waldungen bieten Gelegenheit zu langen und schönen Spaziergängen. .Ich habe, als ich dort ankam, nicht eine Menschenseele gekannt. Ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, wußte ich nicht einmal, ob mein Großvater wirklich dort begraben liegt. Die Sache verhält sich nämlich folgendermaßen: Es giebt im Grunde genommen eigentlich drei Orte des gleichen Namens. Der erste heißt Tepla, der zweite Trencsin-Teplitz, das Bad, und der dritte Trencsin. Das wußte ich aber vorher nicht, und deshalb konnte ich nicht wiffen, wo der jüdische Friedhof sich befindet. Ich fuhr aber auf gut Glück nach Trencsin-Teplitz. und mein guter Stern hatte mich auf den rechten Weg geleitet. Nachdem ich mich im „Hotel Teplitz" tüchtig ausgeschlafen, begann ich am frühen Morgen meine Wanderung. Wieder war es ein gutes Omen, daß der Erste, der mir auf deni Hauptplcch vor dem Hotel begegnete, — ein jüdischer Dienstmann war. „Mir begegnet nie etwas unterwegs," sagte einmal seufzend ein dicker Philister zu mir, als wir im Kupee von Reisen und Reiseabenteuern sprachen. Mir begegnet immer etwas unterwegs, dachte ich bei mir in jenem Augenblick, und ich erinnerte mich des Gesprächs, als ich diesen Dienstmann traf. Die Unterhaltung mit ihm will ich wortwörtlich hier nach meinem Notizbuch kopiren. „Können Sie mir nicht sagen, ob hier ein jüdischer Friedhof ist?" „Waruin soll hier kein jüdischer Friedhof sein?" „Wie lange besteht er?" „Wie lange soll er bestehen? Vielleicht drei Jahre." „Und wo hat man früher die jüdischen Todten begraben?" „Wo soll man sie begraben haben? Auf dem alten Friedhof." „Kann man diesen alten Friedhof sehen?" „Warum soll man ihn nicht sehen können?" „Wo liegt er?" „Wo soll er liegen? Dort draußen gleich hinterm Park." „Ich möchte Sie doch bitten, mir etwas genauere Auskunft zu geben, da ich ein Fremder bin." „S o, ein Fremder sind Sie! Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Da werde ich Ihnen einen guten Rath geben: Gehn Sie nur zu Herrn Dubowitz." „Wer ist Herr Dubowitz?" „Kennen Sie Dubowitzen nicht, unfern Schammes?" „Nein, wo wohnt er?" „Wo soll er wohnen? Dort in der Gaffe rechts, das fünfte Haus." „Wird er jetzt zu Hause sein?" „Warum soll er nicht zu Hause sein?" Ich sag' Ihnen, gehn Sie ruhig hin." Damit war unser Gespräch vorläufig abgeschlossen. Wer sich aber darüber wundern möchte, daß die Juden immer mit einer Frage antworten, den möchte ich nur kurz darauf Hinweisen, daß ja ihre ganze Existenz zu allen Zeiten eine einzige große Frage gewesen ist. Natürlich war nun mein nächster Wegs zu Herrn Dubowitz. Aber dort harrte meiner zunächst eine neue Enttäuschung; denn der treffliche Mann erklärte mir auf meine Bitte klipp und klar, daß auf dem alten Friedhof kein Rabbiner begraben läge, der den Namen Karpeles führe! Jndeß gelang es mir bald, das Mißverständniß zu beseitigen, und nachdein ich die Berechtigung meines Wunsches nachgewiesen, öffneten sich die Schleusen seiner Beredsamkeit. Er erzählte mir in raschem Tempo, daß nur ein einziger Rabbiner auf dem alten Friedhof begraben sei. der.aber ein „Gaon olam“ gewesen sein müsse, denn noch heute, nach mehr als fünfzig Jahren, kämen Biele, um dieses Grab zu suchen. Selbst Rabbi Joseph W e i s s e sel. Angedenkens habe jedesmal, so oft er hierher gekommen sei, das Grab des frommen Mannes besucht/ und noch vor drei Jahren hätte er dem ehrwürdigen Rabbiner von Waag-Neustadtel eine genaue Kopie des Grabsteins besorgen müffen. Die Nennung dieses theuren Namens war mir in diesem Augenblick wirklich wie eine liebe Heimatherinnerung. Wir traten nunmehr unsere Wanderung an, die durch den Park in südöstlicher Richtung ging, an einer Reihe neu erbauter Villen vorüber, durch das enge Thal, an dessen Seiten üppig bewaldete Berge in malerischer Gruppiruüg emporsteigen. An einer Stelle des Thals machten wir Halt. Nun mußten wir über einen Graben springen, da ein Steg nicht vorhanden war. Dann schloß Herr Dubowitz das alte Thor mühsam auf, und wir erkletterten nunmehr einen steilen Abhang. Die alten jüdischen Friedhöfe wurden ja meist auf solchen Abhängen angelegt, und man begreift es oft kaum, wie die Träger mit den Leichen den steilen Felsengrat erklimmen konnten. k s > i s t ti i i 1 I! t t c l ( 1 < §

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