Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 39 (30.9.1898)
- Date
- 1898-09-30
- Page
- Seite 465 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228297--54928-3291110- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WMMMFMWWWWW^WWWWWWW Diese düstere Gestalt mit den scharfen, unheimlichen Augen machte inmitten der freundlichen Landschaft einen peinlichen Eindruck. Die Ruhe der Umgegend war tief und ungestört. Man hörte die zerstreuten Stimmen der Singvögel inmitten der Haine. Der Prophet horchte aufmerksam nach den leisesten Tönen, die vernommen werden konnten. Da tönte mit einem Mal ein kurzer, gellender Ruf durch die Luft und verlor sich in fernem, immer leiser werdendem Murmeln. Der Ruf kam von der Seite Jerusalems her. Der Prophet richtete sich mit einem Lächeln des Triumphes empor. Sein Auge aber blieb auf die Gegend von Moriah gerichtet. Nach einigen Minuten wiederholte sich der Ruf, und jetzt kam er donnernd heran, auf den Schwingen der erschrockenen Luft getragen. Der Prophet trat vorwärts und hielt die Hand über die Augen, um bester und schärfer zu sehen. Eine fast fieberhafte Ungeduld belebte seine Züge, aber noch immer lächelte er voll boshaften Triumphes. Auf der Straße nach Bethania — dem Bach Kidron zu — schritt ein unkenntliches Gewimmel von Menschen und kam rasch näher und näher wie eine dunkle, vom Winde gejagte Wolke. Die Brust des Propheten bebte — er schien eine mächtige Bewegung kaum mehr bezähmen zu können. Das Gewimmel tobte über die Brücke des Kidron und stieg nun die Abhänge des Oelberges hinan. Der Prophet, von den Nahenden ungesehen, wandte ihnen ein Gesicht zu, in deffen verwitterten Zügen Haß, Rache, Freude fast greulich anzusehen leuchteten. Er hatte den Stab in die Rechte gefaßt, und unwillkürlich, fast ohne Bewußtsein dessen, was er that, schlug er die Dolden der Blumen nidder, die rings um ihn emporwucherten. Als die Nahenden einen dritten donnerartigen Ruf erschallen ließen, entschlüpfte der Prophet ungehört durch das grüne Gebüsch und entschwand, wie weggeblasen. Bald darauf standen die tobenden Menschen vor dem eingezäunten Garten Gethsemane. Ihre Anzahl war hier und da durch den dichten Hain verborgen. Die Sonne war eben im Untergehen begriffen. Die Versammlung stand allmälig verstummend vor der Einzäunung und blickte nach der Hütte hinüber. Ein gewistes Zweifeln gab sich kund, und es schien, als fragten sich alle diese aufgeregten Mienen: Was soll nun geschehen? Sie waren alle bewaffnet, diese Menschen, die Weiber ausgenommen, welche ebenfalls in großer Anzahl sich eingefunden hatten. Schwerter, Knittel, Handwerksgeräthe dienten als Waffen. Es war, als sei dieser lärmende Haufe zu irgend einem bedeutenden Kampf herangezogen. Als aber die Pause immer länger wurde, sprang ein hoher Krieger, bewaffnet mit einen! Schwert und langer Lanze und in der Kleidung der Hebräer, aus dem Haufen heraus und stellte sich mit einem Satz auf die Umzäunung, von wo er die ganze Versammlung überblicken konnte. Ihm gegenüber hinter einem breiten Stamm erschien, von den Meisten gesehen, die düstere Gestalt des Propheten. Der Mann von Silo tauschte einen sonderbaren, wilden Blick mit dem Krieger, welcher die Versammelten anzureden begann. „Ihr steht da gleich Oelgötzen, Kinder Israels!" rief der vom Zaune mit heftiger Stimme, „und fast scheint es, als hättet ihr den Zweck Eures Kommens vergeffen. Ihr seid stumm, feig, einfältige Kinder und nicht bewaffnete Männer. Warum kommst Du zu dieser Stätte, Israel?" ' Die Versammelten murmelten unverständlich unter einander und drängten sich in die Nähe des Sprechers, l Dieser fuhr, heftiger werdend, fort: „Ich will Dir's sagen, thörichtes Israel, warum Du hierher kamst und mit den Waffen in den Händen. Beginnt nicht morgen das heilige Fest der Wochen? Hast Du nicht die Gaben des Herrn geerntet durch sieben Wochen, thörichtes Volk? Siehe, es sind Etliche um Zion, welche Jehovah nicht anbeten, es sind Etliche da, welche Götzen und schändlichen Bildern danken für die Gaben Jehovahs. Diese Bilder zu zerstören, bist Du herbeigekommen, Volk Israel, denn wenn die Sonne hinabgeht, beginnt der heilige Sabbath, und siehe, hier sind keine Vorbereitungen getroffen, und Niemand ist gerüstet zum Tag des Herrn!" Das Volk stieß einen Ausruf der Wuth aus und eilte gegen die Umzäunung. Das neue Geschrei des Sprechers hielt die Banden noch eine Weile zurück. „Das alles, Ihr Kinder Israel," fuhr der vom Zaune fort, „hat Euch bester gesagt ein Mann Gottes, der Prophet von Silo. Denn was bin ich vor diesem Heiligen? Ich habe blos gestritten in des Königs Heeren und einen langen Lauf gethan durch die Wüsten Edoms, da wir den Thron der Abgöttischen stürzten. Darum erinnert Euch der Worte des Propheten, und seid nicht träge, den Namen des Herrn an seinen Verächtern zu rächen!" „Wir wollen Jehovah rächen!" brüllte das Volk.' „Kinder Israels!" schrie der Sprecher von Neuem — und sein ausgestreckter Arm wies auf Zeruhas Hütte — „dort wohnt eine Abgöttische, die den Sabbath nicht feiert. Es ist unsere Pflicht, Jehovah zu rächen. Die heiligen Bücher des Gesetzes verordnen Strafe und Vernichtung für die Heiden. Dieses, Volk von Israel, hat Dir der Mann von Silo bereits erklärt, denn seinem Auge und seinem Geiste sind die Bücher des Gesetzes offen. Und dort steht der Mann Gottes, welcher uns leitet, den Namen Jehovahs zu rächen." Das Volk wandte sich, wie vom Blitz getroffen, um und blickte erstaunt in die 'düster leuchtenden Augen des Propheten, welcher hinter dem Stamm hervorgetreten war. Eine sonderbare, tiefe Pause folgte. Etliche aus dem Volke sanken auf die Kniee vor dieser gebietenden, düsteren Gestalt. Endlich streckte Ahija langsam seinen Stab aus. Aller Augen folgten gespannt der Richtung desselben — er wies auf Zeruhas Hütte hin — ein tückisches Lächeln verzerrte die Züge des Propheten — dann machte er eine gebieterische Geberde gegen das Volk. Ein allgemeiner Schrei der Wuth wurde gehört. Der Menschenschwall wälzte sich auf die Umzäunung los. Der Sprecher stieg herab und noch einmal wechselte er einen Blick mit dem hoch aufgerichteten Propheten, dann verlor er sich unter dem Haufen. Während die Umzäunung dem wilden Andrang der Haufen wich, and die Ersten derselben den Garten betraten, verschwand der Prophet in dem Haine. Den Sprecher aber erblickte man geschäftig in den dichtesten Haufen. Indem trat Zeruha mit bleichem Gesicht und verstörten Geberden in die Thüre der Hütte. Aber infolge der Stellung der Oelbäume erblickte nur der kleinste Theil der wüthenden Haufen die Edomiterin. „Was wollt Ihr?" rief die Matrone mit entsetzter, zitternder Stimme, aber in der Sprache der Hebräer. Ein Wuthschrei antwortete dem Anruf, und zwischen den Oelbäumen wimmelte es von Bewaffneten.' Die Matrone sah mehrere derselben auf sich zukommen. Sie schlug die Hände mit einem Klageschrei über dem Haupte zusammen und flüchtete nach dem * l 3 i | f äf j