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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-30 · Heft 39 (30.9.1898) · p. Seite 464

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 39 (30.9.1898)
Date
1898-09-30
Page
Seite 464 (sequence 8)
Language
German
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464 daß nicht die bis in die Patriarchenzeit zurückreichenden Hausgötter (Teraphim) selbst unter treuen Bekennern des Gottes Israels ihre Verehrer gehabt hätten (I. Mos. 31, 19; Richter 17, 5; 18, 4; II. Kön. 23, 24; Seite 10, 2), so fanden auch Wahrsager und Zauberer fortwährend viele Gläubige und erlangten namentlich unter der Regierung abgöttischer Fürsten großen Einfluß (fl- Kön, 21, 6; Jes. 8, 19; Jer. 29, 8; Micha 3, 11). In allen diesen Stellen wird von den Propheten, ebenso wie im Pentateuch, die schärfste Verurtheilung des Aberglaubens, der — mit Recht — dem Götzendienste gleich geachtet wurde, allsgesprochen." Die Ainulette (Zaubermittel, durch die man sich gegen schädliche Einflüffe zu schützen suchte) lassen sich bis in die ältesten Zeiten zurück verfolgen. Die Ohrringe, welche Jakob nach I. Mos. 35,4 sich nebst den in ihrem Besitze befindlichen Götzen von seinen Familienangehörigen aushändigen ließ, um sie zu vergraben, sind sicher hierher zu rechnen. Aus allem Gesagten dürfte sich zur Genüge ergeben: 1. daß der Aberglaube in allen seinen Formen im Judenthuni keinen Halt finden kann; 2. daß die zu trauriger Verbreitung gelangte Lehre von dem Einflüsse böser Geister (Dämonen, Schedim rc.) erst in späterer Zeit durch die heidnischen Nachbarvölker auch bei den Juden eiugeführt worden ist. Einige Formen des Aberglaubens, besonders aus dem Gebiete der Zahlendeutung und der Tagewählerei, haben einen interkonfessionellen Charakter angenommen und werden noch heute mit einer wahrhaft erstaunlichen Aengstlichkeit festgehalten. Hier einige Beispiele: das Geheimniß, welches die unglückverheißende (!) Zahl 13 umgiebt, wird wohl ewig ungelöst bleiben. Denn von allen Versuchen der Erklärung, und ihrer ist eine große Zahl, erscheint nicht ein einziger stichhaltig. Ob an die 12 Apostel mit ihrem Meister an der Spitze, der dann von ihnen genommen wurde und sterben mußte, zu denken ist, oder gar an die musikalische Lösung, daß in der chromatischen Tonleiter der letzte, dreizehnte Ton ausfallen — sterben muß, weil er wieder zum ersten wird, wenn man die Reihe fortführt, oder was dergleichen mehr oder minder geistreiche Kombinationen und Erklärungen mehr sind — wer denkt darüber nach, wenn er sich dem unseligen Wahn überläßt? Wer denken will, der lege sich vielmehr die Fragen vor: Ist es eines vernunftbegabten Wesens würdig, solche Ungeheuerlichkeiten zu glauben? Die Männer aber, welche zu behaupten pflegen, daß die Wahrung und Pflege des Aberglaubens sich nur oder doch hauptsächlich bei Frauen finde, sollte man fragen, wie viele unter ihnen sind, die sich ohne Widerspruch in einem Gasthause die Nummer 13 anweisen ließe»; mau sollte darauf Hinweisen, daß infolge dieses lächerlichen, ja tief betrübenden Wahns eine große Zahl von Hotelbesitzern die Nummer 13 in ihren Zimmerreihen gar nicht führen oder dieselbe nur auf ausdrückliche Zustimmung eines Gastes demselben zuweisen. Um nun zum Judenthum zurückzukehren, so müßte, wenn man einer Zahl überhaupt irgend eine Vorbedeutung beilegen wollte, die Zahl 13 nicht als eine unglückbringende, sondern vielmehr als eine heilverkündende gelten. Ich erinnere nur an die bekannten 13 Glaubensartikel des Maimonides, an die 13 das Erbarmen Gottes verkündenden Worte des Wehu rachum und an die 13 Jahre, mit deren Erreichung der jüdische Knabe Bar-mizwoh — religionsmündig wird. Nicht blos Dienstmädchen vom Lande halten an dem Grundsatz fest: „Montag wird nicht wochenalt" und wollen an diesem Tage nicht einen Dienst antreten, sondern auch feingebildete Damen halten diese Tage insofern für einen Unglückstag, als sie lieber auf eine Reise ganz verzichten würden, als sie am Montag anzutreten. Und worauf gründet sich dieses Vorurtheil gegen den unglücklichen Montag? Was ich darüber sagen kann, ist Folgendes: In der Schöpfungsgeschichte (I. Mos. 1) steht bei jedem Schöpfungstage: „Gott sah, daß es gut war;" nur bei Montag fehlt dieser Zusatz. Wer nun aus diesem Umstande den Schluß ziehen will, daß Gott selbst dem Montag das Prädikat „gut" versagt habe, und derselbe also für ewige Zeiten als ein Unglückstag angesehen werden müsse, mit dem wollen wir über seinen starken Glauben nicht streiten: hört sich die Erklärung doch immerhin als ein Grund an; daß aber auch der Freitag bei Manchen als Unglückstag gelten soll, ist umsoweniger zu begreifen, als in der Schöpfungsgeschichte bei diesem Tage nicht nur wie bei Dienstag steht, „Ki tauw", daß es gut war, sondern sogar mit dem Zusatze „tauw maud" „sehr gut". Die beiden genannten Tage führen daher bei einigen religiösen Gebräuchen die Bezeichnung „Ki tauw". Noch viele Beispiele modernen Aberglaubens ließen sich Nachweisen; die angeführten werden aber genügen, darzuthun, daß der Aberglaube eines denkenden Menschen, insbesondere aber eines gläubigen Israeliten, durchaus unwürdig ist. Man sage auch nicht, solcher Aberglaube sei doch mindestens unschuldig. Das ist er durchaus nicht, abgesehen von so manchen geselligen und familiären Störungen, die oft durch ihn herbeigeführt werden. Nichts ist unschuldig. was die Leuchte, die der Allgütige uns in der Vernunft aufgestellt, zu verdunkeln im Stande ist; nichts ist unschuldig, was mit einer reinen Gotteserkenntniß, mit einem frommen Gottesglauben sich in Widerspruch setzt. EUILLETON Me Uose von Sarsn. Eine Erzählung. XIV. fie Lust wurde nach und nach abgekühlt, und die Sonne flammte röthlich auf die Zinnen der heiligen Stadt hernieder. Jetzt war die Arbeit des Tages geschloffen, denn noch diesen Abend begann der Sabbath, welcher das Fest der Wochen einleitete. Der Oelberg mit seinen üppigen grünen Pflanzungen bot einen lieblichen, friedlichen Anblick dar. Zwischen dem Hain von Oelbäumen ragte Zeruhas Hütte einsam empor wie ein stiller Einsiedler. Sonnenstrahlen, röthlich schimmernd, gaukelten über das Strohdach der Hütte hin und funkelten zwischen den Bäumen und in dem grünen Grase. Es war eine Szene voll Frieden, voll heiligen Waltens der Einsamkeit, es war, als lagere ein stilles Glück über der Landschaft, und als wucherten Häuser und Bäume im Bewußtsein dieses Glückes so frisch und so freudig empor. Außerhalb des eingezäunten Gartens Gethsemane stand eine düstere Gestalt an den braunen Stamm eines Oelbaumes gelehnt. Die finsteren Züge und der scharfe, wilde Blick dieses Mannes waren von schreiendem Kontrast zu dem friedlichen Ausdruck der Landschaft. Aber so war das Wesen des Propheten von Silo. Er neigte sein Haupt vorwärts, und seine Hände lagen über einander auf dem Knopf seines hohen Stockes. Statt den Blick nach den lieblichen Pflanzungen der Umgebung zu wenden, starrte der Prophet unausgesetzt nach Jerusalem hinüber, als erwarte er irgend etwas von dieser Seite.

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