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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-30 · Heft 39 (30.9.1898) · p. Seite 463

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 39 (30.9.1898)
Date
1898-09-30
Page
Seite 463 (sequence 7)
Language
German
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- 468 —— Fesefrüchte. Bo» Prof. Dr. Ludwig Geiger. cjh n einem sonst nicht verdienstlosen englischen Werk, das vor M einigen Jahren erschien und die bekannten Juden aller Länder Oö aufzählte, machte man auch den Versuch, Paul Heyse zu den Juden zu rechnen. Das ist nun freilich keineswegs richtig. Denn nur Heyses Mutter war ihrem Ursprung nach Jüdin, gehörte aber seit ihrer Jugend dem Christenthum an. Seiner Gesinnung nach jedoch gehört Heyse durchaus zu den freidenkenden, zu den freundlichen Männern. Manchem Leser dieser Zeitung dürfte eine Anekdote bekannt sein, die in München passirt sein soll. Dort lebte ein sehr bekannter Mann, der aus dem Judenthnm zum Christenthum übergetreten war, sich als Antisemit aufspielte und in Gegenwart Heyses stark auf die Juden loszog. Heyse, der das Geschimpfe nicht ertrug, unterbrach es nicht etwa dadurch, daß er den Redner auf seinen eigenen Ursprung verwies, sondern mit den feinen Worten: „Ich bitte Dich, lieber Freund, zu bedenken, daß meine Mutter Jüdin war." Diese Gesinnung tritt auch gelegentlich in dem eben erschienenen Bande Heyses „Neue Gedichte und Jugendlieder" (Berlin, Wilhelm Hertz) hervor. Das Buch ist nicht eigentlich ein Kampfbuch, obwohl es gelegentlich gegen die moderne Richtung in Litteratur und Kunst ernste Worte sagt, sondern eine Sammlung von lyrischen Bekenntniffen, epischen und dramatischen Versuchen. Es ist ein liebenswürdiges, frisches und freudiges Buch, das nichts von dem Greisenhaften und Weltabgeneigten vieler Modernen zeigt. Manches Satirische kommt darin vor, und gerade dies bietet die Veranlassung, der Sammlung in diesem Zusammenhang zu gedenken. Da ist zuerst ein längeres satirisches Gedicht: „Heine in Düsieldorf". Es schildert in köstlicher Weise eine Sitzung des dortigen städtischen Rathes, in der man sich über die Frage der Aufstellung des Loreley-Brunnens beschäftigte. Die wackeren Herren können sich nicht bereit erklären, ein Heine-Monument in ihrer Stadt aufzustellen, und wollen es lieber dem „Studentenhaufen" überlassen, „die Lieder des Juden zu plärren". Zeigt der Dichter schon in dieser Verspottung kleinstädtischen Treibens seine tapfere, vorurtheilsfreie Gesinnung, so tritt diese noch deutlicher in einer schönen Allegorie „Das Asylrecht" hervor, das der Dichter freilich durch die Nachschrift „Nach Herodot" als eine Nachahmung bezeichnet, durch die Aufschrift „Den Antisemiten gewidmet" aber als eine eigene Tendenzarbeit charakterisirt. Die Leser der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" kennen das Gedicht bereits aus Nr. 38., Jahrgang 1891 dieses Blattes. * * * In einer sehr bemerkenswerthen Rede „Volk, Staat, Sprache", die U. von Wilamowitz-Möllendorff am 27. Januar 1898 zum Geburtstag des Kaisers gehalten hat, führt der Redner den Gedanken aus, daß ein Volk weder durch die Sprache noch durch die Religion geschaffen und zusammengehalteu werde. Ohne die gelehrten und geistreichen Ausführungen im Einzelnen zu behandeln, sei der Hinweis auf eine Stelle gestaltet, die unsere Kreise interessirt. Es wird gezeigt, wie Antiochus Epiphanes versuchte, durch die hellenische Sprache und die hellenische Religion sein Volk zu retten, und in diesem Versuche scheiterte, und wie er für diese verfehlten Versuche in dem Andenken der Nachwelt als abscheulicher Tyrann fortlebt. Dann fährt der Redner fort: „Und doch sollten die Juden und solche Christen, die an dem Geist der Apokalypse Gefallen finden, ihm eigentlich danken; denn daß er mit ungeduldiger Gewalt die Juden hellenisiren wollte, Jerusalem eroberte und den Tempel Jahves dem Zeus weihte, hat in Wahrheit erst das Judentum zu unüberwindlichem religiösen Widerstande aufgerüttelt. HÄte er, wie seine Vorfahren, die gelinde Gewalt der hellenischen Kultur gewähren laffen, wer weiß, ob nicht dieses Volk und dieser Gott ebenso wie unzählige Andere langsam helleniflrt worden wären, was der Adel und die Hohenpriester schon mehr als zur Hälfte waren. Jetzt riß fie die Volksbewegung fort, und der nationaljühische Staat entstand. Auf die Sprache kam dabei wenig an. Sprachlich ging die Hellenisirung des Judenthums weiter, das sich erst nach der Zerstörung durch Titus künstlich die abgestorbene Sprache seiner Ahnen erneut hat. Aber ihre Religion hat aus der Zeit der Verfolgung durch den nationalen Fanatismus des Antiochos die Kraft geschöpft, Jahrtausende hindurch ihre Bekenner, einerlei, welche Sprache sie redeten, als eine eigene Raffe abzusondern." Eine andere Stelle der Rede ist wohl noch bemerkenswerther. Der Redner führt aus, daß der Staat weder die Kultur noch die Religion beherrschen kann, und er kommt nach einem Hinweis auf unsere Klasfiker und die von diesen geschaffene Kultureinheit zu folgendem Satz: „Wer diese Kultur bewußt oder unbewußt als ein Lebenselement in seiner Seele trägt, der ist ein Deutscher; Raffe, Sprache. Staatsangehörigkeit sind alle nicht entscheidend." Man sollte diesen Satz Jedem entgegenhalten, der den Juden, wenigstens Denen, die diese Bedingungen erfüllen, das Deutschthum abzusprechen wagt. Aberglauben. Bon S. Blumenau in Hannover. f en Aberglauben zu verurtheilen oder vor ihin zu warnen, sollte eigentlich den Bekennern des Judenthums gegenüber als überflüssig erscheinen; ein denkender und gläubiger Jude kann und darf ihm nicht huldigen, weil er dadurch sich in direkten Widerspruch setzt mit dem Glauben an den einzigen, gütigen und wahrhaftigen Gott — dem Grundgedanken des Judenthums. Selbst der berühmte Zauberer Bileam, der durch seine Zauberkünste und seinen Fluch Israel vernichten sollte, mußte sich als ohnmächtig bekennen und zugestehen: „Zauberkunst ist nicht in Jakob, nicht Wahrsagerei in Israel" (IV. Mos. 23. 23). Ein christlicher Bibelforscher der Gegenwart sagt hierüber u. a.: „Bei den Hebräern war der strenge Monotheismus der. Ausbildung phantastischer Vorstellungen von übernatürlichen Wesen auch günstig, und der Glaube an Dämonen erhielt seine Hauptnahrung, als das Judenthum mit der Lehre Zoroasters in Berührung gekommen war und aus derselben sich die ihm ursprünglich fremde Vorstellung vom Satan angeeignet hatte. Noch im Buche Hiob erscheint Satan als Einzelner unter den Söhnen Gottes in durchaus abhängiger und unselbständiger Stellung; dem späteren Glauben gilt er als Herr eines Reiches, des Dämonenreiches, die Dämonen sind seine Hausgenossen, seine Diener. . . . Der Götzendienst, dem die Israeliten von Zeit zu Zeit verfielen, hatte viele abergläubische Handlungen im Gefolge, und hauptsächlich wegen dieses Zusammenhanges unterlagen auch die letzteren dem schärfste» Verdammungsurtheil des mosaischen Gesetzes. Zauberei und Wahrsagerei war streng verboten (HI. Mos. 19, 26). Todtenbeschwörer und sogenannte „kluge Männer" sollten nicht befragt werden (V. 31): Denen, die sich an sie wandten, war der Tod gedroht (ui. Mos. 20, 6). Allein wie der Götzendienst nicht so völlig verdrängt wurde, i | i! j j i I

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