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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-30 · Heft 39 (30.9.1898) · p. Seite 460

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 39 (30.9.1898)
Date
1898-09-30
Page
Seite 460 (sequence 4)
Language
German
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460 die Furcht eines allgemeinen Kriegsbrandes schwinden läßt. Wenn der Westen nicht drohte, war es der Osten. Der bewaffnete Friede ist mit einem so großen Kraftaufwand für völlig unproduktive Zwecke verbunden, daß er in gleicher Weise Alle benachtheiligt. Es kommt hiüzu, daß der ganze Geist, der in diesem Zustande ausgeprägt liegt, mit einem aufrichtigen Streben nach wahrhafter Verbesserung der sozialen Verhältnisse in vollem Widerspruch steht. Aber wenn erst jene kolossalen Mittel der Gesellschaft auf die Bildung und Gesittung, auf die Nothstände der sogenannten arbeitenden Klassen verwendet werden könnten — wie anders müßte es da werden. Sie sehen, ich klage keinen Staat an, denn in der That kann kein einzelnes Glied der Völkerfamilie für sich aus jenen Zuständen heraus." ... Also auch Fürst Bismarck war ein Zionist! Diese Entdeckung hat vor fünf Jahren der seltsame Kauz Arnold Withe im „Newbery House Magazin“ nach den Mittheilungen eines „kontinentalen Staatsmannes" gemacht, und unsere Zionisten frischen die Erinnerung an jenen Artikel heute mit großem Behagen auf, obwohl wir erst jüngst Veranlassung hatten, eine entgegengesetzte Ansicht Bismarcks zu citiren. Der Kuriosität halber sei der Plan Bismarcks aus dem Jahre 1880, wie ihn Mr. Withe damals zeichnete, hier mitgetheilt: „Als die Vereinigung Deutschlands zu Stande gekommen war, trat die Judenfrage als eine brennende Frage in den Vordergrund. Bismarck unternahm es nun, sie zu lösen, er entwarf mit seinem charakteristischen Scharfsinn seinen Plan und fing an, diesen auszuführen, während er zugleich bemüht war, alle vorausgefehenen Hindernisse nach und nach aus dem Wege zu räumen. Der „eiserne Kanzler", wie Bismarck mit Recht genannt wurde, ließ sich von den zu erwartenden Schwierigkeiten nicht im Geringsten zurückhalten und hatte nur die Ausführung seines Planes in dieser Angelegenheit im Auge. Hatte er ja ein großes, aber in mehrere Theile getheiltes Deutschland vereinigt, und sollte er nicht auch im Stande sein, die zerstreuten Juden zu vereinigen, daß sie einen neuen Staat, wenn auch nicht im gelobten Lande, bilden? Doch wollte er den Juden selbst die Wahl des Landes überlassen, wo seine Idee realisirt werden sollte. Die Realisirung dieser Idee, meinte Mr. Withe, sei nur durch den plötzlichen Fall Bismarcks verhindert worden. Wäre er weiter am Ruder des Staates geblieben, so würde die von ihm mit großem Eifer, aber heimlich in Szene gesetzte antisemitische Bewegung solche feste Wurzel innerhalb aller Klassen der europäischen Bevölkerung gefaßt haben, daß all die reichen und armen Juden auf dem Kontinent sich in großer Verzweiflung befunden hätten und endlich zur Einsicht gelangt wären, daß ihre weitere Existenz in Europa ernstlich gefährdet sei. Dann würde in diesem tragischen Falle, zum Erstaunen der ganzen Welt, Bismarck wie ein veu8 ex machina erschienen sein und eine Konferenz der Gesandten aller Großmächte Europas berufen haben, worauf die Vertreibung der Juden, selbst derjenigen, die sich inzwischen getauft haben, nach Verlauf von einer Periode von fünf Jahren beschlossen worden wäre, obschon die englische Regierung wohl ihr Veto gegen diesen Beschluß eingelegt hätte. Dennoch würde es ein Ding der Unmöglichkeit gewesen sein, die Juden auf dem Kontinent länger zu beschützen, und Letztere würden dann wie aus einem tiefen Schlummer erwacht sein und eingesehen haben, daß nunmehr die Nothwendigkeit für sie eingetreten sei, einen separaten jüdischen Staat zu bilden. Des Verfassers eigene Worte hinsichtlich dieses Punktes lauten wie folHt: „Sie (die Juden) würden nun das Morgenroth einer neu einbrechenden Zeitepoche erblicken, einer Zeitepoche, die der Prophet Jesajah längst verkündet und wovon Napoleon geträumt hat. Da Erstere (die Juden) der barbarischen Politik Europas nichts als Haß zu verdanken haben, so werden sie selber aus eigenen Stücken anfangen, den Grund zu einem jüdischen Nationalstaate zu legen. Der glückliche Erfolg würde nicht ausbleiben, da sie alle jene Bortheile in reichem Maße besitzen, die dazu nöthig sind, — Rasse, Einheit, herrliche Traditionen, beträchtlichen Reichthum, festen Charakter und vorzügliche Denkkraft. Und sobald sie die Nothwendigkeit zur eifrigen Thätigkeit eingesehen haben, werden sie rüstig an die Arbeit gehen. Eine provisorische Regierung würde bald hergestellt und vom gesummten Volke Israel mit der Aufgabe betraut worden sein, für dasselbe ein neues Vaterland aufzufinden. Die jüdischen Staatsmänner würden diese Aufgabe nicht allzu schwer finden, und sobald das betreffende Land ausgesucht und in Besitz genommen fein wird, würde alles Uebrige von selbst folgen. Die reichen Juden würden ihren Reichthum und die Armen unter ihnen ihre Arbeitskraft mitbringen. Allerhand Fähigkeiten und Talente würden den nöthigen Raum zur Ausdehnung und Entfaltung finden; und ein Volk würde eng vereinigt und verbunden werden, das bis dahin nur durch die Sprache getrennt war. Der neue Staat würde auch alles besitzen, was zu einem glänzenden Erfolg erforderlich ist." Dieser außerordentliche Plan, meint Mr. Withe zum Schluß, nimmt sich wie ein halbvollendetes Bild aus und ist daher nicht ganz verständlich. Wäre Bismarck die leitende Kraft in Deutschland weiter geblieben, so würde er es in allen seinen Schattirungen ausgeführt und vollendet haben. Vielleicht kommt nun noch Moritz Busch und erzählt uns die genaueren Details dieses großen Planes. Am Ende hatte Bismarck ihn gar zu einer besonderen Stellung ausersehen in diesem neuen jüdischen Reich, da er ja einmal eine Orientfahrt gemacht und beschrieben hat. Daß Bleichröder zum König jenes Staates von Bismarck ausersehen war, versteht sich von selbst. Und ebenso natürlich wäre dann Mister Withe zum englischen Gesandten in Palästina ernannt worden. Bismarckschwärmern und Zionismusphantasten bleibe die weitere Ausschmückung des großen Planes Vorbehalten. In Stellung. Bon F. Haber. nd dann noch eins, Fräulein, sind Sie Jüdin?" „Jawohl, gnädige Frau!" „Ja, dann muß ich aber doch bedauern; eine Jüdin möchte ich nicht gern engagiren." Und damit war die Unterredung mit dem stellungsuchenden Fräulein erledigt. „Eine Jüdin möchte ich nicht engagiren." Und das sagte diese Frau, die doch selber Jüdin war. Ja, was würde sie dann erst bei Christen erfahren, wenn schon die Glaubensgenossen sich von ihr abwendeten, ihr ihr Judenthum, ihre eigene Religion zum Vorwurfmachten! Und weshalb dieses Vorurtheil, weshalb wies man sie nun schon zum dritten Mal ab zu Gunsten einer Genossin, die doch nichts vor ihr voraus hatte als die andere Religion? — Sie war aus guter Familie, hatte eine gute Bildung, war bescheiden und fleißig, besaß also alle für den Dienst erforderlichen Eigenschaften. „Jüdinnen sind immer so anspruchsvoll," meinte eine Dame; sie sprach allerdings nicht aus eigener Erfahrung, theilte aber doch diesen allgemeinen Glauben. So geht es Vielen. Und Damen, die sonst gern ihr Judenthum Hochhalten, denen kein Platz in der Synagoge für die Festtage zu theuer ist, macht es gar nichts aus, um dieses selben Judenthums willen arme Mädchen in wenig edler Weise ihrer traurigen Lage zu überlassen. Die öffentlichen Stellen sind ihnen mehr oder minder alle verschlossen, der Lehrerinnenberuf selbst privatim erschwert; was sollen sie also anfangen, wenn sie sich zu der feigen Fahnenflucht des Umtaufens nicht entschließen können? Hier wäre für die Schützer und Förderer des Judenthums ein Feld für ihre Thätigkeit. Sind es doch gerade jüdische Familien, die vielfach ein Fräulein für ihre Kinder ins Haus nehmen und häufig schlimme Erfahrungen dabei machen. Mögen sie nicht länger der Jüdin die Aufnahme verweigern und so die Schmach auf sich laden, den Glauben ihrer Väter als schimpfliches Brandmal anzusehen!

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