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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-30 · Heft 39 (30.9.1898) · p. Seite 459

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 39 (30.9.1898)
Date
1898-09-30
Page
Seite 459 (sequence 3)
Language
German
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-- 459 — Ein Komitee liberaler und freisinniger Bürger in Posen beschloß, als Landtagskandidaten für Posen den Justizrath Dr. Lewinski aufzustelleu. Dr. Lewinski ist nationalliberal. Diese Aufstellung erregt das Mißfallen Eugen Richters in der „Freisinnigen Zeitung" besonders aus dem Grunde, weil Lewinski Jude ist. Er knüpft daran die Forderung, daß kein Jude gegen die Freisinnige Volkspartei auftreten dürfe, weil diese für die Gleichberechtigung sei. Dieser Versuch, die Juden für eine bestimmte politische Partei zu engagiren muß entschieden zuriickgewiesen werden. Als Juden gehören wir gar keiner politischen Partei an, als deutsche Staatsbürger wählen wir unsere Parteistellung, wie es jedem Einzelnen Recht scheint. * Von gegnerischer Seite sind unsere Ausführungen über das Verhalten der deutschen Antisemiten in der Drehfus-Sache bekämpft worden. Und doch liegt der Kern der Frage offen und klar vor Aller Augen. Der Klerikalismus in Frankreich hat seine ganze Sache auf die Dreyfusangelegenheit und den Antisemitismus gestellt. Mit diesen Mitteln hoffte er zur Gewalt zu gelangen. Er weiß, daß die Dreyfussache auf Menschenalter hinaus seine letzte Kart« ist. Hat er diesen Trumpf vergebens allsgespielt, verliert er diese Partie, so ist er zermalmt, und kein heute Lebender wird seine Wiedererstehung sehen. Da er also alles zu verlieren hat, so ist er auch bereit, alles einzusetzen, um der drohenden Vernichtung zu entgehen. Die Nachricht von der Revision des Prozeffes war am Vecsöhnungstage eine tröstliche Botschaft, die uns den Sieg der Wahrheit und des Rechts auf Erden verhieß. Nicht also deshalb weil Dreyfus ein Jude ist, interessirtuns diese Angelegenheit in so hoheni Grade, sondern weil in Dreyfus das Judenthum getroffen und geschädigt werden sollte. Und darum müssen wir von unserem Standpunkt aus lebhaft wünschen, daß die Sache klargestellt werde. £ Ein merkwürdiges Land, dieses Zarenreich. Fast jede Woche bringt niehrere einander so scharf wie möglich widersprechende Nachrichten aus dem heiligen Rußland über die Judenfrage. Von einem einheitlichen Plan oder einem bestimmten Kurs ist längst nichts mehr zu merken. Während ein Telegramm aus Nischni-Nowgorod meldet, daß von tausend jüdischen, anläßlich der Messe dort eingetroffenen Kaufleuten über sechshundert polizeilich ausgewiesen worden sind, und zwar wegen Uebertretung sdes Ansiedelungsgesetzes, und daß ihre Maaren zu Schleuderpreisen verkauft wurden — eine Maßregel, die übrigens der ohnehin in den letzten Zügen liegenden Messe wenig förderlich sein dürfte — währenddem wird der „Times" aus Petersburg berichtet, daß die Idee zu dem Abrüstungsvorschlag des Zaren in einer Audienz des Staatsraths Bloch aus Warschau — eines getauften Juden — entstanden sei, und aus Kiew wird gar der folgende, sehr intereffante Vorfall gemeldet: Bei der vor wenigen Tagen erfolgten feierlichen Eröffnung des von Nikolaus II. begründeten Polytechnikums hielt der Gehilfe des Kommandirenden des Kiewschen Militärbezirkes, General Kossitsch, eine Rede, die von den freisinnigen Blättern Rußlands mit großer Genugthuung begrüßt wird. General Kossitsch tadelte in scharfen Worten die Hetze gegen die andersgläubigen Nationalitäten im Zarenreiche und sagte zum Schluffe: „Wir hoffen, noch mehr, wir sind überzeugt, daß wir unter der wohlthätigen Regierung unseres jungen, aber bereits große» Herrschers zu jener Einigung gelangen werden, bei der all« Angehörigen der verschiedenen Nationalitäten Rußlands sagen können: „Ja, ich bin ein Deutscher, ein Pole, ein Jude, zugleich aber ei« aufrichtiger russischer Patriot." Die liberalen Blätter erklären zu dieser Rede einstimmig, daß die Einigung aller Nationalitäten und Konfessionen der einzige Wunsch aller wahren Ruffen sei, die mn die Größe ihres Vaterlandes aufrichtig besorgt sind. Merkwürdig, sehr merkwürdig! & Ueber das Friedensmanifest des Zaren hat sich natürlich auch Graf Leo Tolstoi geäußert. Er meinte, daß die Menschheit drei Stufen durchzumachen habe, die des Krieges, des Fortschritts und der christlichen Liebe; wir befänden uns gegenwärtig in dem Uebergang von der ersten zur zweiten Stufe. Bei seinem Hervorheben der christlichen Liebe hat Tolstoi nicht bedacht, daß schon vor dritthalb Jahrtausenden Jesaias (II, 2—4) und Micha (IV, 1—3) ausgesprochen haben: „Es wird geschehen in der Folge der Zeiten, daß die Völker ihre Schwerter umschmieden zu Pflugscharen und ihre Sperre zu Winzermeffern: nicht wird mehr Volk gegen Volk das Schwert erheben, und nicht mehr lernen sie den Krieg." Treffend scheint uns von den Allsführungen Tolstois nur der Vergleich des allmäligen Aufhörens der Kriege mit der Abschaffung der Sklaverei, die man auch anfänglich für unmöglich erklärt habe. Aber auch das Aufhören der Sklaverei ist bereits durch das Judenthum in der ältesten Zeit angebahnt und bis zu einer gewiffen Stufe durchgeführt worden. Auch über den Krieg hat sich ein ganz auf dem Boden des Judenthums stehender Denker wie Ludwig Philippson in weit klarerer Weise geäußert: „Die wahre Energie des Menschen besteht in der Arbeit, der geistigen und körperlichen, in der Selbstaufopferung für Tugend und Pflicht, im Kampfe für Wahrheit und Recht, in der Selbstbeherrschung seiner Leidenschaften, und hierin allein werden die wahren Heldenthaten geübt. Die Folge des Krieges ist immer die Herrschaft der Gewalt; lange nach ihm regiert noch das Schwert, auch wenn es wieder in der Scheide steckt; Freiheit und Recht liegen Jahrzehnte danieder und werden in einem kriegerischen Volke nie fest Wurzeln fassen. Das Menschengeschlecht ist älter geworden. Es hat angefangen, seine Geschichte verstehen zu lernen. Die trügerischen Nebel, die diese umhüllen, weichen allmälig. Und so ersteht dennoch die Hoffnung, daß die Völker immer mehr einsehen werden, wie verabfcheuungswürdig der Krieg ist. Die Scheiterhaufen, auf denen die Ketzer verbrannt wurden, lohten noch einzeln bis in das gegenwärtige Jahrhundert hinein. Die sogenannten „Gottesnrtheile", die Folter, die Hexenprozesse sind Dinge, die am Rande der Zeit, welche wir die neuere nennen, noch mit blutigen Charakteren verzeichnet stehen. Sie sind den Menschen zum Abscheu geworden und haben keine Zukunft mehr. Ist darum der Gedanke zu kühn, daß dereinst auch die Entscheidung über das Geschick der Völker durch die Waffengewalt, verbunden mit der Tödtung zahlloser Menschenbrüder, mit Raub und Plünderung, daß dieser Krieg ebenso der Gefühlswelt der Menschen verabfcheuungswürdig werde wie Menschenopfer, Scheiterhaufen, Foltern und Hexenprozesse? Das Judenthum hat die großen sozialen Lehren des Mosaismus in sich ausgenommen und zu seinem Lebensinhalt gemacht. Wer solches Judenthum in sich ausgenommen, der kann nie für den Krieg sprechen oder schreiben, der wird stets mit aller Kraft und Begeisterung sich gegen ihn erheben. Der große Humboldt sagte einmal, daß er alle seine wissenschaftlichen Verdienste dafür hingeben würde, wenn er vermöchte, nur etwas zur Abschaffung der Sklaverei beizutragen. Ihr seid keine Humboldts, aber könntet Ihr beitragen, Europa den Frieden zu bewahren, so hättet Ihr unschätzbares Verdienst erworben. Prophet und Psalmist rufen uns zu: „Nicht durch Macht und nicht durch Heere, nicht durch Roffe und nicht durch Waffen, sondern allein durch den Geist Gottes und nach dem Willen Gottes." Am 20. Juni 1865 schrieb Ludwig Philippsou an einen Freund: „Wenn man die einzelnen Politiker wegen der Nothwendigkeit der sogenannten „Friedensheere" befragt, so werden sie heute auf diesen Staat und seinen Beherrscher Hinweisen und sagen: Wir dürfen nicht entwaffnen, so lange Jener nicht die Hand vom Schwert und in Europa

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