Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 39 (30.9.1898)
- Date
- 1898-09-30
- Page
- Seite 458 (sequence 2)
- Language
- German
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4ö8 So hat Moseh das Judenthum geordnet, daß Feste und Symbole, Formen und Bräuche in das ganze Dasein des Israeliten eingewoben sind, um ihn an seinen Ursprung und seine Pflicht zu erinnern. Freilich ist auch hier der Mißbrauch nicht ausgeschlossen; es kann das Ceremonialgesetz so ausgedehnt werden, daß es, statt den Weg zu Gott zu weisen, diesen Weg verstellt, daß es die Gläubigen ständig beschäftigt und zu den höheren Zielen des Lebens sie nicht kommen läßt. Wir schützen uns durch Kleider vor den rauhen Einflüssen der Luft, aber ein Uebermaß der Gewänder erhöht nur die Empfänglichkeit für diese schädlichen Einwirkungen und ist nur um so gefährlicher für unsere Gesundheit; so kann das religiöse Leben ersticken unter der Wucht einer gar zu großen Ceremonialsatzung, und zuweilen war das Judenthum auch von diesem Schaden bedroht. Jndeß diese Gefahr ist für die Menschen der Gegenwart keine besonders große. Diese allgemeinen Betrachtungen werden gerade am Sukothfest besonders in Uns angeregt, weil dieses Fest eine Fülle von Sinnbildern, von Ceremonien hat. Wenn wir die Heilige Schrift nach der Ursache des Laubhüttenfestes fragen, so erhalten wir die Antwort, weil Gott die Israeliten vierzig Jahre in Hütten hat wohnen lasten. Jndeß, eine geschichtliche Thatsache, über die Jahrtausende dahin gegangen sind, ist noch kein paffender Gegenstand einer religiösen Feier, die eine ganze Woche für sich in Anspruch nimmt, eine solche Fejer muß Bedeutung für die Gegenwart haben. Wenn wir den Geburtstag eines uns lieben Menschen feiern, so sagen wir allerdings: wir begehen den Tag festlich, an welchem diese uns werthe Persönlichkeit geboren worden ist, in Wirklichkeit feiern wir das gegenwärtige Glück, daß er unter uns lebt, daß wir uns im Moment seiner freuen. Und das gilt auch vom Sukoth der Gegenwart; das geschichtliche Ereigniß ist Anlaß, nicht Ursache. Gott, als den auch für das irdische Wohl der Menschen liebevoll Bedachten, feiern wir am Schluß der Ernte, und weil sich diese Vorsehung und Vorsorge dereinst besonders gewaltig in der Wüste gezeigt hat, als Gott die Israeliten in saatenlosem Lande vierzig Jahre erhielt, so knüpfen wir dies Fest der Ernte, des vorsorgenden Gottes, an dieses geschichtliche Ereigniß und nennen es das Fest der Hütten. Wie paffend ist da das Symbol der Hütte! Die Hütte hat für uns einen zweifachen und fast entgegengesetzten Sinn: einmgl liegt für uns in dem Wort der Begriff der Hut und des Schutzes und sodann der Begriff des Gebrechlichen. Und so sagt uns dies Symbol: dein Dasein ist eine Hütte, gebrechlich, wenn es auf deiner schwachen Kraft ruht; dein Dasein ist sicher und geschützt unter der Hut Gottes. Paßt dann das Symbol nicht vortrefflich zum Fest des vorsorgenden Gottes? Sodann der Feststrauß, durch den sich Sukoth auszeichnet. Sukoth ist ein Fest der Ernte; sehen wir uns in der Welt um, so fühlen sich meist nur die Landleute veranlaßt, den Schluß der Ernte freudig zu begehen; es hat fast den Anschein, als hätte nur der Bauer ein Jntereffe an dem Gedeihen der Saaten, an dem Glücke, daß die Erde ihre reichen Erträge spendet. Ist das Fest der Ernte aber wirklich nur für den Mann des Ackers bestimmt? Ziemt es nicht Allen, den Dank an Gott zu richten für den Segen der Flur, für die Fürsorge des Allgütigen? Darum ist Sukoth, das Erntefest, in Israel eine Reihe von Freudentagen für das ganze Volk. Wie seltsam ist der Strauß zusammengesetzt: da ist Etrog, die liebliche Frucht, sodann ein Palmzweig, Myrthen und Bachweiden. Wofür dankt man gemeinhin im Herbst? Dafür, daß die Erde Frucht gegeben hat; dann wäre aber der Etrog allein vollständig ausreichend gewesen. Jndeß, der Mensch hat reichere Ernte von der erzeugenden Natur als die, daß sie seinen Hunger stillt; sie erbaut seinen Geist durch ihre Erhabenheit, davon zeugt die Palme; fie erfreut durch lieblichen Duft, dafür spricht die Myrthe; ja die einfachste. an sich nicht besonders beachtete Pflanze schmückt den Raum; oder ist ein mit Weiden umhegter Bach nicht schöner als ein anderer, dessen Ufer kahl sind? Und zu einen« Strauß soll dieses alles vereinigt sein; denn schöner noch als die einzelne Erscheinung aus der belebten oder leblosen Welt ist die Natur in ihrer Gesammtheit, in dem steten Wechsel der verschiedensten Dinge. Sukoth zeigt uns den fürsorgenden Gott, der unser gebrechliches Dasein stützt und schützt, hält und hütet, der durch die erzeugende Natur nicht nur den Körper, sondern auch die Seele nährt und pflegt. Ein einfacher Gedanke, so einfach, daß wir ihn vergessen würden, wenn nicht eigentümliche Ceremonien und geistvoll gewählte Symbole ihn uns in Erinnerung brächten. Sie allein bewirken es, daß uns die Thora ständig neu erscheint und daß die einfache Wahrheit mit stets frischem Reize auf uns wirkt. Möge uns allen die Freude werden, die in der Hütte des Friedens wohnt. Me Woche. 8 Berlin, 28. September. ebereinstimmend wird in den Wahlaufrufen aller liberalen Parteien von der freisinnigen Volkspartei bis zur nationalliberalen die Gleichberechtigung aller Staatsbürger, aller Konfessionen, die religiöse Toleranz u. s. w. hervorgehoben. Es scheint also, daß alle Liberalen eine Gefährdung dieser Güter durch eine konservative Majorität fürchten. Was daraus folgt, haben wir schon wiederholt auseinandergesetzt. Und wie sehr berechtigt es ist, zur Vorsicht zu mahnen, geht schon daraus hervor, daß ein freikonservatives Blatt zu dem Wahlaufruf der Nationalliberalen bemerkt hat, daß ihr ablehnendes Verhalten gegen den Assefforenparagraphen „mehr aus äußeren als aus inneren Gründen hervorging". Welche äußeren Gründe sollten aber dazu veranlassen? Hat die Nationalliberale Partei etwa das Bedürfniß, ihren Säckel von Personen, deren Söhne Assessoren oder Richter werden möchten, füllen zu lassen? Hängen die Mandate der nationalliberale«« Abgeordneten von der kleinen Zahl Juden ab, die ihr Wahlrecht ausüben? Wie aber sollte eine Partei, die sich liberal nennt, den noch alle Zeit von jeder liberalen Partei hochgehaltenen Grundsatz der Gleichberechtigung aller Staatsbürger, ohne Rücksicht auf das religiöse Bekenntniß, verleugnen? Können nur „äußere" Gründe die Liberalen veranlassen, für die Gleichberechtigung aller Bürger einzutreten, wenn sie etwa befürchten, daß die Zeiten wiederkehren, wo man Juristen lediglich wegen ihres religiösen Bekenntnisses vor ihrer Beschäftigung im Justizdienst einen Schein abforderte, worin sie für alle Zukunft auf eine Anstellung im Staatsdienst verzichten? Als jüngst der Handelsrechtslehrer Levin Goldschmidt gestorben war, dessen Ernennung zum Reichs-Oberhandelsgerichtsrath Fürst Bismarck durchgesetzt hat, da wurde bei der Gedächtnißfeier daran erinnert, daß auch dieser Mann einst einen solchen Zettel hatte «mterzeichnen muffen. Sollten solche Scheine «vieder in Mode kommen oder Mode sein? Sollte vielleicht einer liberalen Partei zum Vorwurf gemacht werden können, daß sie daran Anstoß nähme, falls auch bei der Verleihung des Notariats Rücksichten auf das religiöse Bekenntniß genommen würden? Der Ausdruck, den der nationalliberale Wahlaufruf braucht, „religiöse Toleranz", ist übrigens ungenau. Von Toleranz, voi« Duldung kann nach den« heutigen Verfaffungsrecht nicht geredet werden. Dulden heißt beleidigen. Richtig ist nur der andere Ausdruck in dem Wahlaufruf: „Gleichberechtigung".