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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-30 · Heft 39 (30.9.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 39 (30.9.1898)
Date
1898-09-30
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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-WMWAM4MM WWWMWWW 62. Jahrgang. Nr. 39. Berlin» 30. September 1898. 8 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. I Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expeditionen Berlin! unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redaeterrrr Gustav Karpeles. | Begründet von Uabbiner -S*- Ludwig Philippson-Vonn. Verlags-Erpeditwn: Berlin, Äerufalemerstr. 48/49. I Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgein. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikelr Zum Laubhüttenfeste. — Die Woche. — In Stellung. Von F. Haber. — Zacharias Frankel in Berlin. VIII. Von Dr. S. Bernseld. — Lesefrüchte. Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. — Aberglauben. Von S. Blumen au. — Feuilleton: Die Rose von Saron. XIV. — Reisebriefe. IV. Von G. K. — Zum Hüttenfeste. Von Gustav Iacobsohn. — Litteraturberichte. Von Dr. M. Kahserling. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus der Provinz Pofen, Rawitsch, Bielefeld, Hagen, Diez a. d. L., Cannstatt, Wien, Budapest, Algier, Jerusalem. — Bon Nah nnd Fern. Jum Faubhnttenfeste. Berlin, 28. September. enn ein Meister voll Geist und Erfahrung einen Plan entwirft, nach welchem ein mächtiger und schönheitsstrahlender Bau sich erheben soll, so wird wohl der Kenner die Höhe des künstlerischen Vermögens nach dieser Zeichnung beurtheilen können, allenfalls wird auch ein. verständiger Laie sich ein ungefähres Bild machen können von dem Eindruck, den das fertige Werk Hervorbringen möchte; aber Beide werden übereinstimmen in der Meinung, daß noch die Hauptsache fehle: nämlich die Ausführung des Planes. Judeß gesetzt, ein Anderer führte den Plan aus, und es erhebt sich das Werk, welches das Auge des Betrachters fesselt und ihn entzückt, dann sagen wir wiederum: die Hauptsache war doch der Plan, dieses Blatt Papier, auf welchem der Meister den künstlerischen Gedanken festgehalten hat; die Herstellung verlangt kein Genie, nur ein tüchtiges, handwerksmäßiges Können. So lange die Idee des Bauwerkes nur noch auf dem Papier lebte, war uns die Ausführung das Wesentlichste; als sie in mächtigen Mauern verkörpert vor uns stand, trat wieder der Gedanke in seine geheiligten Rechte; denn dieser Gedanke, den der Geist des Künstlers geboren hat, er wäre wie von den Winden verweht. rasch vergessen und verloren worden; er hätte allenfalls, so lange er sein schattenhaftes Dasein auf dem Papier gefristet hätte, Einige angeregt, aber nicht die Masse der Menschen erweckt und begeistert; so fehlte ihm fast alles, da die Verkörperung durch Holz und Stein ihm fehlte; dennoch werden wir die Geburtsstätte des fertigen Werkes nur im Kopf des Denkers suchen und die praktische Leistung des Bauenden ungleich geringer anschlagen. Es ist dos ein Verhältniß ähnlich dem, wie es in der Religion zwischen Moral und Ceremonialgesetz besteht. Es ist richtig, Zweck und Ziel der Religion ist einzig: Gott erkennen und die Menschen lieben; eine klare Einsicht in das Wesen Gottes, ein gutes System der Moral enthält alles, was die Religion als ihre Aufgabe hinstellt. Wir haben keine anderen Pflichten als die, uns zu bilden und unseren Nebenmenschen zu lieben. j^ozu also die Reihe der Ceremonien, wozu die Feste, von denen uns doch ein, dunkles Gefühl sagt, sie seien so nothwendig für die Entfaltung aller edleren seelischen Keim«? Auch dem Mosch, dem großen Meister, welcher den Bau der jüdischen Religion aufgeführt hat, ist das sittliche Leben die Hauptsache, und die späteren jüdischen Gelehrten haben im Allgemeinen diesen Gedanken festgehalten. Bekannt ist der Spruch des Talmud: Größer ist, wer Gerechtigkeit übt, als Einer, der alle nur denkbaren Opfer im Tempel gebracht hat; denn es heißt: wer Recht und Gerechtigkeit thut, ist vorzüglicher denn der Opfernde. Die Thora ist, so sagen sie ferner, von Anfang bis Ende Menschenliebe; in dem Sündenbekenntniß, das wir am Jomkippur gesprochen haben, ist keine einzige Uebertretung des Ceremonialgesetzes erwähnt, und Jeder, der auf eine sittliche Lebensführung Werth legt, und gehörte er irgend einer beliebigen Religionsgemeinschaft an, könnte dieses Bekenntniß ebenso gut sprechen wie der Israelit. Es ist dies gewiß ein höchst merkwürdiges und hochbedeutsames Zeichen, wie innerhalb des Judenthums der Kern der Religion in einem sittlichen Wandel gefunden worden ist. Aber wäre Moseh nichts weiter gewesen als ein trefflicher Moralist, sein Name wäre wahrscheinlich nicht auf die Nachwelt gekommen, sein Werk würde nicht dauern und Segen spenden bis auf den heutigen Tag; mit guten Lehren allein wird keine Religion geschaffen, wird nicht die Begeisterung eines Volkes geweckt, dazu bedarf es eines festen und wohlgeordneten Gefüges von Ceremonien, wie es Mosel) und die späteren Weisen, je nach dem Bedürfniß der Zeiten, herstellten. Moseh konnte nicht nur die klugen Pläne ersinnen, er verstand es auch, die Werke zu errichten, die dauernd von seiner göttlichen Weisheit zeugen werden. Jeder hat Recht, der da sagt: Nicht die Ceremonien sind die Hauptsache in der Religion, ebenso wie jener Andere Recht hat, der da sagt: Nicht die Mauern sind das Wesentliche, sondern der Geist des Baumeisters, der den Rhythmus seiner Seele in den tobten Stein gehaucht hat; aber in diesem tobten Stein hat die flüchtige Idee des Künstlers die Form gewonnen, durch die sie zu späten Zeiten gelangt ist; durch das Ceremoniell, durch die Feste und ihre Symbole haben die herrlichen Lehren eines Moseh Macht gewonnen über ein ganzes Volk und sich durch die Jahrtausende fortgepflanzt. Wir leben im Raume, aber der Raum wird erst wohnlich durch Boden, Giebel und Mauer; so wird der Gedanke gehalten durch die Form, und wollten wir heute den sittlichen und gedanklichen Inhalt des Mosaismns aus den heiligen Schriften herausnehmen und die Formen schwinden lassen, wir würden binnen Kurzem vom Judenthum nur noch wie von einem Gewesenen und nicht wie von einem Lebendigen reden. Heute, wo der Bau dasteht, sagen wir, die Idee ist die Hauptsache, hätten wir nur die Idee, wir würden sogleich sagen, der Bm! ist das Wesentliche. i i >

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