Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 38 (23.9.1898)
- Date
- 1898-09-23
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228296--54917-3291092- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 gitterte vermöge seines Besitzes das Leben angenehm zu gestatten in der Lage war, auch des Minderbegüterten zu gedenken und sein redlich Theil dazu beizutragen, diesem den Kampf ums Dasein möglichst, zu erleichtern. Wir freuen uns, daß die derart geübte Humanität immer weitere Fortschritte macht, und daß in neuerer Zeit immer mehr Institutionen gegründet werden, welche sich die Fürsorge für Arme und Gebrechliche, die Wiederherstellung Kranker und schwacher angelegen sein lassen. Der stattlichen Anzahl segensreich wirkender israelitischer Heimstätten in deutschen Bädern soll eine neue angereiht werden: ein israelitisches Krankenheim für unbemtttelte Glaubensgenossen in Bad Neuenahr. Im Anfang des Juli d. I. befanden sich in genanntem Badeort einige unserer Glaubensgenossen, um sich von den Strapazen des täglichen geschäftlichen Lebens zu erholen; wie oftmals im Leben, brachte eine gemeinsame Idee auch diese Herren einander näher, sie nahm greifbare Gestalt an, und in Besprechungen und eingehenden Berathungen wurde die Ausführung des geplanten Unternehmens beschlossen. Am 11. Juli d. I. traten in Meyers Hotel in Bad Neuenahr die Herren Raphael Ettlinger aus Frankfurt a. M., Albert Krämer aus Mannheim, Bernhard Beermann aus Wörstadt bei Mainz, Benj. Marxheimer aus Wiesbaden und Leopold Fries aus Hamburg zu einem provisorischen Komitee zusammen. Aus eigener Anschauung sowohl wie auch auf Grund, an sich selbst erfahrener günstiger Resultate bezeichneten die Herren die Heilquellen von Bad Neuenahr als vorzüglich geeignet zur Heilung von Zucker- und damit verwandten Krankheiten und beschlossen in Anbetracht dessen, daß dem Bedürftigen unter unseren Glaubensgenossen der Gebrauch dieser Quellen bislang versagt ist, sofort ans Werk zu gehen und Mittel herbeizuschaffen zur Gründung eines Krankenheims. Eine unter den in Neuenahr anwesenden Glaubensgenossen vorgenommene Sammlung ergab den ansehnlichen Betrag von 1168 Mark. Am 18. Juli veranstaltete das Komitee ein Konzert. Die von allen Seiten dem edlen Unternehmen gewährte Unterstützung ermöglichte es, daß die ansehnliche Einnahme von 440 Mark erzielt wurde. In liebenswürdigster Weise hatte die Badedirektion den Kursaal gratis zur Verfügung gestellt, während namhafte Künstler und Künstlerinnen ihre Mitwirkung bei dem zu humanem Zweck veranstalteten Konzert nicht versagten. In einer am 19. stattgefundenen Sitzung wurde alsdann der „Verein zur Gründung eines israelitischen Krankenheims in Bad Neuenahr für unbemittelte Glaubensgenossen" ins Leben gerufen und in den Vorstand folgende Herren gewählt: Raphael Ettlinger - Frankfurt a. M., Moritz David-Bonn, Dr. S. Weidenbaum-Neuenahr, Bernh. Beermann-Wörftadt bei Mainz, Leopold Fries-Hamburg, Benj. Marxheimer-Wiesbaden, Albert Krämer- Mannheim, Moritz Friede jr.-Köln, A. Bähr-Ahrweiler. Inzwischen sind die Mittel des Vereins durch weitere Sammlungen auf mehr als 2000 Mark angewachsen. Soll aber der Verein seine hohe Aufgabe in nicht allzu ferner Zeit erfüllen, wozu nicht unerhebliche Beträge erforderlich sind, so muß an die Opserwilligkeit weiterer Kreise appellirt werden. Wir unsererseits hoffen, durch diese Zeilen dazu beitragen zu können, daß aus unserem geschätzten Leserkreise dem Verein zahlreiche Beiträge zufließen, zu deren Entgegennahme sowie zur Auskunftsertheilung jeder der obengenannten Herren gern bereit ist. M. Hamburg, 19. September. Die Beerdigung des Herrn Dr. John Liebeschütz, Stabsarzt d. R., der nach langem Leiden im besten Mannesalter im Freimaurer-Kranken hause verstarb, fand unter sehr zahlreicher Betheiligung auf dem israelitischen Friedhof in Ohlsdorf statt. In der Kapelle des Krankenhauses halten sich außer den Leidtragenden Oberst von Boemack, Hauptmann von Schouler, viele Militärärzte und Aerzte der Reserve, eine Deputation des Artillerievereins von Hamburg, Altona und Umgegend, dessen Mitglied der Verstorbene gewesen war, sowie eine größere Anzahl Aerzte eingefunden, um dem Todten die letzte Ehrung zu erweisen. Herr Prediger Dr. Leimdörfer hielt am Sarge des Abgeschiedenen eine tiefempfundene, zu Herzen dringende Ansprache an die Leidtragenden. Nach Schluß derselben wurde der nur durch eine schwarze Decke verhüllte Sarg aus den Leichenwagen gehoben, wobei die anwesenden Mitglieder des Artillerievereins Spalier bildeten und fich darauf unmittelbar dem Sarge anschlossen. Das Gefolge bestand aus zahlreichen Fußgängern und vielen Equipagen. Die Kränze und Blumenfpenden wurden nicht auf den Sarg niedergelegt, eine offene Kutsche mit Blumen angefüllt schloß den Zug. In Ohlsdorf angekommen, wurde der Sarg zu einer Trauerfeier in die Kapelle gebracht und nach Beendigung derselben in die Gruft gesenkt, über die Herr Dr. Leimdörfer den Segen sprach. Der Verstorbene, der nur ein Alter von 37 Jahren erreicht hatte, hinterläßt eine trauernde Wittwe und ein Kind. — Die Einweihung des Betsaales in dem neuen Siechenheim der deutsch-israelitischen Gemeinde fand in würdiger Weise statt. Zur Feier hatten sich Delegirte des Gemeindevorstandes und der übrigen Institutionen eingefunden. In dem mit Blumen und exotischen Pflanzen geschmückten Betsaal hatten sich außer den Ehrengästen der gefammte Vorstand und die Insassen des Heims eingefunden. Die Weihepredigt hielt Herr Oberrabbiner Hirsch, der den Segen Gottes erflehte für die Bewohner des Hauses, welches durch die Errichtung einer Gott geweihten Stätte die richtige Weihe erhalten habe. Mit einem Gebet für Kaiser und Reich sowie den Senat unserer Stadt schloß die wirkungsvolle Feier. Der gesangliche Theil der Feier lag in den Händen des Herrn Oberkantors Süßkind, der sich seiner Aufgabe mit gewohnter Meisterschaft erledigte. Verschiedene Gemeindemitglieder haben für den neuen Betsaal Thoravorhang, Altardecke sowie äußerst werthvollen Silberschmuck für die Gesetzesrollen gespendet. Lrrdlvigsburg, 12. September. Am 7. d. Mts. tagte im Hotel Deppinger zu Stuttgart die Plenarversammlung des Unterstützungsvereins israelitischer Lehrer und Vorsänger Württembergs. Die Betheiligung war diesmal eine besonders zahlreiche. Als Gäste waren anwesend die Herren Kirchenrath Dr. Kroner, M. H. Goldschmidt, Mitglied der kgl. israelitischen Oberkirchenbehörde, Bezirksrabbiner Dr. Stößel, Ernst E. Pfeiffer, sämmtlich in Stuttgart, ferner Rabbiner Dr. Straßburger aus Göppingen und Rabbiner Dr. Berlinger aus Braunsbach. Nach herzlicher Begrüßung der Gäste und Kollegen durch den Vorstand, Oberlehrer Stern-Eßlingen, erstattete der Kasstrer, Herr Metzger-Cannstatt, den Kassenbericht: Das Vereinsvermögen beträgt 51164 Mark. Bei der Tags vorher stattgesundenen Ausschußsitzung wurden an Unterstützungen 2800 Mark bewilligt. Die Zahl der Wittwen ist abnorm groß und dürfte beweisen, daß der Beruf des Lehrer-Vorsängers ein aufreibender ist. Die Konferenz behandelte das Thema: Unsere Lage und die Lage unseres Dienstes. Die eingebrachten Anträge wurden vom Vorstand und von Spatz-Affaltrach begründet. An der sehr lebhaften Debatte betheiligten sich die Herren Kirchenrath Dr. Kroner, Dr. Stößel, Preßburger-Creylingen, Eichberg- Sontheim, Uhlmann-Lauchheim und Andere. Herr Kirchenrath Dr. Kroner sprach in sehr herzlicher und wohlwollender Weise zur Versammlung und gab zu deren besonderer Genugthuung die Geneigtheit der königlichen Oberkirchenbehörde zu erkennen, die thunlichste Erfüllung berechtigter Wünsche anzustreben. Es wurde beschlossen: 1. die königliche Oberkirchenbehörde zu bitten, für die I. und II. Dienstprüfung der Vorsänger eine bestimmte Prüfungsordnung und eine mindestens dreigliedrige Prüfungskommission einzusetzen; 2. die königliche Oberkirchenbehörde dringend zu ersuchen, in thunlichster Bälde an die durch chas Gesetz v. 28. April 1828, Artikel 53, verlangte definitive Besetzung der bislang nur provisorisch versehenen Vorsängerstellen zu gehen und auch bei den hohen Oberschulbehörden dahin zu wirken, daß dieselben mit Rücksicht auf das Schulgesetz vom Jahre 1858, Art. 5 Ziff. l, erledigte israelitische Schulstellen definitiv besetzen. Diese Bitte wird um so begründeter erscheinen, wenn man weiß, daß 48 Prozent aller israelitischen Lehrer in unständiger Verwendung find; 3. die höhe Behörde zu bitten, daß sie Einleitung treffe a) zur Schaffung definitiver Religionslehrerftellen in den größeren städtischen Gemeinden, b) zur Abschaffung der als Ausnahmegesetz empfundenen Vorsängerwahlen; 4. im Hinblick aus das zur Zeit geltende konfesfionelle Bolksschulgesetz soll die Einrichtung israelitischer Volksschulen in den Städten als eine Forderung der Billigkeit erstrebt werden. Der bisher siebengliedrige Ausschuß wurde mit Rücksicht auf die bedeutenden Anforderungen, welche die Ausarbeitung einer umfassenden Denkschrift re. an ihn stellt, um zwei Mitglieder vermehrt. In denselben wurden berufen: Stern-Eßlingen, Schmal-Ludwigsburg, Metzger- Cannstatt, Straßburger-Buchau, Hähnlein-Hall, Preßburger-Creylingen, Spatz-Affaltrach, Uhlmann-Lauchheim, Frank-Wickersheim. Das gemeinsame Mittagsmahl, bei welchem der Bereinsvorstand das begeistert aufgenommene Hoch auf den König und die Königin ausbrachte und hervorhob, daß die Königin der Unterstützungskaffe alljährlich einen Beitrag zu spenden die Gnade habe, verlief, von verschiedenen Trinksprüchen belebt, aufs Angenehmste. Der Vorschlag des Schriftführers Schmal, die üblichen Neujahrsbegrüßungen fich gegenseitig zu erlassen, fand allgemeine Zustimmung.