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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-23 · Heft 38 (23.9.1898) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 38 (23.9.1898)
Date
1898-09-23
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Oesterreich -Ungarn. iH Wien, 19. September. Unsere Gemeinden in ganz Oesterreich und Ungarn haben in würdiger Weise die Trauer um die Kaiserin kundgegeben. In allen Tempeln der israelitischen Gemeinde wird durch dreißig Tage das Seelenlicht brennen, am Montag und Dienstag findet eine große Trauerfeier statt. Außerdem hat der Vorstand durch eine Deputation den Statthalter Grafen Kielmannsegg gebeten, seine Kondolation dem Kaiser ehrerbietigst auszusprechen. — In dieser Trauerzeit hat ein Attentat . unserer antisemitischen Gemeinderathsmajorität auf die Volksschule nicht die gebührende Beachtung gefunden. Der von der christlich-sozialen Gemeinderaths-Majorität be-* herrschte Wiener Bezirksschulrath hat nämlich ein Mittel erfunden, um das interkonfessionelle Volksschulgesetz zu umgehen. Da man keine * Hoffnung hat, konfessionelle Schulen einzuführen, begnügt sich der^ Wiener Bezirksschulrath vorläufig statt dessen mit konfessionellen Klaffen i in den Schulen. Der betreffende Erlaß, der an alle Schulleitungen er-L gangen ist, lautet: „Im Hinblick auf die mannigfachen Uebelstände^; welche sich in Hinsicht auf den Stundenplan aus dem Zusammensein 1 von Kindern christlicher und mosaischer Religion in einer und derselben Klaffe ergeben, findet der Bezirksschulrath der Stadt Wien sich, bestimmt, die Schulleitungen beziehungsweise die Lokal-Lehrerkonferenzett anzuweisen, in Gemäßheit des § 46 der Schul- und Unterrichtsordnung vom 20. August 1870 den obwaltenden Verhältnissen der Schule stets soweit als möglich Rechnung zu tragen und daher bei Bertheilung der Kinder in die Klaffen und Abtheilungen auch darauf ent-, sprechend Rücksicht zu nehmen, ob die einzutheilenden Kinder einey; christlichen oder der mosaischen Konfession angehören." Damit ist derj Antisemitismus ganz offiziell in den Wiener Volksschulen eingeführt. Da ausschließlich die jüdischen von den christlichen Kindern abgesondert; werden, ist dadurch ein neues Ghetto in den Volksschulen eingerichtet.- Der Bezirksschulrath hat aber damit seine gesetzliche Befugniß über-i .* schritten, und deshalb hat der Vorstand der Kultusgemeinde beiden^ Unterrichtsminister sofort Protest gegen diese Verfügung eingelegt. DerH Minister versprach, sich unverzüglich über diese Angelegenheit #uj informiren, und sicherte die schleunigste Behandlung derselben zu. —j Die Unruhen gegen die Italiener in Triest wurden von den dortiges Antisemiten auch gegen die Juden ausgebeutet. Die Demonstranten zogen vor das Redaktions-Lokal des „Piccolo" und bewarfen dasselbe mit Steinen unter fortwährendem Geschrei: „Nieder mit den Juden-I Nieder mit den liberalen Italienern!" Fast überall hörte man den Ruf: „Nieder mit den Juden! Hinaus mit den Jrredentisten!" erschallen. Bor dem Rathhause wurden sämmtliche Laternen mit Steinen; eingeschlagen. Das Judenviertel wurde gestürmt. Mehr als fünfzig Verhaftungen wurden vorgenommen. Antisemitische Deutsche habeÄ also die Slaven gegen die Liberalen gehetzt und rühmen sich dieser- Allianz mit den gefährlichsten Feinden der im Kampfe um die nationale! Existenz stehenden Deutschen Oesterreichs! — Am vorigen Montag gelangte vor dem Kassalionshof die Nichtigkeitsbeschwerde des Aufsehers; des jüdischen Friedhofes in Stryzow, Jacob Hagel, gegen daK Urtheil des Kreisgerichtes Rzeszow, durch welches derselbe wegen Religionsstörung zu einem Jahr schweren Kerkers verurtheilt wordenwar, zur Verhandlung. Hagel hatte gegen die Anordnung des Gemeinde^ funktionärs, der den Husaren den jüdischen Friedhof als Lagerplatz anwies, mit der Bemerkung remonstrirt, „derselbe möge die Pferde auf) dem christlichen Friedhof oder in der Kirche einstellen". Man erinnert sich noch der Aeußerungen des Staatsanwalts von Rzeszow bei der^ erstgerichtlichen Verhandlung, welche den Vertheidiger Professor; Dr. Rosenblatt zu der Entgegnung veranlaßten, daß solche Aeußerungetz sich sonst nur in der antisemitischen Hetzpreffe dritten Ranges finden- Die Nichtigkeitsbeschwerde war von Professor Dr. Rosenblatt aus^ geführt. Vor dem Kaffationshof hatte dieselbe Herr Dr. AlexaMey Mintz übernommen, welcher in seinem Plaidoyer die böswillige Absicht des Friedhofsaufsehers bestritt und deffen Aeußerung lediglich als einem allerdings in ungehöriger Form vorgebrachten Protest gegen die Ent-. weihung des jüdischen Friedhofes darstellte. Der Kassationshof unter Vorsitz des Senatspräsidenten Budzinowsky wies die Nichtigkeit beschwerde als unbegründet zurück und setzte in nicht öffentlicher Sitzung die Strafe auf zwei Monate Kerker herab. — Als die wichtigste Aufgabe, die das zionistische Aktionskomitee auf dem Baseler Kongreß übernommen Hai, wurde feierlich die Eroberung der Gemeinden proklamirt. Mit dem hiesigen Gemeinvevorstand soll der Anfang gemacht werden; bei den Wahlen, die im November für denselben stattfinden, will die zionistische Partei in Wien ihre erste Kraftprobe ab - legen. Man darf gespannt sein, wie dieselbe ablaufen wird. Von Nah -und Fern. ----- In dem parlamentarischen Handbuch haben nur vier Sozialdemokraten als ihre Konfession die jüdische angegeben, nämlich Singer, Wurm, Stadthagen hier und Rechtsanwalt Haase aus Königsberg. — Der Vorsteher der Krankenabtheilung des Instituts für Infektionskrankheiten, Profeffor Dr. Ludwig Brieger, ist zum Geheimen Medizinalrath ernannt worden. — Am 18. d. M. feierte der in weiten Kreisen bekannte Herr M. Guttmann, der 42 Jahre an der jüdischen Mädchenschule als Lehrer gewirkt hat, körperlich und geistig noch rüstig, seinen 80. Geburtstag. — Die Prozesse früherer Antisemiten gegen r ihre Freunde mehren sich. Jetzt zeigt der bisherige „Bundesmeister" des „germanischenVolksbundes (antisemitische Volkspartei)Hans v. Mosch an, daß er, da ihm die Berleumderei seiner früheren Bundesbrüder zu bunt geworden sei, gegen sechs Personen die Beleidigungsklage angestrengt habe. — In Ostrowo wurde Dr. Sam. Freund aus Ezarnikau einstimmig zum Rabbiner gewählt. — Der Fabrikbesitzer Isidor London in Mogilno hat den Kronenorden IV. Klasse erhalten. — An der Jacobson-Schule zu Seesen a. H. (berechtigte Realschule) fand am 19. d. M. unter dem Vorsitz des herzoglichen Regierungs-Kommissars, Gymnasial-Direktor Professor Dr. Brandes aus Wolfenbüttel, die Reifeprüfung statt. Acht Schüler der ersten Klasse bestanden dieselbe. — In Hamburg ist die Wittwe des früheren Oberrabbiners, Frau Jeanette Stern, eine fromme und edle Frau, im 67. Lebensjahre gestorben. Sie war die Tochter des sel. Chiefrabbi von England, Dr. Nathan | Adler. — Die israelitische Landessynode in Baden wird voraussichtlich auf den 17. Oktober einberufen werden. Die Verhandlungen dürften etwa vier Tage beanspruchen. Der Zeitpunkt der Einberufung ist übrigens noch nicht endgiltig bestimmt. — Rabbiner Dr. Samuel Funk, bisher in Sarajewo, wurde an Stelle des verstorbenen Dr. David zum Rabbiner in Preß bürg gewählt. — Jussuf Effendi Kriger, der Direktor der politischen Angelegenheiten im Vilayet Archipelegus, hat vom Sultan den Titel Exzellenz erhalten.— Professor Dr. Rosenstein in Leyden wurde von der Universität zu Edinburg zum Ehrendoktor der Jurisprudenz ernannt. — In einem Maueranschlag des katholischen Jünglingsvereins in Paris heißt es: „Wenn die Verräther jetzt den Krieg herbeiführen^ sollt Ihr wenigstens nicht an die Grenze marschiren, ohne vorher an den Juden und Judengenossen das Blut Eurer Brüder zu rächen, die in dem Kriege ihren Tod finden werden." — Der gegenwärtig in Montlu^on tagende Kongreß der französischen Arbeiterpartei faßte eine Resolution, worin der Antisemitismus, diese Abart klerikal-feudaler Reaktion, aufs Schärfste verurtheilt wird. — Der in Neapel verstorbene französische Generalkonsul Alexander Walewski war der letzte überlebende Sohn der berühmten Schauspielerin Rachel. Sein Vater war der bekannte Minister und Präsident des gesetzgebenden Körpers unter Napoleon III. Für den Generalkonsul hätten die Napoleoniden eigentlich Ursache, Trauer anzulegen; denn sein Vater, der Minister, war der natürliche Sohn Napoleons I. — Der Generalgouverneur Laferriöre soll den Führern der dortigen Antisemiten das Versprechen gegeben haben, daß er die Aufhebung der Cremieux'schen 'Erlasse, durch die den algerischen Juden das französische Bürgerrecht verliehen wurde, mit allem Nachdruck befürworten werde. Nous verrons! — Bei den Wahlen zu den Generalräthen in Algier wurden bisher nur Antisemiten gewählt. In Bona kam es zu Unruhen, zwei Personen wurden verwundet. — Der Major Solomon Elijah, der am 23. August in Poona starb, hatte mehr als 40 Jahre Dienstzeit hinter sich. Er stand zuletzt im 19. Bombayer Infanterieregiment, mit dem er an vielen Schlachten theilgenommen hatte. Er besaß auch die erste Klasse des Militärverdienst-Ordens. — Bei den letzten Wahlen zum Parlament in Neu-Süd-Wales wurden zwei Juden gewählt, John I. Cohen und S. Philipps. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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