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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-23 · Heft 38 (23.9.1898) · p. Seite 456

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 38 (23.9.1898)
Date
1898-09-23
Page
Seite 456 (sequence 12)
Language
German
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456 Es folgt nun die Fahrt über den Dunajec, die reizendste und romantischste, die man sich nur denken kann. Am Ufer, hinter^ einer Gruppe von prächtigen Linden, welche den Hafen bilden, be-' finden sich die merkwürdigen Fahrzeuge. Sie bestehen aus je zwei^. oder drei ausgehöhlten Baumstämmen, Einbäumen, die mit Weiden- - ruthen zusammengeflochten, mit schmalen Sitzbrettern versehen sind.. Jedes wird von zwei kräftigen Männern, Goralen, die mit ihren langen Ruderstangen und in ihren originellen Gewändern ein eigenartiges Bild gewähren, gesteuert. Die Fahrt durch die Dunajec- Schlucht dauert etwa zwei Stunden, um den zackigen Kronenberg herum, an einer Reihe interessanter Filsen und Berge vorbei bis zum Landungsplatz, von wo aus man bald zum Ziele gelangt. Dieses ist nämlich das Bad Sczawnica, das sogenannte polnische Karlsbad, das jährlich von über 3000 Badegästen besucht wird. Es gehört der Akademie der Wissenschaften in Krakau, und da dort hervorragende Statistiker sind, so haben diese ohne Zweifel gewiß schon genau berechnet, wie viele Nichtjuden unter diesen Badegästen sind. Die galizischen Juden stellen das Hauptkontingent zu den Badegästen; nichtsdestoweniger oder vielleicht gerade deshalb ist der Antisemitismus hier sehr verbreitet und sorgsam gepflegt. Schon auf der Fahrt bekam ich dessen einen Vorgeschmack. Der Fuhrmann fragte uns nämlich, wo wir in Sczawnica wohnen wollten. Ich nannte das Hotel, welches in beiden Karpathenführern als das erste genannt wird, das Hotel Gawronskiej. Nun hätte man das mitleidige Lächeln der beiden guten Kerle sehen sollen. „Medzi zydami!“ rief der Eine fast höhnisch, d. h. „Unter den Inden!" Er glaubte uns damit abzuschrecken, und er setzte seine Abschreckungstheorie auch noch fort, als wir im Bade selbst angelangt waren, und er uns den ersten polnischen Juden im Kaftan und mit Peies zeigte, indem er ausrief: „Zyd!“ Er glaubte, wir hätten einen solchen noch nicht gesehen. Ich will meine Leser nicht lange mit unfern Irrfahrten durch das Bad aufhalten, aber ich will nur kurz bemerken, daß das in beiden Karpathenführern als erstes Hotel gerühmte überhaupt nicht existirt, und daß jedes Hotel, an dem wir auf unserer mühevollen Fahrt vorbei kamen, behauptete, es sei das richtige Hotel Gawronskiej. Nicht unterlassen möchte ich es aber, bei diesem Anlaß noch zu bemerken, daß in einem der beiden Führer, der in dem Verlage: eines jüdischen Buchhändlers in Berlin erschienen ist, sich auf Seite 206 die lakonische, aber vielsagende Bemerkung befindet: „Daseinzige christliche Hotel nennt sich Martha!" Wir aber sangen: Martha, Martha, du entschwandest! und gingen nun doch in ein jüdisches Hotel, und zwar in das des Herrn Elias Lustig. Der Name war ja schon vertrauenerweckend. Allerdings entdeckten wir später, daß in demselben Hause und dicht neben dem Schilde unseres Hotels sich ein anderes befand, auf dem zu lesen war: Abraham Traurig, Schneidermeister. Nichtsdestoweniger waren wir sehr gut aufgehoben. Herr Lustig begleitete uns am Freitag Abend in die Synagoge, wo' wir ein Lecho daudi nach altpolnischer Manier hörten und unzählige Streimel bewundern konnten. Die anwesenden Chasstdim sahen uns zwar mit etwas scheelen Blicken an, aber die Hand des Herrn? Lustig waltete stark über uns, und so konnte uns Niemand etwas anhaben. Wir aßen nachher gute Sabbathfische und waren fehl? vergnügt, bis Herr Abraham Traurig in unsere Sabbathruhe' einen schrillen Mißton brachte durch die Erzählung von den letzten. Judenkrawallen in Neu-Sandec. Jetzt erst erfuhren wir, daß dieser liebliche Ort, der in den letzten Wochen so viel von sich reden gemacht, nur wenige Stunden von Sczawnica entfernt sei. Und nun war cs um unsere Ruhe geschehen. Auf Schritt und Tritt verfolgte uns das bleiche Gespenst des Hasses, und wir waren froh, als wir das schöne Bad, das der Haß der Menschen so unwirthlich gemacht hat, verkästen konnten. Ist Sczawnica das polnische Judenbad, so präsentirt sich dagegen Zakopane als das Modebad der polnischen Aristokratie. Kaftan- Juden sind dort fast gar nicht zu sehen, dafür aber, solche, die diesen zwar abgelegt und sich als Modestutzer geberden, die aber darum doch den heiß ersehnten Paffepartout zu der „christlichen Gesellschaft" noch nicht haben erlangen können. Als die charakteristische Signatur dieses Badeortes fiel mir in der Hauptstraße eine „christliche Bäckerei" auf. Ich kann aber nicht sagen, ob die Semmeln dort größer oder besser waren als in anderen Bäckereien. Die polnische Tatra ist von der ungarischen nur durch einen hohen Kamm getrennt, aber sie ist innerlich tiefer als durch Meere und Bergketten geschieden. Ich habe auf allen meinen ungarischen Fahrten nicht eine Spur von Antisemitismus bemerkt. In Galizien trat er mir auf Schritt und Tritt in der häßlichsten Weise entgegen, und ich war aus diesen wie aus vielen anderen Gründen^ deren Detaillirung mir meine Leserinnen aus bestimmten Schicklichkeitsrücksichten erlaffen werden, recht froh, als ich das traurige Skandalizien im Rücken hatte. 6. K. Fitterarischr Mitteilungen. ----- Es gereicht uns vor dem höchsten Festtag der jüdischen Ethik zur wahren Genugthuung, das Erscheinen des Werkes anzeigen zu können, das zunr ersten Male die Ethik des Judenthums vom Standpunkt der modernen Weltanschauung aus darstellt. Wir meinen das Werk von Professor Lazarus: „Die Ethik des Judenthums", dessen erster Band soeben im Kommissionsverlag von I. Kauffrnann in Frankfurt a. M. zur Ausgabe gelangt ist. Ein Buch, das unserer Wissenschaft und unserer Glaubensgemeinde zur Zierde gereichen wird, hat der berühmte philosophische Autor als ein Werk des reifen Lebensalters uns geschenkt, ein Buch, das die selten erkannte und vielgeschmähte Ethik des Judenthums zur allgemeinen Kenntniß und dadurch zu gebührender Achtung bringen wird. Möge es die Aufnahme finden, die ihm gebührt, und die es im Interesse der Wahrheit und unserer heiligen Sache erheischt! Indem wir uns eine ausführliche Besprechung des Werkes von fachmännischer Seite Vorbehalten, bringen wir die nachfolgende Mittheilung des verehrten Autors, die sicher in den betheiligten Kreisen mit großem Interesse ausgenommen werden wird, zur allgemeinen Kenntniß: Geehrte Redaktion! Bon meiner „Ethik des Judenthums", erster Band, sind soeben zwei Ausgaben erschienen, welche in jeder Buchhandlung zum Ladenpreis von 6 Mark und 3 Mark zu beziehen sind. Prediger jedoch, Kultusbeamte, Lehrer und Studenten, welche sich deshalb direkt an mich wenden, erhalten das Buch gegen 2 Mark Nachnahme franko zugesendet. Meran, Untermais. Lazarus. Die verehrlichen Redaktionen anderer Blätter sind höflichst gebeten, diese Nachricht im Interesse vorgenannter Kategorien ihrer Leser abdrucken zu wollen. Sprerhsaal. starrum — ißt!? in der Notiz des Herrn Dr. Chotzner in Ggr Nr. 37 dieser Zeitschrift bemerke ich, daß es unter diesem Schlagwort bei Ducange, GIoss. med. et inf. Latin, allerdings heißt: „Chirographum, vel instrumenlum, quo Judaei .pactiones suas rerumque transactiones conficiebant, apocha, scriptura, Charta, cujusmodi multo haberi hebraice conscripta in arceLondoniensi hoc titulo observant Watrius et Spelmannus“. Wien, 19. September. Dr. M. Güdemann. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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