Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 38 (23.9.1898)
- Date
- 1898-09-23
- Page
- Seite 455 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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jetzt leiseren Gemurmels erscheinen die menschlichen Gestalten wie Schalten aus dem Reiche, wo nur die Seele lebt. Und während da draußen in der weiten Welt neue Angriffe, neue hemmende Gesetze erlaffen werden — während die ganze Welt sich gegen ihn verschwört, steht der Jude in seinem Todtenhemd da, der Richtung zugewendet, wo seine Wiege stand, wo einst sein Tempel das Licht in die Welt hinausstrahlte, wo er seine zehn Gebote erhalten hat — und die Hand auf dem Herzen, mit dem Reste seiner voin Fasten fast vertrockneten Stimme, in die er sein ganzes Leid und seine ganze Klage einschließt, flüstert er: „Verzeih uns, vergieb uns, sühne uns!" Neisedriefe. in. Barlang-Liget, im August. ch nehme es keinem meiner Leser übel, wenn er nicht weiß, wo Barlang-Liget lieget. Ich habe es selbst nicht gewußt, bevor ich dort war. Jetzt aber weiß ich es und kann davon erzählen. Barlang-Liget heißt zu deutsch „Höhlen-Hain" und ist' eines der reizendsten Fleckchen Erde, die man sich nur denken kann, eine Sommerfrische in der ungarischen Tatra, die aus 28 Villen besteht und mitten im tiefsten Walde steckt. Es war eine stille Sommernacht, mild und klar, als ich durch die weite Zipser Ebene von der Stadt Bela nach Barlang-Liget fuhr. Mein Fuhrmann war, das hatte ich schon auf dem Bahnhof in Bela erkannt, ein Glaubensgenoffe, und zwar ein älterer, etwas schweigsamer Mann. Erst auf der Fahrt wurde er gesprächig und die Erzählung seiner Lebensschicksale war in der That so interessant, daß ich ihm gern aufmerksam lauschte. Er hatte einst bessere Tage gesehen und in ehrlicher, Jahrzehnte langer Arbeit sich ein Vermögen von etwa 50000 Gulden erworben. Dafür kaufte er sich ein Grundstück mit Feldern und Gärten. Eines Tages fand man auf einem seiner Aecker die Spu.r von Steinkohle und nun schien sein Glück den höchsten Gipfel erreicht zu haben. Er ließ Grabungen anstellen und grub und grub so lange, bis er sein ganzes Vermögen begraben hatte, ohne die ersehnten schwarzen Diamanten zu finden. Aber er verzweifelte nicht. Mit dem Rest seiner Habe kaufte er sich ein Pferd und ein Wägelchen, eben dieses, auf dem wir jetzt durch die laue ungarische Sommernacht dahinfuhren, und gründete sich damit eine neue Existenz. In seinen guten Tagen war er Vorsteher der jüdischen Gemeinde seiner Heimathstadt. Jetzt als Fuhrmann resignirte er von selbst auf diese Würde. Aber die Gemeinde verlieh ihm doch ein Ehrenamt in der Synagoge, denn er ist ein braver Mann, das hatte ich bald heraus, und als solcher wurde er nicht nur von seinen Glaubensgenossen, sondern auch von nichtjüdischen Mitbürgern geschätzt. Die häßliche Bewegung des Antisemitismus hat in jenen friedlichen Gegenden nicht Wurzel zu faffen vermocht, und es war geradezu rührend, wie mir mein Fuhrmann auf die Frage, ob auch der Pfarrer der Stadt, deffen Name mir schon durch eine Reihe historischer Arbeiten über die Geschichte der Zips bekannt war, ein Freund der Juden sei, von diesem ehrwürdigen Geistlichen zu erzählen anfing. „Das ist kein Galech, nur ein Malech," meinte mein Fuhrmann mit einem, ich weiß nicht, ob von ihm selbst erfundenen oder nachgesprochenen Wortspiel. „Wenn ich im Herbst, wo es weniger Fuhren giebt, manches Mal am Morgen etwas sorgenvoll auf dem Markt stehe und der Pfarrer sieht das von seinem Fenster aus, da ruft er inich sofort und sagt zu mir: „Lieber L., 455 - heute fahren wir wieder einmal nach Kesmark." Nun werden Sie wohl glauben, er hätte dort etwas zu thun. Gar nicht daran zu denken; er will nur mir etwas zu verdienen geben, und ich kann Ihnen sagen, er bezahlt mich nachher bester als der reichste Magnat." Vielleicht war es diese hübsche Erzählung, die mir die Einfahrt in das romantische Thal an glitzender Bäche Rand, zwischen hohen Bergen, von dichtem Wald umgeben, besonders interessant machte. Barlang-Liget selbst bot nur wenig Ausbeute für jüdische Interessen. Es ist ein Ruheplätzchen, wie es sich ein gehetzter Redakteur nicht schöner denken kann. Zeitungen kommen nur selten hin. Die Nachricht vom Tode Bismarcks erfuhr ich drei Tage später. Auch an geputzten Modedamen und Modeherren fehlt es vollständig im Revier. Es kommen bloß Diejenigen hin, die wirklich ausruhen und in Gottes herrlicher Natur leben wollen. Nur auf den verschiedenen Ausflügen, die man von Höhlenhain machen kann, hatte ich hin und wieder Gelegenheit, eigenartige jüdische Typen kennen zu lernen. In jedem Wirthshaus in der ganzen Zips ist der Wirth ein Jude, und zwar ein frommer Jude. Auf der Schwelle jedes Wirthshanses, auch im einsamsten Gebirgsdorf, begrüßt uns eine Mesusah. Dann kommen wir durch einen großen, allerdings sehr wenig einladenden Raum, der gewöhnlich von Schnaps trinkenden Slovaken gefüllt ist. Aber die Wirthin führt uns alsbald in ihr eigenes Wohnzimmer, welches sehr sauber, wenn auch primitiv eingerichtet ist, und wo uns fast regelmäßig ein Misrach, hier und da auch noch ein anderes jüdisches Bild freundlich begrüßt. Ebenso freundlich werden wir aufgenommen, und rasch gewinnen wir einen Einblick in das Leben dieser braven Leute, die hier am Rande aller Kultur oft 40 bis 50 Jahre schon Hausen, ohne den Sinn für das Höhere, das Interesse für das Geistige verloren zu haben. Fast in jedem Wirthshaus finden wir deutsche und hebräische Bücher: hier und da einen Jahrgang „Gartenlaube", einen Band Schiller und andere bunt zusammengewürfelte Bücher. Nur am Sabbath und Feiertagen leben diese Leute wirklich, d. h. sie gehen dann nach einer nahen Gemeinde, wo sie mit Glaubensgenossen zusammen sein können. Dabei vernachlässigen sie — und das ist das Merkwürdigste — die Erziehung ihrer Kinder keineswegs. Der Eine hat einen Sohn, der Arzt ist in Budapest, der Andere hat den seinen zu einem tüchtigen Landwirth gemacht, den ich selbst bei den Erntearbeiten beobachten konnte, der Dritte hat seinen Knaben auf dem Lyceum in Kesmark. Schon daraus kann man ersehen, wie hoch das geistige Niveau dieser wahrhaft einsamen Menschen ist. Eine weit ergiebigere Ausbeute für unseren Zweck als die ungarische bietet die polnische Tatra. Der Weg von Höhlenhain über den Bergrücken, welcher die Kalkalpen mit der sogenannten Zipser Magma verbindet, ist ein in jeder Beziehung interessanter. In jedem Augenblick wechselt das Panorama, und die wildromantischen, malerischen Schönheiten der Gegend treten überall hervor. Auf der Höhe des Rückens kommen wir bei einem weltverlorenen Wirthshaus an, wo wieder ein Jude uns begrüßt lind ein — natürlich streng koscher — improvisirtes Mittagbrod vorsetzt, das uns besser schmeckt als das schönste Diner daheim. Wir folgen nun der gut gehaltenen Komitatsstraße bis zu dem sogenannten rothen Kloster, welches von Karthäuser-Mönchen gebaut und von den Hussiten zerstört wurde. Eine Viertelstunde hinter dem rothen Kloster liegt das kleine Schwefelbad Smerdzonka, dessen Namen ins Deutsche zu übersetzen ich aus Rücksicht auf meine geneigten Leserinnen unterlaffen muß. Es gehört dem griechisch-katholischen Kapitel von Eperies, aber der Pächter und, soweit ich es beobachten konnte, fast die gesammte Badegesellschaft besteht nur aus Juden.