Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 38 (23.9.1898)
- Date
- 1898-09-23
- Page
- Seite 454 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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454 Nasmi, welche die Bewegung ResonS mit Erstaunen angesehen» fiel bei seinen letztm Worten mit zitternder Stimme ein: „Nein — ich bete für Dich, guter, treuer Reson!" Der Edomiter richtete einen fast traurigen Blick auf die Fürstin. „Stern von Edom," sagte er in tiefen Tönen, „Dank Dir für dieses Wort. Die große Mutter wird das Gebet dieser unschuldsvollen Seele erhören!" Der Edomiter erhob sich, indem er voll kindlicher Ehrfurcht die Hand der Matrone mit den Lippen berührte. „Lebt wohl!" sagte er dann, „mein Pfad führt gegen Moab und Edom, wo die Treuen warten. Es wird die Stimme des Aufruhrs von Edom hinüberschallen bis in die prangenden Säle Salomos, und ein edles Volk wird frei werden. Lebt wohl!" Der Edomiter wandte sich um, als ihn plötzlich die Hand Zeruhas berührte und ihn zu stehen bewog. Die Matrone sprach leise: „Harre nicht lange zu Jerusalem — hier bist Du geächtet und schwebst zwischen Leben und Tod!" Die Züge der Matrone waren von Angst beseelt, als sie diese Worte sagte. Reson blickte zum Fenster hinaus nach dem Stand der Sonne. „Es sind noch zwei Stunden bis zum Untergang des Tages. Wenn die Dämnierung von den Bergen niederstreicht, dann eile ich von hinnen." „Eile früher fort — harre nicht lange!" Reson war von der Angst der Matrone überrascht. „Meiire Treuen sind zwar bereits zurückgegangen," sagte er mit gedämpfter Stimme, „aber ich habe, eh' die Sonne untergeht, ein wichtig Geschäft zu vollführen." Die Matrone schlug die Hände fast schreckensvoll zusammen. „Harre nicht länger! Man wird Dich erkennen!" rief sie aus. Der Edomiter machte eine sorglose Geberde. Dann richtete er einen innigen Blick auf Naemi, welche die vorhergehende Szene mit stummer Angst betrachtet hatte. Hierauf schied er. wobei ihn die Matrone bis an den Ausgang der Hütte begleitete. Zeruha gewahrte mit Kopfschütteln, daß der Krieger weder die Straße nach Bethania noch nach dem Innern der heiligen Stadt einschlug, sondern am Bach Kidron das Thal Josaphat hinauf ging, an dessen äußerstem Ende die Gräber Sauls und Davids sich befinden. Die Matrone kehrte an Nasmis Seite zurück. (Forts, folgt.) „Verzeih uns!" Bon Wiera Nowikow. er herbstliche Wind treibt unermüdlich die welken, gelben Blätter über das holperige Pflaster eines kleinen, schmutzigen polnischen Städtchens. Es ist ein regnerischer, nebliger Morgen, unfreundlich und kalt wie das Nest selber. Eine lautlose Stille herrscht auf allen Plätzen und in allen Gaffen eine erschreckende Leere. Die kleinen baufälligen Häuser scheinen noch kleiner, ihre Farbe noch grauer als sonst, und ihre Bewohner verschwunden. Alles liegt wie im Zauberbann, kein Geschäft offen; kein Wagen wagt sich durch die Straße. Was ist das? Ist hier der böse Geist oder der gute Engel vorübergezogen? Was bedeutet der fahle Schein einer Kerze, welche sich fast aus jedem Fenster in das schwindende Tageslicht hinausstiehlt? Nichts ist geschehen! Die Fluchen des kleinen Flüßchens rollen langsam weiter, keine Unglücksrufe durchtönten die Luft, keine frohe Botschaft wurde verkündet, aber der Tag, welcher die große Apotheose des ersten Gottesglaubens in sich birgt, ist da — der Jude feiert heute sein größtes Fest, seinen Bersöhnungstag! * * * Und in seinem Bethause steht er heute in Demuth. Mit dem weißen Gewand, welches einst seine irdische Hülle zu bergen bestimmt ist, bekleidet, steht er gebückt da; sein Haupt bedeckt die gestickte Mütze, und die Hand ruht auf seinem Herzen. In wilder Ekstase beugt er sich vor dem Unsichtbaren, vor dem Großen, reuevoll blickt er empor zu Dem, von dem er Erbarmen zu erflehen hofft. Heute hat er alles Weltliche von sich abgestreift — vergeffen hat er die Verachtung, welche man ihm entgegenbringt, und den Haß, welchen man gegen ihn nährt. Verschwunden ist aus seinen Zügen die graue Alltäglichkeit, er denkt nicht an sein Elend, an die Noth, an die Verfolgung. Seine Gedanken weilen heute in den erhabenen Sphären, wo nur der Glaube sie hineinführen kann, er zittert vor dem Zorn des Allmächtigen und bekennt seine Schuld. Er fleht den Barmherzigen an um Verzeihung; wie ein liebend Kind wendet er sich an ihn und baut auf seine Liebe. Der Eine sieht hier wie der Andere aus, der große Schmerz ist auf jedem Gesicht ausgeprägt, heute ist ihnen das, was sie verloren haben, klarer als je. Zerstreut sind sie in der Welt, ausgestoßen aus ihrer Heiniath, und wandern müssen sie ohne Rast, nicht wiffend heute, wo sie morgen ihr müdes Haupt niederlegen werden. Gedemüthigt, die große Vergangenheit im Herzen, irren sie umher und tragen geduldig ihr Joch. Der göttliche Vater wird sie nicht verlaffen, sie glauben an ihn und beugen sich vor seiner Macht und seinem Urtheil. Und heute am Tage der großen Buße flehen sie ihn an, sie zu erhören, und mächtig, wie ein Orkan, steigt heute zu ihm aus tausend Kehlen der große, der erhabene Ruf: „Verzeih uns, vergieb uns, sühne uns!" * * * Und die Frauen, die da sitzen, rufen es nach! Sie sind sich der Bedeutung der Stunde weniger bewußt, aber sie fühlen, daß der Tag heute nicht gleich den anderen ist. Der Einen, die da sitzt, wurde ein hartes Loos beschieden: ihre Augen sind geschwollen und ihr Gesicht geröthet, sie hat schon an vielen solchen Tagen gebetet, nichts vermochte sie zu erflehen als immer schwerere Schicksalsschläge. Doch der Glaube an das Jenseits ist nicht von ihr gewichen — nicht einen Moment verzagt sie und verzweifelt, neidlos steht sie zu ihrer Nachbarin, die gedankenlos in dem Buche blättert, hinüber. Der große Schmuck, den Jene trägt, die kostbaren Steine in der glänzenden Fassung blenden sie nicht, dort oben hofft sie auf Gleichberechtigung, auf die Anerkennung ihres Märtyrerthums, und mit Begeisterung, wie verzückt stammelt sie: „Vergieb uns, verzeih uns, sühne uns!" * * * Die Sonne macht ihren gewohnten Pfad, sie hat ihren Zenith längst überschritten und neigt dem Untergang zu. Der Himmel ist jetzt wolkenlos, und der Mond zeichnet schon auf der anderen Seite seine Silhouette. Die letzten rothen Strahlen des sich verlierenden Lichtes beleuchten auch die blaffen Gesichter der immer noch Betenden. — Jetzt sind sie noch mehr gebückt und zerknirscht; jetzt haben sie bald ihre Beichte vollendet, und mit Bangen stehen sie vor ihrem Richter — und beim Schein der niedergebrannten Kerzen inmitten des