Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 38 (23.9.1898)
- Date
- 1898-09-23
- Page
- Seite 452 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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r - ' ^Zfr.-'^g^’ » - f”VV-*.$■* -~- i i^^w. ~L w ■* ,-*$ •’*•«^•'-<^r v 452 gründe, di« ebenso wie örtliche elementare Ereignisse, Dürre, Ueberschwemmungen rc. rc., jur Aufsuchling neuer Weidegründe zwangen und so nothgedrungen die ersten „Wanderungen" veranlaßten, die größere räumliche Trennungen und dadurch bedingte Entfremdung der ursprünglich zusammen hausenden Stämme zur Folge hatten. Auf diesen Wanderungen, die bereits in der Bibel erzählt werden, zogen die sogenannten semitischen Stämme nach Osten, die sogenannten germanischen oder indogermanischen (d. h. die in der Nachbarschaft der Semiten gewohnt habenden, bereits vom Indus zugezogen gewesenen Stämme) nach Westen. Naturgemäß entstand durch die Wanderungen mit wachsender räumlicher und zeitlicher Entfernung auch eine völlige Entfremdung und Auseinanderartung der ursprünglich einer Stammfamilie angehört habenden Volksstämme. Da die äußeren Existenzbedingungen des Menschen, wie Klima, Ernährung rc. rc., den hauptsächlichsten Einfluß auf die Gestaltung des individuellen Charakters ausüben; so ist es naturgemäß, daß auch die Germanen durch ihre Jahrhunderte lang fortgesetzten Wanderungen nach dem westlichen Europa manche ihrer ursprünglichen physischen und psychischen Eigenschaften umwandelten. Die Semiten kamen auf ihren Wanderungen nach Osten in fruchtbare, klimatisch begünstigte Länder und hatten wenig oder gar keine Schwierigkeiten im Daseinskämpfe zu überwinden; während die Germanen auf ihren Wanderungen nach Westen die klimatisch günstigsten Länder durch die vorangewanderten Kelten bereits besetzt fanden, wurden sie durch die mit ihnen ursprünglich ebenfalls vereint gewesenen und auch bei den Wanderungen in nächster Berührung gebliebenen, nachdrängend mitwandernden Slaven genöthigt, in den damals sehr unwirthlichen Gegenden des mittleren und nördlichen Deutschland sich niederzulaffen. In diesen Gegenden waren damals die Spuren der letzten Eiszeitperiode noch nicht gänzlich verwischt; denn es herrschte ein rauhes Klima in dem wüsten, mit unzähligen, ungeheuren Sümpfen und unzugänglichen, von wilden Thieren bevölkerten Urwäldern bedeckten Lande. Derartig ungünstige äußere Existenzbedingungen bereiteten den Germanen einen harten Daseinskampf, wodurch sie im Verlauf von Generationen an Ausdauer, Körperkraft und wilder Energie gewannen, die wiederum barbarische Sitten erzeugten, wie das Aussehen schwächlicher Neugeborenen, das wahrscheinlich allein der Härte des Daseinskampfes znzuschreiben ist und nicht mystisch-übersinnlichen Religionsvorstellungen, wie manche Kulturforscher annehmen. Solchergestalt mögen die meisten ursprünglich orientalischen Charaktereigenschaften der alten Germanen durch rauhes Klima und harten Daseinskampf mancherlei Umwandlungen erfahren haben. Außer diesem etymologischen Beweis giebt es noch einen anderen vollwichtigen Beweis für die ursprünglich nächste Nachbarschaft und wahrscheinlich sogar Stammesverwandtschaft der Germanen und Semiten, und zwar in der bis auf den heutigen Tag noch bestehenden Gemeinsanikeit bedeutsamer volksindividueller Charaktereigenschaften dieser jetzt leider so entfremdeten Völker. Es ist bekannt, daß die Israeliten in viele Stämme sich zersplitterten; eine Zersplitterung, die auch bei Gründung eines eigenen Reiches fortbestehen blieb und einen Partikularismus erzeugte, wie er in so exzesfiver Entwickelung bei keinem anderen Volke des AlterthumS, mit Ausnahme der Germanen, sich Nachweisen läßt. Dieser Partikularismus artete derart aus, daß er als eine der Hauptursachen betrachtet werden muß, die mit der Zeit den Ruin des jüdischen Reiches herbeiführten. Wer wollte leugnen, daß diese volksindividuelle Charaktereigenschaft auch den Germanen alter und neuer Zeit in höchstem Grade eigen war — und noch ist! Läßt sie sich doch durch die ganze historische Entwickelungsgeschichte der Germanen bis auf unsere Tage klar erkennen lind ist unter uns Deutschen heute noch inlebendigster Bethätigung. Wie die jüdischen Stämme, kämpften auch die germanischen Stämme unter einander und rangen um politische Bedeutsamkeit und Führung. Der durch nationale Zersplitterung erzeugte exzessive Partikularismus brachte uns Deutsche oft genug in politische Ohnmacht, die, von anderen Nationen zu unserem eigenen Schaden ausgebeutet, uns häufig genug unter das Joch der Fremdherrschaft beugte. Die partikularistischen Kämpfe um die nationalpolitische Macht und Führung der Jahre 1864, 1866 und 1870/71 sind noch in frischer Erinnerung. Dem die Entwickelungsgeschichte der Menschen objektiv betrachtenden Denker erscheint auch der Semitenhaß der verschiedenen Epochen in ganz anderem Lichte, als die allgemeine Betrachtungsweise dies ermöglicht, und er versucht, die Herkunft dieses Haffes an der Hand der menschlichen und Völkerpsychologie zu erklären und auf hieraus sich ergebende natürliche Ursachen zurückzuführen. Nachdem das jüdische Reich zerstört war, und die Juden in alle Welttheile sich zerstreut hatten, verfielen sie, wie jedes heruntergekommene Individuum oder Volk, bei den beffer gestellten Nationen in Mißachtung und Verachtung, woraus der Haß sich alsdann entwickelte; denn Haß entwickelt sich aus Verachtung wie Liebe aus Achtung. Der mittelalterliche Judenhaß wurde neben der nationalen und individuellen Judenverachtung noch durch religiösen Fanatismus und daraus hergeleitete Borurtheile genährt, während der moderne Semitenhaß unserer Zeit darauf zurückzuführen ist, daß man die früher verachteten Juden seit ihrer Emanzipirung als in die Rechte der Germanen eindringende Emporkömmlinge betrachtet, die den Wettbewerb im Erwerbsleben, auf geistigen Gebieten und öffentlichem Leben durch ihre Erfolge stark verschärfen. Wer den Semiten unedle Charaktereigenschaften, wie List, Verschlagenheit rc., als ihnen anhaftende volkscharakteristische Besonderheiten andichtet, der sieht durch die häßlich trübende Brille anererbter sozialer Borurtheile. Die Verschlagenheit, List und Tücke unter den alten Germanen ließ nichts zu wünschen übrig; man betrachte nur einmal mit objektivem Blick die Zustände der alten Zeit. Hatte doch zum Beispiel der stark idealisirte Cheruskerfürst Armin, der Befreier der Germanen vom Römerjoch, seine Erfolge nur durch Hinterlist und Verschlagenheit errungen. Seine heldenhaften Thaten wurden ihm von seinen Stammesgenoffen mit schnödestem Undank gelohnt, bis man ihn sogar heimtückisch ermordete, weil er angeblich nach Oberherrschaft strebte. Derartige Beispiele zur Beleuchtung altgermanischen Volkscharakters ließen sich in Menge anführen; es genüge, nur noch darauf hinzuweisen, daß die jetzt noch vorhandene sogenannte „Bauernpfiffigkeit" ein fortererbtes Konglomerat von List, von Tücke und Verschlagenheit des altgermanischen Volkscharakters ist. Der moderne Antisemitismus steht in Widerspruch mit dem Bildungsfortschritt unserer Zeit, entstammt durchaus unedlen, rohen Charaktereigenschaften und ist das bereits im Absterben begriffene Rudiment einer noch nicht ganz verschwundenen Zeit, in der Unwissenheit und menschliche Bosheit die üppigsten Blüthen trieben.