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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-23 · Heft 38 (23.9.1898) · p. Seite 451

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 38 (23.9.1898)
Date
1898-09-23
Page
Seite 451 (sequence 7)
Language
German
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-- 461 Denker vermuthen, wer es ahnen können, daß der armselige Krämer, der, keuchend unter seiner Bürde, seine Waaren zu Markte trug, in feinen Mußestunden über großen Folianten brütete, an scharf zugespitzten Diskussionen sich ergötzte? Erst mit dem Sturme, den die deutsche Reformation heraufbeschwor, kam die rabbinische Litteratur zu Ehren. Der Protest gegen die herkömmlichen Anschauungen der Kirche mußte den denkenden Theil der christlichen Gesellschaft auf die ältesten Urkunden des Christenthnms und in weiterer Konsequenz auf das jüdische Schriftthum zurüüführen. Erst schüchtern, dann immer dreister inachten sich christliche Gelehrte an das Studium des Hebräischen und Rabbinischen heran, drangen in die jüdische Litteratur ein, und je tiefer sie eindrangen, desto mehr schwand ihr altes Vorurtheil, desto höher stieg dieses Schriftthum in ihrer Achtung, und desto lalitcr verkündeten sie es der Welt, daß es gekannt zu sein verdiene. Aber die Worte der Gelehrten dringen nicht in die Masse, bei der wir noch heute das alte Vorurtheil leider gar zu oft antreffcn. Es ist das bedauerlich, tief bedauerlich, aber wundern darf sich das heutige Israel darüber nicht. Oder wollen wir im Ernste uns darüber beklagen, daß man uns draußen die Anerkennung versagt, wenn wir sie im Innern, wenn wir sie in unserem eigenen Lager so selten antreffen? Was weiß denn unsere Jugend noch von unserem Schriftthum, was von der schöpferischen Kraft des jüdischen Geistes? — Doch wie? hat Israel zu denken etwa aufgehört, hat seine wissenschaftliche Begabung es verlassen? Gewiß nicht, Israel denkt heute noch, lernt vielleicht niehr als zu allen anderen Zeiten, aber der große Unterschied zwischen einst und jetzt liegt darin: Unsere Väter lebten, um zu lernen, wir lernen, um zu leben. Unser Studium ist zuni Brodstudium geworden, unsere geistigen Fähigkeiten sind zu Rechenpfennigen herabgesunken. Wer kennt nicht die Art, wie unsere Kinder erzogen werden? Man schickt sie in die öffentlichen Schulen, hält ihnen Hilfslehrer, welche sie von einer Klaffe in die andere hinüberdrillen, doch wenn es sich um die Kenntniß des Hebräischen handelt, dann fragt der praktische Vater, wozu dies seinem Kinde nützen, dann lamentirt die zärtliche Mutter, daß ihr Liebling überangestrengt werden könnte. Nun fragen wir, was ein derartig erzogener Jüngling, wenn er in die Welt tritt, mit seinem Judenthum eigentlich anfangen soll? Jenem „ewigen Juden" gleich, keucht er unter der Last seines Lebens, unter der Bürde, die mit der jüdischen Geburt ihm anhaftet. Denn was er draußen im Leben über das Judenthum erfahren hat, ist wenig schmeichelhaft für ihn. Nichts als Tadel und Geringschätzung. Da tritt ein jüdischer Knabe , in die Schule, und gleich das erste Mal, wie er vom Lehrer aufgerufen wird, fühlt er sich verletzt: Der Unglückliche heißt Abraham oder Moses, und die ganze Klaffe lacht. Was nützt es, daß er in der Religionsschule erfährt, daß Abraham und Moses gerade gar so schlechte Menschen nicht waren, daß es eine Schande wäre, ihre Namen zu tragen? — Die stets sich wiederholenden Schmähungen wirken doch mächtiger als die Erinnerungen aus der Religionsschule, oft auch mächtiger als die eindringlichsten Lehren selbst der frömmsten Eltern. Diesem Uebel abzuhelfen ist in unserer Zeit um so dringender nothwendig, als unsere Gegner ihren Schmähungen eine Art wissenschaftlicher Grundlage zu geben und ihre Anwürfe mit Hilfe gefälschter Geschichte zu rechtfertigen bemüht sind und so unsere eigene Jugend beeinfluffen. Wir müsse» daher mit Freuden die Thatsache konstatiren, daß das Streben jüdischer Gelehrter, die Juden über das Judenthum zu belehren, imnier lebhafter sich geltend macht, und daß in demselben Maße die Zahl Derjenigen, die lernen wollen, sich vergrößert. Die jüdischen Litteraturvereine, die jetzt aller Orten entstehen, bilden den beredtesten Beweis dieser neuen Strömung, und wir zweifeln nicht, daß dieselben viel dazu beitragen werden, das jüdische Selbstbewußtsein zu heben, daß sie, indem sie das Verständniß für die Vergangenheit wecken, der Jugend Trost für die Gegenwart und Hoffnung für die Zukunft einflößen und so es bewirken werden, daß unsereKinder keine „ewigen Juden", wohl aber ewig Juden bleiben. Are ursprüngliche Heim all) der Germanen. Von N. Grodtzinski. VI/Ä/it dem Hinweis darauf, daß die Germanen ein indo- S$Vly germanischer Volsstamm seien, ist für deren ursprüngliche Herkunft eigentlich nichts bewiese», weil auch semitische Voksstämme, wie Araber, Chaldäer, Israeliten rc. rc., ursprünglich zur indogermanischen Völkerfamilie gehörten. Betrachtet man das Wort „Germanen" nach seiner etymologischen Herkunft, so findet sich, daß dieses Wort aus zwei Wörtern semitisch-indischen Ursprungs zusammengesetzt ist: aus Ger und Manen. Ger ist ein semitisch-jüdisches Wort und bedeutet „Fremder", womit die Israeliten alle Angehörigen anderer Stämme und Völker bezeichneten, selbst wenn solche in ihrer nächsten Nachbarschaft wohnten. Diesem Worte sprachverwandt ist auch das türkische Wort „Giaur" (Fremder oder Ungläubiger; beide Begriffe identifizirt der Türke); ebenso dürfte eine spätere Ableitung der Wörter Ger und Giaur das dem keltischen entstammende französische Wort guerre (Krieg) ergeben haben. Die Wörter Ger und Giaur wurden mit höhnischem Ausdruck gebraucht und waren im Alterthum wohl gleichbedeutend mit Krieg, d. h. Streit; denn bei Begegnungen mit fremden Stämmen gab es in der Urzeit stets Streitigkeiten und Kämpfe. Das zweite Wort Manen stammt ab vom indischen „Manu", ein Wort, mit dem die alten Inder eine Gottheit bezeichneten, die als Stammvater des Menschengeschlechtes galt. Aus diesem indischen Manu leitet sich her das germanische Mannus; der germanisch - göttliche Stammvater der Menschen. Aus Mannus ist abgeleitet das Wort Mann, Männer; Mauen, Mannen im Mittelalter allgemein gebräuchlich gewesen. Richtig übersetzt heißt das Wort Germanen „fremde Männer", und da dieses Wort semitisch-indischer Herkunft ist, dürfte es zweifellos sein, daß Germanen und Semiten in grauer Vorzeit in nächster Nachbarschaft zusammen gewohnt haben, und daß die Germanen das Wort Ger von den Israeliten oder stamniverwandten Semiten angenommen hatten. Die als älteste Urkunde der Menschengeschichte in der Bibel enthaltenen Aufzeichnungen besagen, daß von den Söhnen Noas die ältesten verschiedenen Volksstämme abstammten; von Sem die Semiten, von Ham und Japhet die sogenannten Jndogermane»; d. h. die vom Indus stammenden oder zugezogenen fremden Männer, wenn man das Wort Jndogermanen aus seinen Ableitungen richtig 'übersetzt. In grauer Vorzeit mögen die ältesten Volksstämme so lange friedlich neben einander und mit einander zusammen gehaust haben, als die geringe Bevölkerungszahl und ausreichende Weidegründe den als Nomaden lebenden Stämmen eine ungestörte Existenz ermöglichten. Mit zunehmender Vermehrung der Stämme und ihrer Viehheerden entstanden alsdann Streitigkeiten um die besten Weide-

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