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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-23 · Heft 38 (23.9.1898) · p. Seite 450

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 38 (23.9.1898)
Date
1898-09-23
Page
Seite 450 (sequence 6)
Language
German
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450 W samimffi merkte nichts von der wilden Jagd der Zeit, die über seinem Haupte dahinzog." Ja, die Liebe zum Wissen, der Hang zum Grübeln und Forschen ist eine Eigenschaft, die von dein jüdischen Wesen unzertrennlich ist» und mit Recht lassen wir täglich unsere Kleinen beten: „Eine Lehre hat uns Mose gegeben, sie ist ein Erbtheil der Gemeinde Jakob". Denn Religion haben alle Völker, eine Lehre hat aber Israel. Denn was man gewöhnlich unter Religion zu verstehen Pflegt, wie wenig ist das im Vergleich zu der Fülle des Begriffes, welchen Israel mit seiner Lehre verbindet! Fragen wir die Völker des Alterthums, was sie unter Religion verstanden hätten, so erhalten wir die Antwort: „Religion ist eine Summe von Formeln, ein mehr oder weniger komplizirtes Ritual, wodurch man Gott verehrt". Seit der Ausbreitung des monotheistischen Gedankens ist freilich der Begriff tiefer gefaßt und wesentlich erweitert worden, indem zu der bloßen Form der Gottesverehrung noch das ethische Moment, die Nächstenliebe, hinzugetreten ist. Das Erste, die bloße Forni, heißt in der Sprache unserer Väter rni22 „Gottesdienst", das Zweite, die Nächstenliebe LNVN „werkthätige Liebe"; aber das Judenthum kennt noch ein Drittes, denn auf drei Dingen, sagen unsere Weisen, beruhe die göttliche Weltordnung, und davon sei das Erste mm sdie Lehre. Für Israel gab es keinen Gottesdienst ohne Lehre, keine Andacht ohne Belehrung. - Ja, Israel hat in seinem so reichen theologischen Sprachschätze nicht einmal einen gebräuchlichen Ausdruck für „Bethaus".') Denn was wir heute Bethaus nennen, das hieß bei unseren Alten fiD32il ITO (oder aramäisch xntWD fri) „Versammlungshaus", dem auch die griechische Uebersetzung „Synagoge" entspricht, und noch heute, wenn der deutsche Jude beten geht, geht er nicht ins „Bethaus", sondern er geht „nach Schul", d. h. in die Schule. Denn die jüdischen Gotteshäuser, flDJ2nrP2 oder „Synagoge", deren Bestand weit in die Zeit vordem Untergange des Tempels hinaufreicht, waren in erster Linie Lehrhänser, Lehrhänser nicht für Kinder, sondern für Erwachsene. Lehrhäuser für die Gemeinde. Darin bestand eben der jüdische Gottesdienst, daß man die heiligen Schriften las und kommentirte und ihren Inhalt durch geist- und gemüthvolle Vorträge erweiterte. .12 *621 H2 *! srn rn “[2,"! „Forsche nur fleißig, du wirst alles darin finden", das war die Losung gegenüber der „Lehre", die, weil sie niemals als abgeschlossen, niemals als erschöpft galt, die Geister stets anregte, immer mehr in ihre Tiefen einzudringen, immer Neues, immer Vollkommeneres aus ihren Worten herauszulesen. „Forsche Tag und Nacht darin", so mahnt, hinweisend auf die Lehre Moses, ein altes Bibelwort, und wahrlich, Israel hat diese Mahnung verstanden und hat auch diesem seinem Verständnifle für geistige Beschäftigung ein klassisches Denkmal gesetzt: Was war Moses nicht alles für Israel! Der Befreier aus schmachvoller Knechtschaft, der Führer durch die Wüste, der Eroberer des Landes diesseits des Jordans, er war sein Sprecher, sein Helfer, sein Berather, sein Prophet; ab-r keine dieser Eigenschaften hat Israel mit seinem Namen verflochten, Israel nennt ihn nur — „Mose, unser Lehrer". Daß ein Volk, welches das Wissen so hoch hält, daß »es dasselbe zum ersten Postulat für ein religiöses Leben macht, ein hervorragender Faktor in der Kulturgeschichte der Menschheit werden mußte, ist ebenso natürlich, wie die Geringschätzung der Völker Israel gegenüber unnatürlich ist. Das Wort des Propheten i) Der Ausdruck Hban-fTO findet sich nur Jes. 56, 7, und zwar als Bezeichnung für den Tempel in Jerusalem. WM mma DK '2 N22 bvra üb „nicht durch Heeresmacht und nicht durch Waffengewalt, sondern durch meinen Geist werdet ihr siegen" — es ist an Israels Geistesarbeit zur Wahrheit geworden. Eineni mächtigen Strom gleich ergoß sich der Geist unserer Litteratur über alle Völker und Länder, alles überfluthend, was menschlicher Unverstand im Laufe von Jahrtausenden an Thorheit und Aberglauben aufgehäuft hatte. Israels Bibel ist zum Weltenbuch geworden, zum Heilsquell für alle Völker der Erde. Freilich hat dieser beispiellose Erfolg des jüdischen Geistes uns wenig Segen gebracht; doch wann hätten sich die Menschen dankbar gegen ihre Wohlthäter gezeigt? Hat Sokrates nicht den Giftbecher trinken, Galiläi seine Weisheit nicht im Kerker büßen müssen? Wurde Giordano Bruno nicht verbrannt, Kolumbus nicht gefesselt aus dem Lande entfernt, welches er entdeckt? Und was anderes hat jener Prometheus, den die welterfahrene griechische Volkssage zu ewigen Qualen verdammt, verbrochen, als daß er einen Funken göttlicher Wahrheit unter die Menschen geworfen? Auch Israel war ein solcher Prometheus. Es brachte der Menschheit den Himmelsfunken geläuterter Gottesanschauung, hob sie hervor aus der Tiefe der Barbarei zur Höhe sittlichen Empfindens, und dafür wurde es in Eisen geschmiedet, dafür sollten Geier seinen Körper zerfleischen. Doch so viel der Haß der Völker Israel auch genommen, eins konnte er ihm nicht nehmen — seinen Wissensdrang. Trotz Druck und Elend, Verachtung und Verfolgung, entfaltete Israel eine geistige Thätigkeit, schuf es eine Litteratur, die man mit Fug und Recht eine Weltlitteratur im Kleinen nennen kann. Griechische Weisheit und römisches Recht, arabische Philosophie und spanische Poesie, alles strömt im Judenthnm zusannnen, alles verarbeitete der emsige jüdische Geist, um es durch das Prisma seiner Individualität in eigenartigen Farben widerstrahlen zu lassen. Aber auch wo keine Anregung von außen vorhanden war, ermattete der jüdische Geist nicht, sondern aus sich selbst heraus seine Nahrung sauqend, trieb er frische Blüthen, die ihm zur schönsten Zierde gereichen. Gerade in der Zeit, wo die Kultur der griechischen Welt vom Dogma des siegende» Christenthums in den Staub getreten war lind die Geister im christlichen Abendland, des Denkeils müde, im Schooße des Glaubens Zuflucht suchten — entstand im Judenthum jene talmudische Litteratur, bei deren Studium man ordentlich in Verlegenheit ist, ob man mehr den Scharfsinn bewunderir soll, der sich in der „Halacha" offenbart, oder die Tiefe des Gemüthes, die in de» Werken der „Haggada" ihren Ausdruck findet. Aber gerade über dieser nachbiblischen Litteratur unseres Volkes, die umsomehr Bewunderung verdient, als sie unter Umständen entstanden ist, unter welchen andere Völker zu verkoinmen pflegen, schwebt von jeher ein Unglücksstern. Die christliche Welt, welche die erste Phase der jüdischen Litteratur vergötterte und die jüdische Bibel bis zum Hinlinel erhob, konnte sich Jahrhunderte lang mit dem Gedanken nicht befreunden, daß auch in der sogenannten rabbinischen Litteratur Perlen enthalten seien, welche sich würdig der Weltlitteratlir anreihen. Freilich war diese rabbinische Litteratur, welche hebräisch geschrieben ist, d. h. in einer Sprache, welche zu lernen dem mittelalterlichen Gelehrtenzopf eine lächerliche Zumuthung gewesen wäre, der nichtjüdischen Welt unzugänglich, aber was man nicht kennt, das sollte man doch von vornherein nicht verdammen, und dennoch wurde ihr alles Mögliche angedichtet, hat man sie als Ausgeburt der Hölle verschrieen. Man hatte eben Israel zu den Todten gezählt oder wenigstens für einen abgelebten Greis gehalten, wie sollte man von ihm noch Leistungen erwarten, welche Geistesfrische und Herzenswärme zur Voraussetzung haben? Wer hätte in dem gebeugten Juden, der auf der Straße scheu jedem Christenbuben auswich, den

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