Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 38 (23.9.1898)
- Date
- 1898-09-23
- Page
- Seite 449 (sequence 5)
- Language
- German
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m WWWMWKWMMMMWMMMUMWW>Mi^tzM 449 Deutsche jüdische Reisende, die schon 20 Jahre Frankreich besuchen, erzählten, daß ihre christlichen Kunden sich weigern, ferner mit ihnen in Handelsbeziehungen zu treten. Einem jüdischen Studenten der Medizin, meinem Tischnachbar, bangte vor dem Examen, weil der Examinator ein— enragirter Antisemit ist. Und so ließe sich die Leidensskala der Juden leicht noch um Erkleckliches vermehren, was ich aber als schon bekannt lieber voraussetze. Ein deutscher Jude gab mir auch als Grund für diese bedauerlichen Wahrnehmungen den Abfall der französischen Juden vom Vüterglauben an und wollte das Ganze alsleine^Strafe von^ Gott gesendet wissen, um die Verirrten zur Umkehr zu veranlassen. Anlaß zum Einschreiten der allwaltenden Vorsehung böte sich allerdings, denn die französischen Juden sind kaum mehr als dem Namen nach Juden. Sabbathfeier und Speisegesetze werden nicht beachtet, ja verhöhnt! Uns aber geziemt es nicht, uns zum Richter über Andere aufzuwerfen, sondern uns selbst in diesen „Tagen der Buße" reuig an die Brust zu schlagen und zu beten: Gott besser's! Nie geistige Veranlagung der Juden. Von Rabbiner Dr. S. Landau in Krakau. ls Rabban Jochanan ben Sakkaj in das römische Lager trat, und Vespasian leutselig ihn aufforderte, sich eine Gnade zu'erbitten, da antwortete er: „Laß mich ein Lehrhaus in Jabne gründen." Eingezwängt von dem eisernen Ring der Legionen, befand sich damals Jerusalem in Noth und Verzweiflung. Draußen arbeiteten emsig die römischen Belagerungsmaschinen, deren wuchtige Stöße die Mauern der Stadt immer mehr erschütterten, während im Innern ein blutiger Parteikampf wüthete, der die besten Kräfte der Vertheidigung vernichtete. Alles stand auf dem Spiele: Jerusalem und der Tempel, Vaterland und Freiheit. Und R. Jochanan ben Sakkaj, der diese namenlose Noth mit eigenen Augen geschaut und mit Gefahr seines Lebens Jerusalem verlassen hatte, um mit dein ganzen Zauber seiner Persönlichkeit bei dem Römer Fürsprache einzulegen für sein unglücklich Volk — er hat keine andere Bitte als die Gründung eines Lehrhauses in Jabne! Manche tadelten auch R. Jochanan dafür, daß er die Gunst Vespasians nicht besser benutzt, seinen persönlichen Einfluß Politisch nicht besser ausgebeutet, und wandten auf ihn den Vers an (Jes. 44, 25) „Der Herr führt die Weisen irre, verwirrt ihren Verstand". Allein Derjenige, der diesen Tadel ausgesprochen, R. Akiba, lebte zu einer Zeit, in welcher das Unglück, das Über Juda hereingebrochen war, in den Gemüthern noch schmerzlich nachzitterte. Unter den Zeitgenossen R. Akibas lebte so Mancher, der Jerusalenr und den Tempel in ihrer Pracht und Herrlichkeit noch mit eigenen Augen geschaut, mit eigenem Arm noch für Vaterland und Freiheit gekämpft. Ob R. Akiba den Tempel noch gesehen hat, wissen wir freilich nicht, aber gerade R. Akiba gehörte ja zu jenen glühenden Patrioten, welche die Hoffnung auf Wiedererlangung der politischen Selbstständigkeit durch Waffengewalt niemals aufgeben wollten, und welche diesen schönen Traum im Barkochbakriege mit ihrem Leben bezahlt haben. In den Augen dieses kriegerischen Geschlechter mochte R. Jochanan mit seiner Bitte an Vespasian allerdings sehr kleinlich erscheinen. Anstatt eines stolzen Vaterlandes — ein bescheidenes Lehrhaus; anstatt einer todesmuthigen Kriegerschaar — ein Häuflein Gelehrter, — welch armseliger Tausch! Doch wir, die wir 1800 Jahre später leben und mit unbefangenem Auge auf den tausendfach verschlungenen Gang der Geschichte zurückblicken, wir beugen ehrfurchtsvoll das Haupt vor jenem Manne, der, einem Propheten gleich, die Zukunft durchschaute und in jenem furchtbaren Augenblicke, wo Juda, aus tausend Wunden blutend, in Todeszuckungen lag, das rechte Mittel zu seiner Genesung fand, de» Zaubertrank ihm reichte, welcher den jüdischen Volksstamm unsterblich machen sollte. Man hat in unbegreiflicher Verblendung Israel mit Ahasver verglichen, jenem ewigen Juden in der Sage, der ruhelos umherwandert, ohne sterben zu können. Man hat eben dabei übersehen, daß Ahasver von einer inneren Unruhe getrieben werde, Israel aber stets von außen beunruhigt worden ist. Nicht ein innerer Trieb war es, der Israel den Wanderstab in die Hand drückte, sondern der Haß der Völker, der es überall aufscheuchte und zum Weiterziehen zwang. Der Ahasver der Sage ist lebensmüde und sehnt sich nach dem Tode; Israel aber ist voller Lebenslust und Lebenskraft. Israel will nicht sterben. Denn an Gelegenheit hierzu hat es ihm wahrlich niemals gemangelt. Haben ja fast alle Völker, mit welchen Israel auf seiner zweitausendjährigen Wanderung in Berührung gekommen ist, an Erfindungen geradezu mit einander gewetteifert, ihm das Leben recht sauer zu machen. Selbst die edleren Elemente unter den Nationen, welche die Gewaltmaßregeln gegen Israel mißbilligten, haben es an Versuchen nicht fehlen lassen, durch sanftes Zureden es zum Selbstmorde zu bewegen. sJa. wir Israeliten sind dasjenige Volk, welches am leichtesten und bequemsten hätte sterben können.. Denn Abschied zu nehmen von einem Leben, das man, wie Israel, niemals mit Ruhe genieße» kann, ist an sich schon nicht schwer, und hält man dem noch die Freuden gegenüber, welche jenseits, wir meinen jenseits des Judenthums, den Israeliten erwarten. Vaterland und Freiheit, Ehrenämter und Würden, dann wird man gestehen müssen, daß ein solcher Selbstmord recht viel des Verlockenden hatte. Aber Israel wollte nicht sterben, und der Schlüssel zu diesem Geheimnisse, die Lösung des großen Räthsels, warum gerade Israel mit solcher Zähigkeit und Beharrlichkeit an seinem Leben festhielt — sie find in jener Bitte enthalten, welche R. Jochanan ben Sakkaj dem siegenden Flavier, das untergehende Jerusalem dem weltbeherrschendcn Rom hat vorgetragen. Denn ob mau uns eine religiöse oder eine nationale Gemeinschaft nennt, oder beides zugleich, weder das eine noch das andere noch beides zusammen erklären uns die wunderbare Erscheinung, daß wir Juden zwei Jahrtausende nach dem Untergange unseres Staatswesens noch existiren. Denn fast alle Völker des Alterthums bildeten nicht nur eine nationale, sondern auch eine religiöse Besonderheit, auch um ihre Angehörigen schlang sich das doppelte Band sowohl gemeinsamer Abstammung, als auch gemeinsamer Gottesanschauung und Gottesverehrung, aber das hinderte dennoch nicht, daß sie im Drange der Zeiten ihre Eigenart eiubüßten und vom Schauplatz der Geschichte verschwanden. Auch Israel würde ein gleiches Schicksal erfahren haben, hätte es aus der Zeit seines staatlichen Bestehens weiter nichts gerettet als einige Raffeneigenthümlichkeiten und dasjenige, was man gewöhnlich unter Religion zu verstehen pflegt — eine Summe von Glaubenssätzen und heiligen Bräuchen. Aber was Israel aus dem Zusammenbruch seiner nätioiialen Selbständigkeit gerettet, das waren mehr als Glaubenssätze und Glaubensformeln, mehr als nationale Eigenthümlichkeiten und heilige, von den Vätern überkommene Bräuche. Israel rettete das Lehrhaus zu Jabne und mit ihm eine Literatur, die, weil sie das Höchste, die Gottheit selbst, zu ihrem Mittelpunkte hat, ihre Träger zu einer Höhe emporhob, au welche die brandenden Wogen der dahinbrausenden Jahrhunderte nicht heranreichen konnten. „Staaten und Völker gingen unter, Throne stürzteil und Welttheile bebten, Israel aber — lag gebeugt über seinen Büchern und