Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 38 (23.9.1898)
- Date
- 1898-09-23
- Page
- Seite 448 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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cjTf 448 vorlegt. Derselbe enthält abermals viele Angriffe auf die Juden, deren Quelle die Berichte der griechisch-orthodoxen Bischöfe stich, auf deren Rapporten der Bericht beruht. Die folgende Stelle ist besonders charakteristisch für die ganze Tonart des Berichts: „Die schlauen, betrügerischen Juden haben alle Zweige des Handels und der Industrie an sich gerissen, und sie wissen es gut, wie sie es zu machen haben, um dem einfachen Russen das Blut auszusaugen. Besonders bedenklich ist es, daß die Juden im Branntweinhandel vorherrschen und alle WirthshLuser besitzen. Sie lassen die Russen große Quantitäten Branntwein trinken, und wenn dieselben dann kein Geld haben, so werden sie von den Juden verführt, ihnen als Pfand für die Trinkschulden Kleidungsstücke, sonstiges Eigenthum, ja auch das Korn zu überlassen, das noch auf dem Felde steht. So ruiniren sie die Griechisch-Orthodoxen. Aber sogar auf religiösem und moralischem Gebiet ist der Einfluß der Juden den Griechisch-Orthodoxen verderblich. Die Russen lernen von den Juden zu schwören, sich zu verfluchen, zu betrügen, zu queruliren und unbegründete Streitigkeiten vor die Gerichte zu bringen. Die Juden, die die Märkte beherrschen, besorgen den größten Theil ihrer Geschäfte am Sonntag und verhindern dadurch die Russen, die Kirchen aufzusuchen." Nach diesen beweglichen Lamentationen sollte man doch annehmen, daß die Ruffen im inneren Rußland, wo keine Juden wohnen dürfen, wahre Engel sein müssen. Leider besagen aber alle Berichte das Gegentheil. Der Bauer im Innern Rußlands säuft und flucht nicht weniger, eher mehr als sein Vetter im Ansiedelungsrayon, wie dies alle sachverständigen Beurtheiler bestätigen. Der Antisemitismus in Frankreich. Von Pinchas Pfeifer. kann nicht meine Aufgabe sein, all den Gründen nachzuhQc) spüren für die Entstehung und Ausbreitung dieser Völker- ' pest, sondern nur das wiederzugeben beabsichtige ich, was ich während eines sechswöchentlichen Aufenthaltes in einer französischen Stadt mit 100000 Einwohnern, worunter 5000 jüdische Seelen, zu beobachten Gelegenheit hatte. Der Antisemitismus gleicht in der Art und Weise seiner Verbreitung ganz der verheerenden Seuche; die Krankheitserreger werden durch einen einzigen importirt und breiten sich dann mit so unheimlicher Raschheit aus, daß Jeder, der direkt mit dem gefährlichen Kontagium in Berührung kommt, sofort davon befallen wird und, was das Schlimmste ist, zum Ansteckungsherd für Hunderte bisher intakt gebliebener Nebenmenschen wird. So nur ist es einigermaßen erklärlich, daß Frankreich, bisher das Emporium der verbrüderten Gleichheit und Freiheit, so tief und rasch im Sumpf des Judenhasses untersinken konnte und nun mit den kaum noch freien Armen die verzweifeltsten Anstrengungen macht, sich über Bord zu halten. Ob lediglich der Antisemitismus die Affäre Dreyfus geschaffen, oder diese jenen erst zum eruptiven Ausbruch gebracht hat, dürfte nicht so leicht von kurzer Hand zu beantworten sein, wie es ja auch nicht an Stimmen fehlt, die — Bismarck dafür verantwortlich machen. Wie dem auch sei, ohne Zweifel ist sei»» Dasein eine schwere Geisel für die Juden, und es will selbst wenig sagen, wenn christliche Gelehrte in jüdischen Litteraturvereinen die Lauterkeit und hehre Reife der jüdischen Moral preisen und Lobeshymnen auf die glorreiche Vergangenheit Israels anstimmen. Das Echo verhallt zumeist innerhalb der vier Wände, und auf den Straßen herrscht nach wie vor der — Mob. Die Straßendemonstrationen, die jetzt zum Alltäglichen gehören, und die die Studenten auch hier inszenirten, nahmen ein bedrohliches Aussehen an. Doch ich will vorerst erzählen, wie ich zum ersten Male vom französischen Antisemitismus erfuhr. Es war am vierten Tage meiner Ankunft, als mich ein Herr von 19—20 Jahren zu meiner Wohnung begleitete, nachdem ich TagS vorher seine Bekanntschaft im Hörsaale des Universitätsgebäudes gemacht und wir gegenseitig unser Nationale festgestellt hatten. Ich zeigte ihm en passant das Restaurant, wo ich abgestiegen war; kaum hatte ich den Namen desselben genannt — es trägt zudem nur den Namen einer französischen Stadt — als er ausrief: Ce sont des juifs; ich erwiederte ihm kurz, daß ich auch Jude sei und meine Gesellschaft Niemand aufdrängen wolle, der vielleicht daran Anstoß nehme. Er fügte nun wie entschuldigend hinzu, daß er, wiewohl Protestant, die Juden durchaus nicht haste, vielmehr tief bemitleide, überhaupt keinem Juden rathen möge, hierher zu kommen; dann holte er weiter aus und erzählte mir, wie er Zeuge des großen Studentenkrawalls gewesen, daß er täglich Zeuge sei, wie man dieselben bei ihm zu Tische beschimpft, und seine Hausfrau den Diskurs mit den Worten einleitet: Die Juden sind geborene Betrüger. „Sehen Sie dort an der Häuserwand!" und, mich führend, zeigte er mir die höhnenden Worte, die wie scharfe Messer mir ins Herz schnitten und sich wie eine Trauerguirlande eine ganze Häuserflucht entlang wanden: blort aux juifs. A bas les juifs! Einmal auf diese Zeichen eines abgrundtiefen Haffes aufmerksam gemacht, entdeckte ich täglich neue Blasphemien; in allen öffentlichen Bedürfnißorten fand ich den Stempeldruck: Framjais, n’achetez rien aux juifs! Nach zwei Tagen lud mich mein Bekannter wieder zu einem Spaziergang ein und bat mich dann, ihm in seine Wohnung zu folgen. Ich trat mit dem Bemerken ins Haus, daß ich wohl der erste Jude sei, der die Schwelle dieses Hauses, das ich ja bereits als eine Hochburg des Antisemitismus kannte, übertrete; er erwiederte nichts, sondern, im Zimmer angekommen, öffnete er den Schrank und überreichte mir als sein Kreditiv eine — Tefilah! Ich war vor Erstaunen konsternirt. Er brach zuerst das „beredte" Schweigen, dann erzählte er mir, daß er auch Jude sei, allerdings ganz frei erzogen, daß sein Großvater sogar Rabbiner gewesen war, und er aus Furcht und weil er einen christlich klingenden Namen trage, sich für einen Protestanten „ausgebe" und allsonntäglich den protestantischen Gottesdienst besuche; doch fühle er trotz alledem den Boden so heiß unter den Füßen, daß er entschloffen sei, mit Ende des Monats nach Genf zu reisen, um dort seine Studien fortzusetzen. Als ich ihm noch erzählte, daß mich der Gottesdienst in der prächtigen Synagoge sehr angesprochen habe, bat er mich, ihn auch einmal mit dorthin zu nehmen, aber — erst am letzten Tage seines Hierseins. Nicht nur die Jünglinge sind so eingeschüchtert, daß sie selbst ihren Glauben verleugnen, ganz dieselbe Angst und Furcht fand ich auch bei Erwachsenen. Sie erschrecken, wenn man sie Juden nennt, und mein Hauswirth bat mich mit allen Zeichen des Entsetzens, beim Lesen des Journals auf der Terrasse das Titelblatt der „l'Aurore" doch den Vorübergehenden zu verdecken; beschwichtigend forderte er seine Gäste auf, doch ja nicht so laut deutsch zu sprechen, man könnte es auf der Straße hören. Das hat mit seinem wüsten Geheul der Antisemitismus aus den Juden gemacht, die die hundertjährige Wiederkehr ihrer Emanzipation gefeiert haben. Ein hier ansässiger Viehhändler, den ich selbst nach mehrmaligem Zusammentreffen nicht als Juden erkannt habe, erzählte mir, wie man ihn vor einigen Tagen ohne einen Anlaß mit Steinwürfen verfolgt habe. Wenn deutsche und französische Juden zusammentreffen, ist das Thema ihres Gesprächs der Antisemitismus, und Jene suchen Diese immer zu trösten, unter Hinweis auf ihr Vaterland, daß die Bewegung bald sich verlaufen möge, aber ungläubig hören Jene zu.