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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-23 · Heft 38 (23.9.1898) · p. Seite 447

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 38 (23.9.1898)
Date
1898-09-23
Page
Seite 447 (sequence 3)
Language
German
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447 In dem Dilemma zwischen undeutscher Politik und Judenhaß hat die antisemitische Presse es nicht gescheut, gegen DreyfuS Stellung zu nehmen, obwohl sie ja so genau wie wir alle wußten, daß der ganze Handel einen deutschfeindlichen Untergrund hatte. Ihr Haß gegen die Juden trieb sie aber so weit, mit den schlimmsten Feinden Deutschlands an einem Strange zu ziehen. Wie weit dieser Haß^geht, zeigt die Bemerkung eines antisemitischen Blattes, das Diejenigen, „die immer wieder von einem Zusammenbruch des französischen Generalstabes sprechen", daran erinnert, „daß dieser selbe Generalstab seit Jahren von Jude» durchsetzt war", und daß sich „hieraus jene Korruption erklärt, die für ein Land, das seine Armee judenrein hält, einfach undenkbar ist". Abgesehen davon, daß der Vordersatz thatsächlich unrichtig ist, muß doch die Schlußfolgerung selbst für Antisemiten nothwendig das Erstaunen darüber sein, daß sämmtliche Offiziere des französischen Generalstabes, die in diese Angelegenheit verwickelt sind, mit Ausnahme von Dreyfus selbst, nicht nur Nichtjuden, sondern sogar ausgesprochene Judenfeinde sind. Wo bleibt da die Logik? * Den Zionisten ist ein großes Malheur passirt, und wir stehen nicht an, ihnen bei diesem Anlaß unser tiefes Mitgefühl auszusprechen. Sie sind nämlich von der „Kreuzzeitung" um ihrer Bestrebungen willen gelobt worden! Das fromme Blatt ist empört darüber, daß die zionistische Idee bei den Juden des Westens keinen Anklang findet. Der Erfolg des Zionistenkongresses ist für die „Kreuzzeitung" nur „der Ausdruck für die Empfindung weiter jüdischer Kreise, daß es so wie bisher nicht weitergehen könne". Was das Blatt darunter versteht, kann man sich denken: Die Solidarität der Juden, die es in der „Beschönigung jüdischer Untugenden" sieht, muß aufhören. Die befleren Juden sollen sich entschließen, „innerhalb der jüdischen Gemeinschaft auf bessere Ordnung zu halten und unsaubere Elemente abzustoßen", „die politischen, wirthschaftlichen und sittlichen Ausschreitungen im eigenen Lager" zu bekämpfen, „dem zersetzenden Treiben der jüdischen Presse Zügel anzulegen" und was dergleichen hundertmal gebrauchte und ebenso oft widerlegte Phrasen aus dem antisemitischen Taschenlexikon mehr sind. Das alles aber soll der Zionismus in die Wege leiten. Dann will die „Kreuzzeitung" ihm ihre Sympathien zuwenden. Nochmals unser tvärmstes Beileid. * Es wird sicher in weiten Kreisen nicht geringe Verwunderung erregen, wenn man angesichts der Hetze gegen die französischen Juden jetzt aus zuverlässiger Quelle erfährt, daß die Verminderung der Juden in Frankreich eine unzweifelhafte Thatsache sei. Es leben in ganz Frankreich 71 000 Juden unter 38 Millionen Einwohnern. Unter dem Kaiserreich, Mitte der fünfziger Jahre, wurden 00 000 Juden in Frankreich angegeben. Durch die Abtrennung von Elsaß-Lothringen wurden etwa 25000 Juden abgelöst, doch muß die Gesammtzahl der Juden sich in der Zeit von 1855 bis 1870 vermehrt gehabt haben. Nach dem Frankfurter Frieden sind fortwährend viele jüdische Familien — siehe die Familie Dreyfus — nach Frankreich übergesiedelt, so daß in Elsaß-Lothringen eine Minderheit eintrat, die freilich durch Einwanderung aus dem übrigen Deutschland reichlich ausgeglichen wurde. Seit 20 Jahren sind in Paris namentlich auch einige Tausend Juden aus Rußland eingewandert. Aus Oesterreich-Ungarn, Rumänien, Rußland u. s. w. findet ein fortwährender Zuzug von Juden statt. Nach authentischen Wahrnehmungen sind seit 25 Jahren mindestens 15 000 Juden aus dem Auslande »ach Paris gekommen, wo freilich über die Hälfte aller Juden Frankreichs wohnen. Aber auch in den Provinzen sind welche zugewandert. Und trotzdem nur 71 000 Juden! Eine natürliche Mehrung findet also keineswegs statt, wie denn auch alle Kundigen eingestehen, daß ohne Einwanderung die Juden in Frankreich aussterben würden, wenn auch erst in längerer Zeit. Hauptursache davon sind leider die zahlreichen Mischehen, bei denen die Nachkommenschaft christlich wird, selbst wenn die Ehe nur standesamtlich geschloffen wurde. In Paris allein leben mehr als 50 000 Juden. In 56 (von 87) Departements giebt es gar keine Synagogengemeinden. Und darum Räuber und Mörder! Aber auch in Algier leben, wie wir jetzt aus dem Bericht der französischen Regierung über die neue Konsistorialeintheilung zu unserer Ueberraschung erfahren, im Ganzen nur 48763 Juden. Nach dem von den Antisemiten gemachten Getöse hätte Jeder auf Hunderttausende Juden geschloffen, die alle wirthschaftliche und politische Gewalt in Händen hätten, die Wahlen entschieden rc. Wenn die Juden in Algier Ansehen und Einfluß besitzen und etwas vorstellen, so kommt das hauptsächlich daher, daß sie seßhaft sind und in ansehnlicheren Städten gruppenweise zusammenwohnen. Dort haben sie sich auch französische Sprache, europäische Gewohnheiten und allgemeine Bildung erworben. Die Zahl der Juden hat sich dabei in Algier nicht entfernt so vermehrt wie die der übrigen Bevölkerung, ja eher noch vermindert. * Wiederum wird von zionistischer Seite mit geheimnißvollen Andeutungen gespielt, die die leichtgläubige Masse in dem Wahn bestärken sollen, daß die Sicherung der „öffentlich-rechtlichen Heimstätte" in Palästina Gegenstand irgend welcher vertraulicher diplomatischer Unterhandlungen sei, die augenblicklich eine günstige Wendung angenommen haben. Das Alles wird natürlich beileibe nicht gesagt, sondern nur vorsichtig angedeutet. Sollte ein Unvorsichtiger, Ungeduldiger dann interpelliren, wird alles in Abrede gestellt, aber auch dies wieder in einer so diplomatischen Weise, daß Manche erst recht an die Sache selbst glauben. Dem gegenüber ist es von Bedeutung, die wirklichen Anschauungen der türkischen Diplomaten über den Zionismus kennen zu lernen. Ein Korrespondent des „Jewisli Clironicle“ hatte eine Unterredung mit Rev. Dr. H. Pereira Mendes, dem bekannten Oberhaupt der Sephardim in New-Aork. Dabei kam das Gespräch auch auf den Zionismus, und Mendes erzählte, daß er in der Konferenz der orthodoxen Genieinden Amerikas eine Resolution befürwortet habe, die sich zu Gunsten des gemäßigten Zionismus aussprach. Dieses Faktum kain dem türkischen Botschafter in Washington zu Ohren, worauf derselbe Gelegenheit nahm, unter ausdrücklicher Betonung der günstigen Gesinnung des Sultans für die Juden dennoch auf das Schärfste gegen jeden Plan aufzutreten, der eine politische Unabhängigkeit Palästinas in irgend einer Form anstrebe. Rev. Mendes trat in Korrespondenz mit dem Botschafter und gelangte durch diesen Gedankenaustausch zu der Ueberzeugung, daß die türkische Regierung durch die Agitation des politischen Zionismus mißtrauisch gewordell sei, und daß darin auch das Einwanderungsverbot und die Erschwerungen der Kolonisation ihren Grund habe». Mendes ist der Meinung, daß es der äußersten Vorsicht bedürfe, um den bestehenden Kolonien nicht wider Willen großen Schaden zuzufügen. * Pobedonoszew hat wieder einmal gesprochen. Und zwar in dem mit großer Verspätung erschienenen Bericht über die Jahre 1894 und 1895, welchen der Proknrator des heiligen Synods dem Zaren

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