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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-23 · Heft 38 (23.9.1898) · p. Seite 446

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 38 (23.9.1898)
Date
1898-09-23
Page
Seite 446 (sequence 2)
Language
German
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446 Welt in Jrrthum versunken sieht, neben dem SchmerL über so viel Irrende nicht auch sich des Glückes freuen, daß sein Geist erleuchtet ist; nur hat der Besitzer eigenthümlicher Erkenntniß ein entgegengesetztes Streben als der Besitzer von Geld und Gut. Irdische Schätze, die möchte Jeder nur für sich haben und höchstens einen Bruchtheil derselben Anderen widmen; auch alle Standesprivilegien gewinnen an Werth, je geringer die Zahl Derer ist, die sie genießen; aber wer eine reine Erkenntniß erworben hat, der hat gerade den lebhaften Drang, sie mitzutheilen, sie auszubreiten, und er fühlt es nicht als ein Glück, wenn die Menschen sie ihm allein überlaflen, sondern er sieht darin einen Schmerz und eine Kränkung. Als Josua einige Männer gottbegeistert reden hörte, da sagte er zu Moseh: O, mein Lehrer, sperre sie ins Gefängniß; denn er fürchtete, sein Lehrer Moseh könnte an Würde einbüßen, wenn der gottbegeisterten Propheten zu viel aus dem Volk sich erhöben; aber Moseh, der Weisere, sprach: Wer wollte, das Volk Gottes wären lauter Propheten, daß Gott seinen Geist ihnen gäbe. So sagen auch gerade die Besten in Israel, Diejenigen, denen die erhellenden Lehren unseres Glaubens am meisten Geist und Gemüth erleuchtet haben: Wollte Gott, daß alle Menschen die Erkenntniß des Sinai sich zu eigen machten, und in feierlichen Worten beten wir um diese Ausbreitung der Wahrheit gerade an unseren heiligsten Tagen. Aber der jüdische Gedanke hat es stets verschmäht, die rohe Gewalt zu Hilfe zu rufen, um durch sie die Welt zu gewinnen. Das MosiSwort: Gott soll seinen Geist auf sie legen, es schwebte seinen Jüngern ständig vor, und so wollten sie nur das Schwert des Gedankens, die Waffen der Vernunft benutzen, um zu siegen; besser in der Minderheit bleiben und Verfolgung ertragen als durch Verfolgung zur Mehrheit werden. So vertraut Juda der Macht der Idee und harret des Tages, des großen Versöhnungstages, wo die Menschheit vergessen wird den Streit um Formen und Formeln, wo sie aufhören wird, das Trennende zu suchen. Der Talmud erzählt: Einst trat Onkelos, der Sohn des Kleonimos, zum Judenthum über; da schickte der Kaiser seine Mannen aus, um ihn zu holen, um ihn zu strafen für seinen Abfall; aber begeistert sprach der Proselyt zu den Kriegern von der neu gewonnenen Wahrheit, er erläuterte ihnen die Schrift, daß sie eine Lehre der Liebe sei, daß sie Versöhnung künde, und seiner Beredsamkeit wich der Trotz der Soldaten, sie erkarinten, daß Onkelos schuldlos sei> sie traten selbst zum Judenthum über. Da schickte aufs Neue der Kaiser Leute zu dem Abtrünnigen und hieß sie, sich in keine Unterredung einzulaffen mit dem beredten Manne; sie kamen zu Onkelos, als dieser erfuhr, daß die Soldaten keine längere religiöse Betrachtung anhören durften, da sagte er: So will ich eine flüchtige Bemerkung Euch vortragen: sehet, in der Welt bedient der Geringere den Vornehmen, daß der Oberste über Hundert dem über Tausend die Fackel vortrage, dieser dem Feldherrn, der Feldherr dem Kaiser; der Kaiser jedoch trägt keinem Menschen die Fackel; aber die Israelitin haben einen Gott, von dem es heißt: er sei mit seiner Feuersäule ihnen vorangezogen, um sie den Weg zu führen. Da erwogen die Diener des Kaisers die Rede des Onkelos, und sie merkten, was er ihnen sage» wollte; er wollte ihnen künden, daß er sich zu einem Gotte bekehrt habe, der nichts für sich begehre, der nur das Heil seiner Geschöpfe zuni Ziele habe, dessen ganze Welt dem Glück der Menschen dienstbar sei; da wandten auch sie sich ab von den heidnischen Göttern, die man für neidisch hielt auf das Wohlergehen der Sterblichen, und sie schlossen sich an dem Dienste des Gottes, der die Fackel voranträgt Denen, die sich zu ihm bekennen. Wieder schickte der Kaiser seine Diener, um ihn zu fassen, und verbot ihnen, überhaupt mit ihm auch nur ein schlichtes Gespräch anzuknüpfen. Als er aus seinem Hause ging, legte er die Hand auf die Pfoste des Hauses, wo nach jüdischer Sitte die Mesusa war. Da plagte die Neugier die Soldaten, und sie begannen selbst die Unterhaltung mit der Frage, was denn diese Mesusa zu bedeuten habe. Sehet, so sagte er, Euer Kaiser sitzt in seinem Palast, und Sklaven halten Wacht an den Thoren. Aber Gottes Diener sind in ihren Zelten, und Gott selbst hält Wacht, daß ihnen kein Leid geschehe, denn so heißt es: Gott behüte deinen Ausgang und deinen Eingang von nun an bis in Ewigkeit. Da bekehrten sich auch diese, und der Kaiser ließ fürder den Onkelos in Frieden walten. Diese Erzählung des Talmud bedarf keiner Erläuterung; sie sagt es deutlich, warum die Lehre Judas hoffen darf, auch ohne Gewalt, einzig durch das Wort und die Wahrheit die Menschen zu bekehren. So möge denn auch uns die Herrlichkeit der Thora leuchtend und siegend sich austhun; möge das Bewußtsein, daß Gott uns erwählt hat, in uns nicht den Stolz, sondern die Demuth wecken. O, daß wir alle die Lust und die Kraft verspürten, uns zu ihm zu wenden, der uns freudig aufnimmt wie ein Vater sein Kind, das aus der Fremde heimkehrt. O, daß die von Gott Begnadeten zu dem Entschluß sich aufrafften, ihr Glück und ihr Gut zu verwalten wie ein.gottvertrautes Pfand; und die von Gott Geprüften mögen es erwägen, daß wir in der Schule der Leiden zur Tugend reifen. Gott hält Wacht an den Pforten unseres Hauses, das sei uns eine Mahnung und eine Heilverkündung, eine Mahnung, uns zu heiligen, eine Heilverkündung; denn wenn Gott bei uns, wen sollen wir fürchten? Gott trägt die Fackel vor uns her: o, daß wir die Augen offen hielten, um in diesem Licht zu wandeln zu den Gefilden der Freuden. Aus uns allen dringe heilkräftig der Ruf: Ich habe verziehen, ich habe mich versöhnt mit der Welt und mit Gott, ich habe aus meinem Herzen geriffen jede Empfindung des Neids, der Mißgunst, der Rache, auf daß ein mächtiger Widerhall aus den Höhen, auf daß der Gottesruf uns entgegentöne: Gott hat verziehen. Me Woche. Berlin, 21. September. enn man uns den Vorwurf machen wollte, daß wir auch anläßlich der bevorstehenden Landtagswahlen wieder Sonderpolitik zu treiben versuchen, so verweisen wir einfach nur auf den ersten der bisher erschienenen Wahlaufrufe. Es ist der der freisinnigen Volkspartei, uird es heißt in diesem Schriftstück unter anderem: „In gleicher Weise konnte den konservativen Parteien gegenüber nur mit einer Mehrheit von wenigen Stimmen der Versuch abgewandt werden, der Willkür der Justizverwaltung in Bezug auf Ausschließung bestimmter Gesellschaftskreise und Konfessionen vom Richterstande Thür und Thor zu öffnen." Die Verhandlungen über den Affefforenparagraphen sind noch in Aller Erinnerung. Aber es werden noch andere Anträge und Gesetzentwürfe zur Berathung kommen, die unsere Jntereffen wesentlich tangiren. „Was bringt zu Ehren? Sich wehren!" Wehren wir uns, so werden wir die Sache, die wir zu vertreten haben, auch zu der Ehre und der Stellung bringen, die ihr gebührt. $ Wer einmal die Geschichte der antisemitischen Partei in Deutschland schreiben wird, der wird an ihrem Verhalten in der Dreh fus- Affäre nicht vorübergehen dürfen. Viel zu wenig ist dieses Verhalten bisher Gegenstand der Beachtung und der Kritik gewesen.

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