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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-23 · Heft 38 (23.9.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 38 (23.9.1898)
Date
1898-09-23
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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WW «WMMMW^MWWW 62. Jahrgang. Nr. 38. SrrUn, 23. September 1898. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Nadbiner Sl*. Ludwig PHMppson-Vonrr Verlags-Expedition: Gerlin, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin 8^., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements - Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redaeteurr. Guft.av Karpeles. ÄnIsE. Leitartikel: Zum Versöhnungstage. — Die Woche. — Der Antisemitismus in Frankreich. Von Pinchas Pfeifer. — Die geistige Veranlagung der Juden. Von Dr. S. Landau. — Die ursprüngliche Heimalh der Germanen. Von R. Grodtzinski. — Feuilleton; Die Rose von Saron. XIII. — „Verzeih uns!" Von W iera Nowikow. — Reisebriefe.— LttterarischeMittheilimgen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Königsberg, Rhbnik, Magdeburg, Oeynhausen, Neuenahr, Hamburg, Ludwigsburg , Wien. — Don Nah nnd Kern. Zum Uersöhnungstage. Berlin. 22. September. s ist bedeutsam, daß nach unserer heiligen Satzung ein ganzer Festesmonat den Reigen eröffnet der Monate des JahreS; denn wir können nicht in den engen Raum eines Tages den gewaltigen Strom der Empfindungen drängen, welcher an der Wende des Jahres aus unseren Herzen fluthet. Und so fführt uns denn die Lehre Israels langsam von dem Neujahrstage zu dem erhabenen Tage der Versöhnung, wo uns des Herrn Wort entgegentönt: „Ich habe verziehen". Und doch, dieses Gotteswort: ich habe verziehen, es ist nur der Widerhall des Tones, der aus dem eigenen Genuithe dringt; die Verzeihung Gottes ist die Folge, und zwar die nothwendige und unbedingte Folge unserer Versöhnung mit Gott, und wie es aus unserer Seele hinaufschallt zu den Höhen, so tönt eS nieder aus den GotteShöhen zu den Tiefen des Herzens. Das ist das Hohe und Herrliche an unserer Lehre, daß wir keine Wallfahrten antreten müffen nach entfernten Stätten, daß.wir bei keinem Priester einkehren, um Verzeihung zu gewinnen, sondern daß wir einkehren müffen bei uns selbst. Judas Lehre kündet: Wie du dich richtest, so richtet dich dein Gott. Wir sagen in unseren Gebeten: Wir haben keinen König, der uns vergeben kann, denn Gott. Und doch ist dies nur bis zu einem gewissen Grade wahr; es giebt noch Einen, der diese Macht besitzt, der es sehr gut mit uns meint, und der alle Freuden der Welt uns bereiten möchte. Denn jeder Mensch besitzt die Kraft, sich selbst zu. verzeihen, wenn er vor dem unbestochenen Urtheil des eigenen Gewissens besteht, wenn er nach ernster Prüfung sich sagen darf: Ich habe nicht gesündigt, oder: Ich habe die Schuld gesühnt. Ja, wir sind Richter in unserer eigenen Sache, aber das Gewissen läßt es nicht zu, daß wir etwas Anderes als Recht sprechen, und all bic, Täuschungen, mit denen wir die Menschen berücken, sie schwinden, wir Nebel vor dem Strahl der Sonne, vor dem klaren und scharfen Auge dieses Richters, der in unserem Busen waltet, und Gott vollstreckt die Befehle dieser Richters, er straft uns, wenn wir vor unseren eigenen Augen strafwürdig dastehen, er belohnt uns mit seligen Freuden, wenn wir uns losgesprochen haben von Fehl und Sünde, er ruft: „Ich habe verziehen", wenn wir selbst uns verzeihen konnten. Der Glaube Israels und die Uebung seiner Gesetze ist auch nicht gebunden an Tempel und Gotteshaus. Dieser Glaube ist zweimal aus der Asche des Tempels zu Jerusalem nur um so reiner wieder emporgestiegen, und die Flammen, die den Tempel zerstörten, waren dem Judenthum Feuer der Läuterung; das Feuer, das niedere und wiederstandSunfähigere Stoffe vernichtet, klärt und reinigt das harte Metall; so waren die Chaldäer, die Römer, die' die Fackel ins Heiligthum schleuderten, Werkzeuge des Höchsten, es war die Himmelsfackel, dir strahlt, auch wenn sie zündet und zerstört. Es erwies sich, daß das Judenthum nicht an Mauern, sondern an Menschen haftet, denn wir sollen die Lehre knüpfen zum Zeichen an unsere Hand, zum Stirnband zwischen unsere Augen, wir sollen sie schreiben an die Pfosten unserer Häuser. Wir haben alle die Sehnsucht, vereint mit unseren Brüdern zu beten in den dem Dienste Gottes allein geweihten Räumen, und es ist das Zeichen eines harten, eines engen und höheren Regungen verschlossenen Geistes, sich auszuschließen, da schon das Bewußtsein, einer großen Genossenschaft anzugehören und an ihren Erfolgen und Freuden Theil zu haben, uns erhebt, uns einen Halt giebt; aber da unser Glaube gestellt ist auf die persönliche Bewährung, da Jeder sein eigener Priester sein nruß, darum konnte ein Israelit femab von der großen Gemeinschaft der Glaubensgenoffen sein Haus aufrichten und dennoch treu bleiben der von den Vätern ererbten Wahrheit; denn an unsere Seele, an unser Haus ist die sinaitische Lehre geknüpft. Was Wunder, wenn wir uns deffen freuen, solch ein Kleinod unser eigen zu nennen, der Erkenntniß theilhaftig zu sein, unser Schicksal, unser Heil und unfern Segen in unserem Busen zu tragen, keines Priesters zu bedürfen, um Verzeihung zu erlangen. Unsere Religion ist reich an Ceremonien, die den Menschen geleiten bis zu seiner letzten Stunde; aber bis auf wenige unwesentliche Ausnahmen ist ihre Uebung in die Hand des ganzen Volkes gelegt, und die Gleichheit Aller hat nirgendwo einen so scharfen und deutlichen Ausdruck gewonnen als im Judenthum. Darob hält sich Israel für auserwählt; aber dieses Volk will keineswegs seine Erzählung als ein Vorrecht wahren, sondern es ist im Gegentheil sein glsthend^ Sehnen, sein Erbe aller Welt zu geben, herauszutreten MS diesem Zustande eines privilegirten Hüters der Wahrheit, aufzuhören. der Auserwählte zu sein, weil Gott alle Menschen erwählt hat.; Wie oft ist Israel dies zum Vorwurf gemacht worden, wie oft wird in diesen Tagen der Vorwurf wiederholt, daß sich Israel höher stellt als die anderen Völker; aber soll denn ein Volk, wenn es die

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